Alfred Steinheimer

Kurze Geschichte der St.-Laurentius-Kirche

Luftbild

Roßtal als Ort wird urkundlich erstmals im Jahre 954 erwähnt. Es kann mit Sicherheit angenommen werden, dass, nach mehr als zweihundert Jahren abgeschlossener Christianisierung des fränkischen Raumes, zu dieser Zeit bereits eine Kirche hier existierte. Von diesem Bauwerk ist allerdings nichts überliefert.

Die bestehende Krypta, die als frühromanisch um das Jahr 1020 erbaut sein soll, könnte Teil einer früheren Kirche gewesen sein. Die Außenwände der Krypta gehen ohne Ansatz in die Fundamentmauern des im 12./13. Jahrhundert errichteten Langhauses der heutigen Pfarrkirche über, was die Vermutung zulässt, dass der heutige Kirchenbau zumindest teilweise auf Grundmauern eines Vorgängerbaues errichtet wurde.

Als Stifterin des Kirchengebäudes, von dem nur noch die Krypta besteht, wird nach Überlieferungen eine Pfalzgräfin Irmingard genannt, die als Lokalheilige verehrt, um das Jahr 1040 starb und deren letzte Ruhestätte, sehr wahrscheinlich, zuerst in der Krypta war. In der Zeit der Gotik fand offenbar eine Umbettung mit der Errichtung eines urkundlich nachgewiesenen Hochgrabmales im Langhaus der Kirche statt.

Bei Grabungen im Jahre 1935 konnte der Platz dieses Hochgrabes, das sich nach alten Kirchenrechnungen vor den Chorstufen eines Marienaltars befand, bestimmt werden. Nach zeitgenössischen Beschreibungen soll dieses Grabdenkmal dem Hochgrab des nachgenannten Kaiserpaares im Dom zu Bamberg ähnlich gewesen sein.

Irmingard wird von den Historikern des 15./16. Jahrhunderts als eine Schwägerin des Kaisers Heinrich II. und seiner Gattin Kunigunde bezeichnet (Heinrich II. gründete im Jahre 1007 das Bistum Bamberg).

Die geschichtlichen Aufzeichnungen nennen ein zweites Grabmal im Chor der Kirche und zwar das eines Herzogs Ernst, der, nach verschiedenen Deutungen, wohl identisch ist mit einem bayerischen Herzog, der unter König Ludwig dem Deutschen um das Jahr 860 in Ungnade fiel und von diesem verbannt wurde. Andere Auffassungen zählen ihn zum Kreis der Anhänger des Schwabenherzogs Liudolf, der im Jahre 954 gegen seinen Vater, dem König Otto I. zu Felde zog. Im Bericht über diese Auseinandersetzung wird unser Ort Roßtal erstmals urkundlich genannt.

Der mächtige Bau der Pfarrkirche, wie er sich heute dem Besucher zeigt, lässt, da Umbau- und Renovierungsphasen im 14./15. Jahrhundert stattfanden, romanische und gotische Stilmerkmale erkennen. Die Kirche wird, erstaunlicherweise erst sehr spät, im Jahre 1314 urkundlich erwähnt1.

(Aus Nürnberger Aufzeichnungen2, auch aus solchen die die Geschichte der Nürnberger Lorenzkirche3 beschreiben, geht hervor, dass Papst Urban VI. im Jahr 1388 die Lorenzkirche in Nürnberg mit der Kirche zu Roßtal, der zu Büchenbach und der in Hollfeld „unierte“ und diese Maßnahme im Jahre 1403 durch Papst Bonifatius wieder aufgehoben wurde).

Im Krieg der Reichsstadt Nürnberg gegen den Burggrafen im Jahre 1388, wurde auch der burggräfliche Besitz in Roßtal verwüstet. Es ist nicht bekannt ob und welche Schäden die Kirche bei dieser Auseinandersetzung4 erlitt.

Feststeht jedoch, dass um diese Zeit, durch eine Baumaßnahme, die ursprünglich im romanischen Stile errichtete Kirche, ihr äußeres und inneres Erscheinungsbild grundlegend veränderte.

Der Vorgang muss sich über Jahrzehnte hingezogen haben, denn erst im 15. Jahrhundert erhielt die Kirche den Choranbau sowie den Turm. Für den Letztgenannten lässt sich die Bauzeit annähernd genau festlegen, da er das Wappen und das Abbild der Nürnberger Burggräfin Elisabeth, der Gattin des Burggrafen Friedrich VI. trägt. Damit ist dokumentiert, dass sie diese Baumaßnahmen förderte.

Der genannte Hohenzoller wurde im Jahre 1415/16 zum Kurfürsten der Mark Brandenburg ernannt und ab diesem Zeitpunkt erscheint der Brandenburger Adler in seinem Wappen. Das an der Südseite des Turmes auf halber Turmhöhe angebrachte Allianzwappen seiner Ehefrau Elisabeth enthält bereits diesen heraldischen Zusatz und da das Sterbejahr der Burggräfin 1442 war, muss der Turm zwischen den genannten Eckdaten errichtet worden sein. Um das Jahr 1500 wurde an der Ostseite des Chores der Ölberg angebaut, was um diese Zeit an vielen fränkischen Pfarrkirchen geschah. Die häufig, so auch hier, von meist unbekannten Künstlern in schlichter Weise ausgeführte Darstellung des Geschehens, wie es im Neuen Testament der Evangelist Markus in 14, 26–42 beschreibt, zeugt vom tiefen religiösen Gefühl der Menschen in dieser Zeit.

Nach dem Einzug der Reformation in Roßtal, beginnend nach 1528, erhielt die Kirche, nun auch in der Funktion einer Predigerkirche, durch den Einbau von Emporen eine weitere Veränderung der Innenansicht.

Beschreibungen aus dem 16. Jahrhundert schildern die Kirche als überaus reich und mit kostbaren Altären ausgestattet, so dass „… ihr keine in 15 Meilen um Nürnberg gleicht“. In den Aufzeichnungen wird auch das Hochgrab der Kirchenstifterin, der Pfalzgräfin Irmingard, im Langhaus der Kirche, wie das des genannten Herzog Ernst genannt. Am 10. August des Jahres 1627, am Patroziniumstag des Hl. Laurentius, vernichtete ein Blitzstrahl, der ein folgenschweres Schadenfeuer auslöste, das Langhaus der Kirche. Dabei stürzte das Gewölbe ein und zerstörte die kostbare Ausstattung. Es werden nicht nur sechs Altäre genannt, sondern auch die beiden Grabmale, die damit verloren gingen; der Turm und der Chor überstanden dieses Unglück.

Der Nürnberger Stadtbaumeister Hans Bien (1591–1632) fertigte wenige Tage nach diesem Ereignis einen Plan der zerstörten Kirche. Noch im gleichen Jahr, der 30-jährige Kriege wütete noch nicht in unserer Region, geschah der Wiederaufbau und ein Jahr später, am 1. Adventsonntag 1628 konnte der erste Gottesdienst nach diesem Unglück wieder gefeiert werden.

Die Außenmauern des Langhauses waren aber nach diesem Brand in ihrer Standfestigkeit so beeinträchtigt, dass beidseits außen eine Anzahl Stützpfeiler errichtet werden mussten. Eine Einwölbung, gleich der ursprünglichen, unterblieb; die Decke wurde als Holzkonstruktion hergestellt, wie sie bis heute die Jahrhunderte überdauert hat. Den Wiederaufbau der Turmkonstruktion im Jahre 1629, sicher auch des Gewölbes, überwachte der Nürnberger Ingenieur Hans Carl.

Im Schreckensjahr 1632 waren, von den Auswirkungen der Kämpfe zwischen der schwedischen und der kaiserlichen Armee um die Alte Veste in Zirndorf, auch die Dörfer und Weiler um Nürnberg und Fürth in einem unvorstellbarem Maße betroffen. So verloren allein im Pfarrsprengel Roßtal mehr als 600 Menschen ihr Leben. Obwohl ein großer Teil der Roßtaler Anwesen in Schutt und Asche fiel, scheint es zu einer größeren Zerstörung des Bauwerks der Kirche offenbar nicht gekommen zu sein, denn es wird lediglich von eingeschlagenen Glasfenstern berichtet.

Es mag wohl daran liegen, dass nach der fünf Jahre vorher geschehenen Brandkatastrophe keine Ausstattung mehr vorhanden war, die Plünderern wertvoll erschien.

Was der Krieg am Kirchenbauwerk verschonte, geschah dann in den langen Jahren danach, als die wenigen Überlebenden in ihrer Not nicht mehr in der Lage waren auftretende Bauschäden zu beseitigen, darüber hinaus kamen nochmals durch Sturm und Blitzschlag verursachte Schäden am Turm.

So verfiel die mit vier Erkern versehene Turmspitze und erst nach 1768 konnte diese mit einer „welschen Haube“, so wie sie heute noch besteht, renoviert werden. Durch zusätzlich im 18. und 19. Jahrhundert geschaffene Eingänge an der Nord- sowie an der Südseite, wurden die Außenansichten der Kirche nochmals verändert.

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, in den Jahren 1892/93 erhielt die Kirche eine gründliche Renovation, die abermals dem Kircheninneren ein anderes Aussehen gab; besonders die Stellung des Altars im Chor wurde verändert und dem Zeitgeschmack entsprechend wurden die Flächen der Holztonne des Gewölbes und die Wände weiß überstrichen. Nach abermals knapp 100 Jahren erfolgte 1982/86 eine dringende Überholung des gesamten Bauwerks innen und außen.

Ausgelöst wurden diese Arbeiten durch die mehr und mehr sich zeigenden Risse im Quaderwerk des Kirchturms, die von den in der Vergangenheit erlittenen Blitzschlägen herrührten. Der Turm war in seiner Standsicherheit beeinträchtigt und konnte nur mittels einer speziellen Technik saniert werden. Die Bedachung war zu erneuern und im Kircheninneren wurde die ursprüngliche Bemalung der Gewölbekonstruktion wieder freigelegt beziehungsweise erneuert, ebenso die Fresken der vier Evangelisten an der Chordecke, die 1625 der Nürnberger Maler Zimmermann fertigte.

Wie schon anfangs genannt, ist die Krypta der älteste Teil der Kirche, ja sie wird zu den ältesten Bauwerken Frankens gezählt. Zwölf Pfeiler tragen das Tonnengewölbe, und Kunsthistoriker verweisen auf Ähnlichkeiten einer Krypta in Unterregenbach an der Jagst, an eine wenn auch spätgotische veränderte, in der Kirche zu Seußling bei Forchheim und den Resten einer Krypta in Bleurville in Lothringen. Deren Bauzeiten werden zum Teil im 11. Jahrhundert angesetzt. Eine urkundlich gesicherte Datierung der Roßtaler Krypta existiert bis heute nicht. Die Pfarrei St. Laurentius in Roßtal gilt als Urpfarrei und noch bis Mitte des 18. Jahrhunderts zählten 32 Ortschaften zum Pfarrsprengel.


1Wolfgang Wiessner: Historisches Ortsnamenbuch, Stadt- und Landkreis Fürth, München 1963
dort auch detaillierte Literaturangaben
2Johannes Müllner: Die Annalen der Reichsstadt Nürnberg von 1632, Teil II: Von 1351–1469 herausgegeben von Gerhard Hirschmann, Selbstverlag des Stadtrates zu Nürnberg 1984
3 Johann Wolfgang Hilpert: Nürnbergs Merkwürdigkeiten und Kunstschätze, Zweites Heft: Die Kirche des heiligen Laurentius, Nürnberg 1831
4 Die Chroniken der fränkischen Städte, Nürnberg, Dritter Band Leipzig 1864
Nach Aufzeichnungen des Nürnberger Patriziers Ulman Stromer erlitten die Nürnberger Bürgersoldaten am 23. August 1388 hier, beim Zusammentreffen mit den burggräflichen Streitkräften aus Cadolzburg, verstärkt durch die Bauern, eine schwere Niederlage. Von den 200 Nürnbergern wurden 15 getötet und 100 gefangen genommen… die andern wurden flüchtig.

Quelle: Alfred Steinheimer, St.-Laurentius-Kirche zu Roßtal, Roßtal 2001, S. 5 ff.