Karl Kohn

Der Gedenkstein bei Großweismannsdorf

Sonderdruck aus dem 96. Jahrbuch des Historischen Vereins für Mittelfranken 1992/93

Im Ortszentrum von Großweismannsdorf kreuzt die Straße Sichersdorf - Regelsbach die von Nürnberg nach Ansbach führende Hauptstraße. Ungefähr 600 m östlich von dieser Stelle mündet von Norden her ein Flurbereinigungsweg in die Bundesstraße 14 ein. Dort steht ein massiger, nach oben zu etwas gerundeter Stein, der offensichtlich einst mit einer umfangreichen Inschrift versehen war. Das Forschungsproblem, das sich hier auftat, reizte mich schon lange. Heute kann ich die Ergebnisse vorlegen, die endlich die bisherigen Fehldeutungen korrigieren.

Zunächst schien alles einfach und längst geklärt zu sein. Die in Nürnberg vor dem Zweiten Weltkrieg gegründete »Deutsche Steinkreuzforschung«, welche sich um Erforschung, Inventarisierung und Erhaltung von Flurdenkmälern kümmert, hatte natürlich auch dieses Objekt schon entdeckt und im Inventar des Landkreises Fürth 1960 behandelt 1. Der Bearbeiter Franz Zettler legte dabei ohne Kommentar u. a. einen sonderbaren Inschrifttext vor, der nach seinen Angaben wörtlich auf eine Lesung Leonhard Wittmanns von 1930 zurückgeht. Auf einem Foto, das Wittmann 1936 fertigte (s. Abb. 1) 2, kann man aber heute noch mit Vergrößerungsglas mehr und sinnvolleres entziffern als ihm damals gelang. Es ist leider eine Tatsache, daß der um die Steinkreuzforschung hochverdiente Mann des öfteren bei der Lesung und Interpretation von Monumentalinschriften völlig versagte 3.

Schon in der ersten Textzeile glaubte er den Familiennamen „Venacher“ zu lesen, merkte nicht, daß er eine ganze Zeile ausgelassen hatte und daß seine Worte nie einen vernünftigen Text ergeben können.

Der 1960 publizierte irrige Text hat aber leider weitergewirkt. 1979 erschien in Roßtal, wohin Großweismannsdorf seit der Gebietsreform politisch gehört, ein Heimatbuch 4, dessen Herausgeber auf Wissenschaftlichkeit im allgemeinen keinen Wert legten. Dort wurden auch die Flurdenkmäler im Gemeindegebiet behandelt. Der Autor dieses Kapitels, Helmut Mahr, hat nach eigenem Bekunden (mündlich 1991) die Inschrift selbst gelesen 5, kommt aber über den Zettlerschen Text nicht hinaus.

Dabei liegt des Rätsels Lösung in Roßtal! Nach dem Foto von 1936 waren drei wichtige Daten damals noch zu lesen: die zwei letzten Stellen (…47) einer Jahreszahl, der Hinweis auf eine Beerdigung in Roßtal und das Alter des Verunglückten (43 IAHR). Es bestand also begründete Hoffnung, daß die dortigen Sterbematrikeln gehörige Aufklärung bringen würden 6. Der 15. Eintrag des Jahres 1747 führte dann tatsächlich zur Klärung des Sachverhaltes:

Der Bauer Adam Roth aus Trettendorf wollte am 16. März Holz nach Fürth fahren. Zwischen Großweismannsdorf und Gutzberg beim sog. Weißelbäuringarten waren die Pferde scheu geworden, der Wagen war über ihn gegangen und die Räder hatten sein linkes Bein, den Leib und den rechten Arm zerquetscht. So starb er früh um halb sieben Uhr in einem Alter von 43 Jahren 8 Monaten 3 Wochen.

Es ist somit klar, daß der Sterbeeintrag und der Gedenkstein sich auf die gleiche Person beziehen. Selbst die topographische Angabe läßt sich überprüfen. Noch am Ende des 19. Jahrhunderts befand sich nach Ausweis der Flurkarte NW LX - 20 südlich neben der Straße Großweismannsdorf–Gutzberg ein großes Grundstück, dessen Grenzen mit Heckensignatur es als Garten ausweisen (Fl.-Nr. 188) 7. An seiner Nordseite war ein einzelner Stein eingetragen, der mit unserem Gedenkstein identisch sein dürfte (das Grundstück blieb ansonsten unversteint). 1976 wurde die Bundesstraße begradigt und durch diesen ehemaligen Garten gelegt; seitdem steht der Stein nördlich der Straße.

Die Familie des verunglückten Adam Roth saß lange Zeit auf dem Hof Hausnr. 3 in Trettendorf. Zur Zeit des Alten Reiches gehörte sie zu den Hintersassen des Nürnberger Landalmosen- und Clarenamtes. Einem 1698 genannten Steffan Roth folgte 1705 sein Sohn Martin als Hofbesitzer, der wiederum 1740 an seinen Sohn Adam (den Verunglückten) übergab. Dessen wiederverheiratete Witwe Barbara verkaufte 1769 den Halbhof an ihren Sohn Georg, der noch in der Besitzfassion 1808 als Eigentümer erscheint 8. Heute gibt es die Familie Roth in Trettendorf nicht mehr.

Da der Gedenkstein wegen der erschreckenden Zerstörung seiner Oberfläche (s. Abb. 2) nicht mehr „reden“ kann, wird im folgenden eine textkritische Lesung nach dem Stand von 1936 geboten. Der Gedenkstein war zu einem unbekannten Zeitpunkt (vor 1936) in sechs Teile zerbrochen, die meisterhaft wieder zusammengefügt wurden. An den Bruchstellen sind die alten Textverluste entstanden.

Der Namen „Venacher“ rührt übrigens von der fälschlichen Zusammenziehung der Silben von drei Worten am Ende der ersten Zeile her.

(AN)NO 1(7)47 HAT (DIE BET)RÜBTE WIT(TW)E NACH E(R)
(HA)LTENER HOCHF(ÜRS)TL: BRANDENB(UR)G ONOLZBA(CH:)
(LA)NDESFÜRSTL: G(NA)EDIGSTEN C(ONC)ESSION D(IE)
(S)EN STEIN SEZE(N L)ASEN AN WEL(CHE)N ORT D(EN)
(16) MART: FRUHE (G)EG(EN) 7 UHR (IHR M)ANN D(ER)
(CH)RISTLICHE AD(AM ROTH) ..(TRE)TTENDO(RF)
.................................................SPRUNG
.................................................WAGEN
.................................................ERDEN
.......................................................
....................LEBEN GE .....................
DA ............SEN LEICH ..................ZU
ROSSTAL (BEGRAB)EN WORDEN S(EIN)ES ALTERS
43 JA(HR 8) MONATH 3 W(OCH)EN
LEICH(ENT)EXT PSALM XC(I V) 15
ICH BIN (BE)Y DIR IN DER (NO)TH
WEIS DER (ME)NSCH NICHT SEI(NE) ZEIT
WIE WA(NN) WO ER SOLLE S(TE)RBEN
MACH (NU)N SICH STETS (BE)REIT
SO KA(NN) ER NICHT VER(DE)RBEN
...................................L AN DE .....B
.......................................................

Anmerkungen:

1Das Steinkreuz 16 (1960), S. 15 (Nr. 26).
2Staatsarchiv Nürnberg, Nachlässe und Manuskripte Nr. 337/37 unter Großweismannsdorf („Vennacherstein“).
3Als Beispiele mögen dienen
  1. für eine falsche Lesung: Auf dem Gedenkstein für den ehemaligen Herrensitz Sündersbühl entziffert Wittmann die kuriosen Worte „Veinus und Zisallat folgere“ anstelle der richtigen Bezeichnung „Lehens- und Vasallatsfolgere“ (s. Leonhard Wittmann, Flurdenkmale des Stadt- und Landkreises Nürnberg, 1963, S. 78, Nr. 125);
  2. für eine falsche Interpretation: Auf den Jagdgrenzsteinen von Grünsberg sind die Initialen „G J“ (für „Grünsberger Jagd“) eingemeißelt, die Wittmann mit „Gabriel Imhof“ (einem Altdorfer Pfleger des 18. Jahrhunderts) deuten wollte (s. Leonhard Wittmann, Die Flurdenkmäler des ehemaligen Reichsstadtgebietes Nürnberg, Das Steinkreuz 4 [1936], S. 59)
4Roßtal. Vergangenheit und Gegenwart (hrg. von Hans Kreutzer und Robert Düthorn), 1979, hier S. 353.
5

Interessant ist die Gegenüberstellung der beiden Lesarten. Die 16 gemeinsamen Fehler sind durch Kursive hervorgehoben:

Zettler (nach Wittmann):
Anno (17)47 hat die betrübte Witwe … Venacher … lte lexte 0 Chr T laut Brandenburg Onolzbach Landesfürstlichen Edigt den Stein …Essay setzen lassen an welchem Ort [hier fehlt eine Textzeile] der christliche A D… Bauer Ten … do … Heilsbronn … Wagen … PferdeLeiche gefunden, sein Leib bei Rosstal … begraben worden. Seines Alters 43 Jahr … Monat 3 Wochen. Leichentext Psalm X o 15. Ich bin bei dir in der Nacht weiß der Mensch nicht seine Zeit wie wann wo er sterben soll. Mach er sich stets bereit so kann er nicht verderben. Alle … an den christlichen Glauben
Mahr:
Anno (17)47 hat die betrübte Witwe … VenacherIaut Brandenburg Onolzbach Landesfürstlichen Edigt den Stein … setzen lassen an welchem Ort [hier fehlt eine Textzeile] der christliche … BauerHeilsbronn … Wagen … PferdeLeiche gefunden, sein Leib bei Roßstal begraben worden. Seines Alters 43 Jahr … Monate 3 Wochen. Leichentext Psalm X o 15: Ich bin bei dir in der Nacht weiß der Mensch nicht seine Zeit, wie wann, wo er sterben soll. Mach er sich stets bereit, so kann er nicht verderben. Alle … an den christlichen Glauben

Sollte es sich hier um einen Fall von Kongenialität beim Fehlermachen handeln?

6Herzlichen Dank an Pfarrer Dieter Koerber für die Bereitstellung der Roßtaler Sterbematrikeln.
7Für die gewährte Einsicht in den Extraditionsplan von Großweismannsdorf (1834) dem staatlichen Vermessungsamt Fürth verbindlichen Dank.
8Staatsarchiv Nürnberg, Veraltete Repertorien Nr. 106a, fol. 359' f.; Rep. 74a I Nr. 2792; Katasterselekt, Steuergemeinde Buchschwabach Nr. 1 Bd. 2.

Abbildungen: (hier nicht veröffentlicht)

Abb. 1: Der Gedenkstein von Großweismannsdorf 1936 (Aufnahme L. Wittmann)
Abb. 2: Der Gedenkstein von Großweismannsdorf 1991 (Aufnahme H. Kohn)