Robert Leyh

„Hirsauer Bauschule“ in Roßtal?

Von der ursprünglichen romanischen Anlage der Roßtaler Kirche St. Laurentius zeugen auf den ersten Blick nur noch die fünfschiffige Hallenkrypta unter dem Presbyterium sowie die im südwestlichen Langhausbereich sich befindenden kleinen Rundbogenfenster. Anhand der Grabung Ortegels und Röttgers in den 50er Jahren haben wir heute ein annähernd gesichertes Bild über die romanische Kirche. Demnach war sie eine dreischiffige Säulen- oder Pfeilerbasilika mit sieben oder acht Jochen im Langhaus, vermutlich Querschiff und Flankentürmen. Vor dem Chor stand ein mächtiges Ziborium, das mit dem Hochgrab auf die Stifterin, die hl. Irmingard von Hammerstein, verwies.

Seit der Gründung der Roßtaler Kirche im frühen 11. Jh. haben mehrere Bauepochen das einstige Aussehen grundlegend geändert: Chor und westlicher Frontturm sind architektonische Erzeugnisse des 15. Jh., hinzu kamen der schreckliche Brand von 1627 sowie die innere Umgestaltung zu einem protestantischen Predigtraum durch Einziehen von Emporen um 1700. Romanisches Baugut blüht aber noch im Verborgenen der Kirche. Rückschlüsse auf elementarische Baudetails des 12. und 13. Jh. lassen sich vorwiegend bei der südwestlichen bzw. nordwestlichen Außenmauer finden. Neben einem unscheinbaren Vogelmotiv aus dem 13. Jh. verweist insbesondere die hochrechteckige, profilierte Portaleinfassung des nördlichen Seiteneingangs auf den Einfluß zisterziensischer Reformklöster des 12. Jh. Richtungsweisend war Hirsau im nördlichen Schwarzwald. Sein Abt Wilhelm war ein glühender Verfechter zisterziensischer Regeln, wie Askese und strenge geistige Zucht. Diese Lehre verkörperte sich auch in den von Hirsau beeinflußten Bauten und Kirchen. Tonangebend war eine geradlinige, wenig verspielte Architektur mit äußerster Reduzierung von Ornamentik bzw. fast gänzlichem Verzicht auf kostbare Materialien.

Die in der älteren Literatur unter dem Begriff „Hirsauer Bauschule“ aufgestellten Reminiszensen entspringen ursprünglich der oberrheinischen Bautradition und gehen vorwiegend auf St. Aurelius und St. Peter und Paul in Hirsau zurück. Typische Baudoktrinen innerhalb ihrer Architektur wurden vorbildlich für Klosterkirchen des schwäbischen Raumes: Klosterreichenbach, Alpirsbach, Reichenau, Schaffhausen, Konstanz. Ihre Merkmale sind dreischiffige Säulenbasilika, flachgedeckt, ausladendes Querhaus mit im Winkel zum Langhaus errichteten Seitentürmen, halbkreisförmige Apsiden im Ostbereich, oft mehrmals gegliederte Choranlagen, ein chorus minor sowie ein chorus maior letzterer für die Mönche, die sich nicht aktiv am Gesang beteiligten Säulen mit Würfelkapitellen und doppelter Schildrahmung, die an den Ecken die typische „Hirsauer Nase“ ergeben, sowie eine an den Sargwänden des Langhauses vorgesehene Arkadenrahmung. Bei St. Peter und Paul in Hirsau tritt zum erstenmal die rechteckige Portalumfassung auf, die wir auch bei St. Laurentius in Roßtal finden.

Wie kamen nun hirsauische Baugedanken nach Roßtal? Eine Baulinie Hirsau-Roßtal ergibt sich zunächst über die mit Hirsau in Korrespondenz stehenden Klöster, wie Schwäbisch Hall und Heidenheim. Als dritte Station dürfen wir Heilsbronn mit seinem Zisterzienserkloster anführen, das eine typische Stilverwandschaft zu den obengenannten schwäbischen Klöstern aufweist. Roßtal lag im Einzugsbereich des Heilsbronner Klosters. Seine noch heute bestehende Portalumfassung zielt auf eine Bauphase der Kirche, in der hirsauisches Gedankengut relevant wird.

Quelle: Amtsblatt des Marktes Roßtal 16/1991, S. 247.