Ernst Eichhorn

Roßtal und die Denkmalpflege

Roßtal als denkmalpflegerisches Ensemble

Die mannigfaltigen Schicksale seiner tausendjährigen Geschichte haben das heutige Erscheinungsbild von Roßtal geprägt. Die frühen historischen Grundlagen wurden bei den Ausgrabungen einer karolingisch-ottonischen Landesburg erkennbar. Diese, eine der bedeutendsten Grabungen in Franken nach dem Zweiten Weltkrieg, beleuchtet die bereits im Frühmittelalter bestandene überlokale Bedeutung des Ortes. Der sogenannte „Schloßberg“, bekrönt von der Kirche St. Lorenz, bestimmt die Maßstäbe des eindrucksvollen Ortsbildes, dem als „Gesamtkunstwerk“ nicht nur allgemeine Bewunderung zukommt, sondern auch Probleme, besonders in denkmalpflegerischer Hinsicht, erwachsen. Zwei Ortsbereiche zeichnen sich ab:

Die unmittelbare Berührungs- und Durchdringungszone beider Bereiche ist der Marktplatz, wo wieder Fachwerk dominiert.

Auf Kirche und Friedhofstorhaus zielt die Spitze des dreieckig angelegten Platzes. Ein offenes Brunnenhäuschen und eine Gruppe steilgiebliger Fachwerkhäuser begrenzen ihn im Westen. Vom Friedhofstor kommend wurde in früheren Zeiten der Blick von einer querorientierten Baugruppe mit breitgelagerten flankierenden Giebelbauten aufgefangen. Von dem ehemals bildkräftigen Platzabschluß existiert heute nur noch das Gasthaus „Zur Sonne“.

Marktplatz. Nordansicht vor dem Rathausbau

An diesen ausdrucksvollen Fachwerkbau schließt sich jetzt nach Osten das moderne Rathaus an. Im übrigen organischen Platzgefüge wirkt es als grelle Dissonanz. Die glückliche Ausgewogenheit der aufeinander abgestellten Häusergruppen ist damit empfindlich gestört. Dem Rathausneubau mußte das frühere Anwesen Haas weichen. Die gesamte, in die Tiefe gestaffelte Baugruppe wurde beseitigt.

Nach dem Rathausbau 1970

Eine andere Alternative, den geplanten Rathausbau an der sog. „Spitzweed“ aufzuführen und den dortigen Löschteich für Garagenbauten auszuwerten, wurde nicht akzeptiert. Von den eingebrachten Bauvorschlägen interessierter Architekten wurde nicht der bestqualifizierte gewählt. Kalt und kontaktarm findet das Gebäude keine Beziehung zu seiner Umgebung. Der bis dahin nur an einigen Stellen leicht lädierte, doch durchaus reparable Zustand eines der schönsten fränkischen Marktplätze erfuhr eine kaum wiedergutzumachende Beeinträchtigung, die von vielen Besuchern Roßtals aus nah und fern mit einhelliger Ablehnung quittiert wird. Das moderne Verwaltungsgebäude, im Innern bezüglich Raumverteilung und Gestaltung sicher gut gelungen, wäre in einer neuzeitlichen Umgebung vermutlich günstiger zu beurteilen; jedoch in einer städtebaulich überaus empfindlichen Position verletzt dieser Bau auf kaum erträgliche Weise ein gewachsenes historisches Ortsbild von seltener Schönheit. Die einzige aus diesem Mißgriff zu ziehende positive Konsequenz wäre ein verstärkter Einsatz für die Bewahrung des noch verbliebenen malerischen Ortsbildes. Es darf nicht weiterhin der sogenannten Moderne geopfert werden, indem Fortschritt mit Zerstörung verwechselt wird. Einen etwas versöhnlicheren Eindruck gewinnt man – nicht ohne Paradoxie –, wenn man den Neubau gewissermaßen von innen nach außen erlebt, d. h. mit Blick auf Marktplatz und Kirchenbereich. Hier haben sich die städtebaulich wesentlichen Elemente am reinsten erhalten. Die schon eingangs erwähnte spitzgieblige Häusergruppe im Westen zielt auf das Torhaus der Friedhofsummauerung, überragt von der massiven Silhouette der Kirche. Das im Straßenrücksprung stehende Brunnenhaus aus offenem Balkenwerk, das die Verbindung zum ehemaligen Anwesen Haas herstellte, ist nun durch den Rathausneubau in seiner ursprünglichen Funktion weitgehend ausgeschaltet.

Einen Abglanz des einstigen Platzensembles vermittelt noch das Gasthaus „Zur Sonne“. Nach dem Verlust der gesamten Baugruppe Haas kommt diesem Gasthaus für die Platzwirkung noch entscheidenderes Gewicht als früher zu. Der stattliche Fachwerkbau ist restaurierungsbedürftig. Die Erhaltung dieses Gebäudes ist sowohl an sich wie auch für das Platzbild unabdingbar. Eine Wiederherstellung liegt primär im Interesse der Denkmalpflege und erscheint deshalb bevorzugt förderungswürdig. Besonderes Augenmerk ist dabei auf die Erhaltung noch vorhandener Fensterkreuze, der Türe mit steinerner Hundehütte und des alten Wirtshausauslegers zu richten. Hier wäre für einen qualifizierten Architekten Gelegenheit, dem angeschlagenen Platzensemble – sowie dem Haus selbst – einen Teil des früheren Ansehens zurückzugeben. Nur durch zukünftige gezielte Denkmalpflege kann das eingetretene Manko einigermaßen abgefangen werden! Auch das sogenannte „Schloß“ gewinnt mit seinem augenfälligen Baugewicht nach dem Abbruch des Haasschen Ensembles als Abschluß der Platzanlage nach Nordosten größere Bedeutung. Im Ortsbild stellt es das Gegengewicht zur Gruppe des Kirchenbereichs her. Fachwerkgiebel und Satteldach gewinnen durch den exponierten Standort des markanten Gebäudes einen wehrhaften Akzent. Beim Aufstieg von der „Unterstadt“ schichten sich die Giebelhäuser eindrucksvoll übereinander. Verdienstvollerweise hat die Gemeindeverwaltung Roßtal bei der Überholung des Fußwegs zum hochgelegenen Marktplatz auf Neupflasterung geachtet; das Material wurde von Trassen aufgelassener Nürnberger Straßenbahnen gewonnen. Bei einer allgemein üblichen Asphaltierung wäre es mit Sicherheit zu einer Frustration, zur Trennung lebendiger Zusammenhänge, am Übergang von der „Unterstadt“ zur „Oberstadt“ gekommen. Die Erhaltung des Baumes neben dem Schloß verdient besonderes Augenmerk; unter Auswertung des ansteigenden Geländes wirkt er als malerische Überbrückung des Terrainunterschiedes. Zugleich soll die Bedeutung der heute oft unterschätzten Baumpflege im Ortsbild nachdrücklich in Erinnerung gebracht werden; so in der Erhaltung der mächtigen Eiche an der Nürnberger Straße als Naturdenkmal. Die Ostseite des Marktplatzes beschließt jenseits des erwähnten Aufstiegs das Anwesen Insenhöfer. Von der „Unterstadt“ her fällt seine hochgelegene Position besonders ins Auge. Das breitgelagerte Obergeschoß mit der dekorativen Wirkung des kürzlich renovierten Fachwerks unterstützt die Geschlossenheit des Platzes. Einige Details wie z. B. Türen sind aus denkmalpflegerischer Sicht verbesserungsbedürftig. Eine gleichzeitige Reduzierung der angebrachten Reklame würde auch dem Platzbild zugute kommen.

Setzt man den Rundgang durch die Rathausgasse fort, so folgen östlich von Kirche und Friedhof, also schon in der äußeren Ringzone, einige Gebäude, die für die Zukunft denkmalpflegerische Aufgaben stellen: Das alte Rathaus wird im Ortsbild nach zwei Richtungen wirksam, nämlich zur Kirche mit Friedhof und im Straßenbild der Rathausgasse. Durch eine Freilegung des unter Verputz liegenden Fachwerks könnte vor allem die Häuserkulisse des Friedhofs um einen wirkungsvollen Blickpunkt bereichert werden. In diese Richtung ist ein Akzent bereits vorgegeben durch den benachbarten Fachwerkstadel, der sich mit seinem Krüppelwalmdach als eines der ältesten erhaltenen Gebäude Roßtals ausweist. Der seitliche Zugang mit Kielbogenabschluß in gotischer Form erhöht den mittelalterlichen Gesamteindruck. Nimmt man die anschließenden Gebäude des bereits renovierten zweiten Pfarrhauses und des noch instandzusetzenden Mesnerhauses dazu, so dürfte hier eines Tages eine der schönsten Fachwerkgruppen des Ortes erstehen. Das zweite Pfarrhaus, ein stattliches Fachwerkgebäude an der Südostecke des Friedhofsbereiches mit den Jahreszahlen 1538 und 1698, stellt die Verbindung zur Rathausgasse her und demonstriert so städtebauliche Gelenkfunktion zwischen innerer und äußerer Ringzone. Der bei der Renovierung verwendete Gelbton der Putzfelder erscheint zu intensiv. Zeitbedingte Patinierung wird jedoch von selbst die wünschenswerte Eingliederung ins Gesamtbild herbeiführen. Tiefbedauerlich bleibt der Abbruch des anschließenden Torbogens, ein kaum verständlicher Eingriff und Verlust, der unbedingt hätte vermieden werden sollen. Das an die Südmauer der Friedhofsbefestigung anschließende Mesnerhaus sollte ebenfalls eine werkgerechte Wiederherstellung seines Fachwerks erfahren und würde damit zur weiteren stilvollen Ergänzung der Friedhofsumgebung beitragen.

Aufgang zum Oberen Markt

Haus am Schloßberg
darüber Schloß (Ostseite)

Das erste Pfarrhaus beherrscht mit seinem gewaltigen spätgotischen Ostgiebel, der an das spätgotische Rathaus der ehemaligen Reichsstadt Esslingen am Neckar (um 1430) erinnert, den gesamten Friedhofsbereich mit einer für Holzbauten erstaunlichen Monumentalität. Der imposante Bau wurde kürzlich instand gesetzt. Zweifellos noch wirkungsvoller käme der stattliche Giebel zur Geltung, wenn an Stelle der jetzigen Nadelbäume Laubbäume angepflanzt wären; diese würden weder eine ungewollte Verfremdung herbeiführen, noch den Durchblick auf den Ostgiebel, einen Ständerbau mit angeblatteten Kopf- und Fußbändern, verstellen. Ursprünglich war der mittelalterliche Eindruck des Ostgiebels noch verstärkt durch einen Krüppelwalm, der wohl im 19. Jahrhundert entfernt und durch den heutigen vereinfachten Fachwerkabschluß ersetzt wurde.

Ein Problem besonderer Art stellt das dem ersten Pfarrhaus benachbarte Anwesen Peipp zur Debatte. Das langgestreckte Fachwerkgebäude bedarf dringend der Renovierung, nicht zuletzt mit Rücksicht auf das bereits wiederhergestellte erste Pfarrhaus. Die Durchführung einer solchen Maßnahme würde auch hier ein eindrucksvolles Fachwerkensemble schaffen. Zur Ergänzung des bäuerlichen Anwesens gehört der nordwestlich sich anschließende Hof mit dem charakteristischen Gewinkel von Nebengebäuden. Zu diesem renovierungsbedürftigen Ensemble fügt sich das zweite Brunnenhäuschen aus offenem Balkenwerk, das bereits restauriert wurde; es ist ebenfalls als nicht unwichtiger Bezugspunkt im Ortsbild zu werten. Auf der 100 m südlich gelegenen „Spitzweed“ besteht – nachdem das neue Rathaus hier nicht errichtet wurde - folgende Situation: Den ansehnlichen Platzraum beherrscht der „Fischhaberstadel“ mit hohem Satteldach. Zusammen mit dem Löschteich und den ihn umgebenden Gebäuden ergibt sich hier gewissermaßen ein malerisch gestalteter „Vorplatz“ zum Kernbereich des Marktplatzes. Allerdings werden gerade an dieser Stelle in Zukunft kaum gewisse Dezimierungen zu vermeiden sein. So wird die Erhaltung der baufälligen Fachwerkgruppe im Südwesten aus Kostengründen problematisch werden. Der Löschteich, zweifellos mit den sich hier spiegelnden Häusergruppen eine der malerischsten Stellen im Ortsbild, wird voraussichtlich verkleinert werden müssen. Käme es zu diesen Maßnahmen, so sollte bei der gärtnerischen Gestaltung des Platzes überaus sorgsam verfahren werden, um eine bei solchen Aufgaben im ländlichen Bereich häufig naheliegende „Urbanisierung“ im Anlagenstil und damit eine verniedlichende Beeinträchtigung des vorwiegend ackerbürgerlichen Ortscharakters zu vermeiden.

Die „Unterstadt“ ist zwar räumlich vom Marktviertel der „Oberstadt“ getrennt, gehört jedoch in ihrem Erscheinungsbild zum „Gesamtensemble Roßtal“. Auch hier gibt es denkmalpflegerische Schwierigkeiten. Gelegentlich überlappen sie sich mit anderen Problemen, z. B. des Straßenbaus. Eine gute Lösung bahnt sich beim Gasthaus Gellen an. Eine verkehrsgefährdende Engstelle wird hier zwar zu einem Hausabbruch führen; erhalten bleibt jedoch der gegenüberliegende gut erneuerte Gasthaustrakt. Die restaurierte Fachwerkfassade gibt sozusagen den Auftakt zu dem überwiegenden Fachwerkcharakter des inneren Ortsbereichs. Eine ähnliche städtebaulich verkehrsbedingte Situation zeigt sich in der östlich des Kirchenbergs verlaufenden Nürnberger Straße, wo ein nachträglich in die Denkmalliste aufgenommener Fachwerkbau über die Fluchtlinie der angrenzenden Gebäude vorspringt und dadurch eine Verengung der Straße herbeiführt. Während sich die Denkmalbehörde bisher für die Erhaltung des Hauses aussprach, plädiert das Straßenbauamt für Abbruch.

Die Bevölkerung Roßtals findet sich glücklicherweise nicht mit der denkmalzerstörerischen Beeinträchtigung seines Ortsbildes ab, wie sie der Rathausneubau verursacht hat. In den letzten Jahren wurde eine zunehmende denkmalbewußte Tendenz erkennbar. Allein in den Jahren 1976 und 1977 sind folgende Gebäude wiederhergestellt worden: erstes und zweites Pfarrhaus, Gasthaus Gellen, Haus Insenhöfer und die beiden Brunnenhäuschen. Doch ist damit die Sicherung des „Ensembles Roßtal“ noch lange nicht abgeschlossen; weitere, keineswegs unproblematische Aufgaben stehen an, von deren gründlichen Durchführung die städtebauliche Zukunft Roßtals mit abhängt:

  1. Freilegung des alten Rathauses
  2. Wiederherstellung des benachbarten Fachwerkstadels
  3. Sicherung bzw. Wiederherstellung des Gasthofs „Zur Sonne“
  4. Renovierung des Anwesens Peipp
  5. Wiederherstellung des Mesnerhauses
  6. eine befriedigende Neugestaltung der Situation am Spitzweed.
Brunnenhäuschen am Wohnhaus Peipp 1. Pfarrhaus, Westgiebel
unt. Stockwerk Wehrmauer


Diese Aufgaben erfordern die ganze Unterstützung des Bürgers; ihre geglückte Lösung gibt nicht zuletzt Zeugnis von seinem Kulturbewußtsein. Denkmalpflege dient dem Wohl des Bürgers, bedeutet "kulturellen Umweltschutz". Es wäre wünschenswert, daß die Bemühungen Roßtals um die Erhaltung seines Ortsbildes die entsprechende Anerkennung finden und von den zuständigen Stellen die Unterstützung erfahren, die es aufgrund seiner Geschichte und kulturellen Bedeutung verdient. Roßtal ist sicher mehr als nur eines der schönsten fränkischen Ortsbilder, es ist zugleich ein Spiegel fränkischer Geschichte, die immer wieder im Ortsbild anklingt. Ob dieses „saxa loquntur“ – die Steine reden – auch für die Zukunft gilt, entscheidet letzten Endes nicht allein das Bayerische Denkmalschutzgesetz, sondern in erster Linie das kulturelle Bewußtsein der Bürger. Zusätzliche Aufgaben denkmalpflegerischer Art dürfte manche „Mitgift“ der nach der Gebietsreform neueingegliederten Gemeinden ergeben. So gab es jüngst einen schmerzlichen, doch nicht vermeidbaren Verlust durch den Abbruch eines der schönsten Fachwerkhäuser Westmittelfrankens, des Hauses Nr. 8 (Rößler) in Weitersdorf; es wird allerdings in absehbarer Zeit in dem neugegründeten Fränkischen Freilandmuseum in Bad Windsheim wieder erstehen.

Quelle:
Kreutzer, Hans; Düthorn, Robert: ROSSTAL Vergangenheit und Gegenwart, Roßtal 1978/79, S.247 ff.