Was bedeuten die alten Steinkreuze?

von L. Wittmann – Nürnberg

Mit dieser kleinen Studie soll der Stand unseres heutigen Wissens über die alten Steinkreuze aufgezeigt werden, um den einzelnen Landkreisarbeiten als Einführung zu dienen. Eine erschöpfende Darstellung ist nicht beabsichtigt, diese ist vielmehr einer besonderen Publikation vorbehalten, doch wird das Grundsätzliche zum Ausdruck kommen.

Die mittelalterliche Bedeutung der Steinkreuze

Die Steinkreuze, so wie sie heute noch in Tausenden von Exemplaren vor uns stehen, sind in der Mehrzahl mittelalterliche Rechtsmale und stammen aus der Zeit des ausgehenden 13. Jh. bis zum Ende des 16. Jh. Über diese Male geben uns noch sehr viele Urkunden Aufschluß.

Im Zeitraum dieser 300 Jahre war es üblich, an der Stelle, wo ein Mensch eines zwar gewaltsamen, aber nicht beabsichtigten Todes durch einen dritten starb, ein steinernes Kreuz aufzustellen. Der Totschlag, der im Affekt, also in der momentanen Erregung geschah, war im Mittelalter und in den vorhergehenden Zeiten eine Privatangelegenheit, um die sich die Gerichte nur bedingt kümmerten. Konnte der Täter sich mit den Hinterbliebenen des Erschlagenen auf gütlichem Wege einigen, dann war er vor jeder weltlichen Strafe frei. Diese Einigung zwischen Täter und Hinterbliebenen wurde durch Verträge festgehalten, in den Verträgen wurde bestimmt, was der Täter alles zur Sühne für den Totschlag zu erfüllen hatte. In der Regel waren folgende Punkte aufgeführt:

  1. Für das Seelenheil des Toten in einer Kirche Seelenmessen lesen zu lassen, deren genaue Anzahl bestimmt wurde.
  2. Den Hinterbliebenen eine Summe Geldes, das Wer- oder Manngeld geheißen, zu bezahlen.
  3. Verschiedene Wallfahrten zur eigenen Buße sowie zum Seelenheil für den Entleibten zu unternehmen und darüber beglaubigte Bestätigungen über den Vollzug beizubringen. Wenn nicht besonders bestimmt, konnte der Täter diese Wallfahrten auch durch andere Personen ausführen lassen. Die am meisten vorgeschriebenen Wallfahrten gingen nach Rom, Aachen, Maria Einsiedeln in der Schweiz oder nach St. Jago de Compostella in Spanien. Für die Romfahrten konnten auch ähnliche Wallfahrten nach innerdeutschen Orten ausgeführt werden, die dann aber gleichfalls den Namen „Romfahrten“ erhielten.
  4. Bestimmte Mengen an Wachs der Kirche stiften.
  5. Dem Begräbnis in vorgeschriebener Bekleidung mit einer Anzahl Freunden oder Sippengenossen beiwohnen, am Grabe den Hinterbliebenen Abbitte leisten. Die Kosten des Begräbnisses tragen.
  6. Den Hinterbliebenen auf etliche Jahre aus dem Wege gehen, keine öffentlichen Lustbarkeiten besuchen, Wirtshaus und Badstube verlassen, sobald einer der Hinterbliebenen des Erschlagenen sie betritt, ja sogar die Meidung der Heimat auf einige Jahre wurde oft vorgeschrieben. Der Täter mußte vielfach sein Leben lang einen eisernen Ring oder einen Strick um den Hals tragen u. ähnl.
  7. Die gesamten Gerichtskosten und die der Zeugen tragen, ein Essen veranstalten (Leichenschmaus).
  8. Am Tatort ein steinernes Kreuz errichten lassen zur eigenen Buße und zum Seelenheil des Getöteten (jeder Vorübergehende betet an solcher Stelle ein Vaterunser für den Toten, der ohne die Sterbesakramente verschieden war und dadurch die Seeligkeit nur schwer erlangen konnte, die Gebete sollten dazu dienen, diese Frist des Toten zu kürzen).
  9. Der Täter mußte sich auch öfters verpflichten Kriegsdienst mit einer Anzahl geworbener Söldner, die er bezahlen mußte, zu tun.

Konnte der Totschläger alle die oben geschilderten Bußen erfüllen, dann war seine große Blutschuld gesühnt. Aus diesem Grunde hat man die Verträge, um sie auch von anderen Privatverträgen zu scheiden, „Sühneverträge“ genannt und die Erinnerungsmale „Sühnekreuze“, wenn auch das Volk immer wieder von Schwedenkreuzen u. ähnl. spricht. Als „Mordkreuze“ sind sie bis auf den heutigen Tag unter der Bevölkerung bekannt und – gemieden.

Kam ein Sühnevertrag nicht zustande, dann trat an seine Stelle die Blutrache der Hinterbliebenen, die sie an der Sippe des Täters vollzogen. Vielfach wurde der Körper des Erschlagenen solange nicht der Erde übergeben, bis er gerächt war. Um den Toten zu konservieren, hat man ihn des öfteren in den „Schlot“, in den Rauchfang zum Ausräuchern gehängt. Etwas „in den Schlot schreiben“ hatte ursprünglich gerade das Gegenteil von dem zu bedeuten, was wir heute darunter verstehen.

Mit der Einführung der Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. im Jahre 1533 wurden private Abmachungen nicht mehr geduldet, an ihre Stelle trat das ordentliche Gericht, das den Täter nach dem neuen Recht verurteilte. Mit der Einführung dieses neuen Rechtes wurden die Sühneverträge zwar offiziell abgeschafft, lebten jedoch je nach Landessitte noch durch das ganze 16. Jh. fort; erst das 17. Jh. räumte mit ihnen endgültig auf.

Die frühmittelalterlichen Verhältnisse

Wir wissen, daß mit dem ausgehenden 13. Jh. Steinkreuze zur Sühne für einen Totschlag aufgestellt wurden. Die ältesten Sühneverträge jedoch stammen erst aus dem Anfang des 14. Jh. Dies liegt daran, daß die Zeit vor 1300 kaum irgendwelche Aufschreibungen über Kriminalfälle gemacht hat, erst mit dem Aufblühen der Städte kommt dies in Übung. Die Strafmaße jedoch sind schon lange bekannt und aufgeschrieben worden, wie sie uns die alten Volksrechte überliefern. So ist das Bayer. Gesetz bereits aus dem beginnenden 8. Jh. bekannt, dort wird von dem Wergeld gesprochen, das für einen freien Mann oder Frau bezahlt werden mußte, wenn er oder sie erschlagen wurde, alles andere war Privatsache; der Totschläger war nur an die vorgeschriebene Buße gehalten, damit war für ihn der Fall erledigt, d. h. wenn der Totschlag kein Mord war, also aus Vorsatz geschehen ist. Aus diesem Grunde ist man wahrscheinlich auch der Blutrache mehr gefolgt als wie dem Vergleich. Eine „Richtung“ wurde deshalb nicht aufgestellt, sondern alles wurde mündlich unter den Sippen am öffentlichen Thing abgemacht. Auf vorsätzlichen oder „heimlichen“ Mord stand auch schon in der frühesten Zeit der Tod.

Die Blutrache war eine Einrichtung, die weit in die germanische Zeit zurückgeht, kennen doch schon die uralten Volks- und Heldenlieder der „Edda“ diese Dinge, aber auch dort ist schon die Rede von der gütlichen Einigung, die allerdings als schmählich betrachtet wurde und der Feigheit gleichkam.

So kam es, daß diese persönlichen Auseinandersetzungen oft zu bösen Sippenkriegen ausarteten, die das Land nicht zur Ruhe kommen ließen. Schon Karl der Große suchte deshalb die Blutrache durch seine Capitularien einzudämmen, es ist ihm nicht gelungen; erst mit der Einführung und Fußfassung des Christentums erfolgte hier ein Wandel in Sitte und Brauch.

Waren die Abmachungen und Vereinbarungen wegen eines Totschlages vor dem 13. Jh. mündlicher Art, die durch Handschlag der Sippen bekräftigt wurden, so schaltete sich jetzt die Kirche ein mit ihren Kirchenbußen, dem Bann und dessen Ablösung durch materielle Abgaben, die als Seelgeräte dem Toten dienlich sein sollten. Der Landesverweis und die Flucht des Täters in die Einsamkeit, die ihn zum „Waldläufer“ und „Vogelfreien“ werden ließen, wenn er sein Leben retten wollte, die Vernichtung seines Hauses und seiner Sippe konnte dadurch gemildert, wenn nicht gar verhindert und der Landfrieden gewährleistet werden, wenn sich die Parteien der Kirchenstrafe unterwarfen, wollten sie dies nicht tun, dann traf die gleiche Strafe auch die Sippe des Getöteten. Die Kirche konnte kraft ihrer moralischen Qualitäten dies viel gründlicher vornehmen als wie irgendein weltliches Gesetz. Der Kirchenbann war ein Instrument, das auch den größten Widersacher in die Knie zwang und das gegen Hoch und Nieder gleichmäßig zur Anwendung gebracht wurde, dadurch aber hatte diese Strafe auch die große Gewalt. Zur Festigung des gegenseitigen Verspruches kam dann mit der Zeit die schriftliche Fixierung der Sühneleistungen im allgemeinen, denn nun hatte auch die Kirche hier ihre Interessen zu wahren, da ja die „Sporteln“ für sie recht erheblich waren. (Wachs, Messen, Opfer, Begräbnis usw.). Daß die Kirche sich hinter den Landes- resp. Stadtherren stellte und ihn als Urteilsfinder deklarierte, ist klar, denn es lag nicht in ihrem Sinne und nicht in ihrer Auffassung von der Nächstenliebe, sich hier mit weltlichem Recht zu belasten. Aus all diesen Gründen finden wir unter den Urteilen zwar die Abgaben an die Kirche, aber die Bestätigung der Sühneverträge geschah durch den weltlichen Richter und die Schiedsleute. Es ist aus dem Gesagten deshalb erklärlich, warum wir für die Zeit vor dem 13. Jh. keine Urkunden finden, die sich mit der Sühnung eines Totschlages befassen.

Steinkreuze auf den Fluren vor dem 13. Jahrhundert

Durch das vorher Gesagte scheint es nun so zu sein, als ob es bei uns Kreuze irgendwelcher Art draußen auf den Fluren von dem 13. Jh. nicht gegeben hätte; dies trifft nicht ganz zu, nur ist es fraglich, ob diese Male, die einer früheren Zeit angehören, aus Ursachen eines Totschlages entstanden sind. Wir wissen, daß es viele steinerne Kreuze vor dem Jahre 1000 gegeben hat, die ihren Ursprung in der Devotion hatten. So ist es bekannt, daß die Angelsachsen schon im 7. Jh. den Brauch hatten, zur Verehrung Gottes und zum Gedächtnis der Vorfahren Kreuze aufzustellen. In der Lebensbeschreibung des hl. Willibald finden wir da recht interessante Hinweise; des weiteren sind die Kreuze in Irland und Schottland, die sich bis auf unsere Tage herübergerettet haben, Zeugen dieser Erkenntnis. Aus Irland sind Hochkreuze bekannt, die sich genau in das 7. Jh. datieren lassen. Bei uns in Deutschland können diese Male nicht vor dem 8. Jh. in Erscheinung getreten sein, da die Missionierung nicht früher eingesetzt hat. Es sind eine Reihe von Steinkreuzen aus Deutschland bekannt und auch schriftliche Überlieferungen sind vorhanden, mit denen man den Nachweis des früheren Brauches bestimmen kann; das Aufeinanderabstimmen von Urkunden und Denkmal, d. h. ein Denkmal mit Hilfe der Urkunde festzulegen, ist jedoch noch nicht ganz geglückt. Eines ist als gesichert zu betrachten: „Es gibt Steinkreuze bei uns, die vor das Jahr 1000 datiert werden können und diese Steinkreuze sind meist religiösen Ursprungs.“ Das Gebiet der Eifel und die Gegend um Frankfurt hat verschiedentlich derartige Denkmale.

Gibt es Gedächtnismale, die vor das 12. Jh. datiert werden?

Bei Gedächtnismalen kann dies ohne weiteres bejaht werden, vor allem in der nordischen Form der Runensteine sind sie sehr sinnfällig. Durch die oft reiche Beschriftung ist es möglich, den Anlaß, Sinn und Zweck dieser Steine zu bestimmen und an Hand der Runenzeichen auch das Alter festzulegen; unsere Museen bewahren eine ganze Reihe derartiger Steine. Die Runensteine sind meist gesetzt, um der Seele des Dahingegangenen zu helfen, sie wurden gesetzt für eine Person, die fern der Heimat gestorben oder verschollen ist, ähnlich wie die Langobarden auf hohen Stangen geschnitzte Vögel aufsteckten, die nach der Richtung sahen, in die der Verschollene gegangen ist. Diese Vögel sollten die Seelen der Verstorbenen heimrufen, oder wie es an Schottlands Küsten heute noch üblich ist, daß für die ertrunkenen Seelen am Ufer Kerzen aufgestellt werden, die den über den Wassern einherirrenden Seelen den Weg in die Heimat zeigen sollen. Dieser Seelenkult ist mit dem Kult der Steine, die die Seelen Verstorbener bergen, auf das engste verwandt, findet man doch auf Runensteinen diese Seelenvögel weder, dazu die Texte wie zum Beispiel daß dieser Stein von den Söhnen des NN zu seinem Gedächtnis gesetzt worden ist. Auch in der Edda finden sich da Strophen, die auf diese Sitte hindeuten.

Zum Schluß mag noch gesagt sein, daß eine gerade Linie von den Steinkreuzen zu den Runensteinen und von hier zu den Großbauten der Menhirs der Megalithkultur führt. Diese Linie genau nachzuweisen, ist der heutige Sinn und Zweck der Steinkreuzforschung, nachdem die mittelalterlichen Gegebenheiten vollkommen geklärt sind. Mit der Erforschung dieser vorchristlichen Denkmale wird eine der tiefsten seelischen Regungen unserer Vorfahren lebendig werden, die sich zum Teil auch heute noch spüren und beobachten läßt; diese seelische Regung manifestiert sich in den mittelalterlichen Sühnekreuzen.