Irmingard von Hammerstein

Irmingard, aus dem Geschlecht der lothringischen Grafen von Verdun, Rangaugräfin und Erbauerin der St.-Laurentius-Kirche in Roßtal, 1000 bis 1042

Seit uralten Zeiten wird Roßtals Ortsbild von dem wuchtigen Bau der Laurentiuskirche beherrscht. In den dreißig Menschenaltern ihres Bestehens hat ihr äußeres Bild manchen Wandel mitgemacht. Aufgrund der im Friedhof gefundenen Fundamente war das Bauwerk um ein Drittel größer angelegt gewesen. Die alte Kirche reihte sich in die Gruppe der hochadeligen Stiftskirchen jener Zeit ein und Irmingard mußte für ihr Bauvorhaben eine der Bauhütten gewonnen haben, die seinerzeit im Lande die großen Bischofsdome (Bamberg, Würzburg etc.) erbauten.

Die Stifterin, der, wie unten berichtet wird, ein sehr bewegtes Leben beschieden war, hatte die Kirche als ihre letzte Ruhestätte ausersehen und darin auch dem 865 in Roßtal verstorbenen Herzog Ernst einen ehrenvollen Platz eingeräumt. Später diente die Kirche dem ortsansässigen niederen Adel als Grabstätte. So fanden u. a. die Schloßbesitzer von Wolmershausen, von Ayrer, von Furtenbach, von Schmiedl in der Kirche ihre Erbbegräbnisse. Auch die in Roßtal verstorbenen Geistlichen wurden früher in der Kirche beerdigt.

Die Stifterin Irmingard ist eine bekannte, geschichtlich bezeugte Persönlichkeit, die zum Beginn des zweiten Jahrtausends lebte. Als Pfalzgräfin Irmingard von Hammerstein stand sie mit ihrem Gatten Otto von 1016 bis 1024 im Blickpunkt der innerdeutschen Geschichte. Aufgrund der Forschungsergebnisse der beiden verstorbenen Historiker Professor Klebel, Regensburg, und Oberforstmeister Ortegel verfügen wir über hinreichende Erkenntnisse, die das bisher überlieferte Sagengut bezüglich der in Roßtal begrabenen und im Mittelalter als Heilige verehrten Kirchenstifterin Irmingard nunmehr geschichtlich aufhellen.

Zur Person Irmingards

Irmingard war die Angehörige eines der um das Jahr 1000 herrschenden Hochadelsgeschlechter, die in Deutschland seit Generationen die Politik bestimmten. Ihr Großvater war der bekannte Sachsenherzog Hermann Billung. Ihr Vater war Graf Gottfried von Verdun und ihre Brüder hatten hohe geistliche und weltliche Ämter inne: Bruder Adalbero war Bischof von Verdun, Bruder Gottfried war Herzog von Niederlothringen, Bruder Gozelo war zuerst Herzog von Oberlothringen und nach Gottfrieds Tod Herzog von Gesamtlothringen, Bruder Friedrich übernahm das Grafenamt seines Vaters in Verdun. Der Neffe Irmingards und Sohn des Bruders Gozelo wurde 1057 als Papst Stefan IX. eingesetzt. Irmingard war zweimal verheiratet. Ihr erster Ehemann war der im Jahre 1000 erwähnte Rangaugraf Chounrad, auch Kuno genannt. Dessen Grafensitz befand sich in Burgbernheim beim Königshof Windsheim. Vor seinem Herrschaftsbereich lag die verlassene Festung Roßtal, die zu dieser Zeit bereits gräfliches Eigentum war.

Graf Kuno gehörte, wie auch Irmingard, zur weitverbreiteten Adelssippe der Konradiner, die im Rheinland, Lahngau und in der Wetterau östlich von Frankfurt ansässig waren und viele Grafenstellen innehatten. Auch Könige und Kaiser sind aus den konradinischen Geschlechtern hervorgegangen. Zu den Konradinern zählte auch der Schwiegersohn Kaiser Ottos des Großen und Herzog von Lothringen, Konrad der Rote, der im Kapitel „Der liudolfinische Krieg“ erwähnt wird. Er fiel 955 in der Ungarnschlacht auf dem Lechfeld. Sein Tod hat merkwürdigerweise auch in den Roßtaler Sagenkreis Eingang gefunden (s. S. 120).

Der zweite Ehemann Irmingards war der Pfalzgraf Otto von Hammerstein, den sie nach dem etwa 1012 erfolgten Tod Kunos ehelichte. Otto, Sohn des Grafen Heribert von der Wetterau und im Kinzigau, war ebenfalls konradinischer Abstammung. Da Ottos Schwester mit dem Grafen von Luxemburg, dem Bruder der Kaiserin Kunigunda, verheiratet war, bestand eine enge Verwandtschaft (Verschwägerung) zwischen Irmingard und dem Kaiserpaar Heinrich II. und Kunigunda. Schwägerinnen wurden früher als Schwestern bezeichnet, wie es heute noch im französischen und englischen Sprachgebrauch üblich ist. Somit kann die über 500 Jahre alte Überlieferung, daß in Roßtal eine Schwester (= Schwägerin) der Kaiserin Kunigunda begraben liegt, als geschichtliche Tatsache angesehen werden und es ist damit auch bezeugt, daß die Roßtaler Irmingard und die bekannte Irmingard von Hammerstein personengleich sind.

Kaiser Heinrich II. und die konradinischen Verwandtenehen

Die Ehe Irmingards mit Otto hatte unbeabsichtigte und unbedachte Folgerungen, die schließlich in einen lokalen innerdeutschen Krieg ausarteten. Das kanonische Recht verbot auch Ehen zwischen Personen, die weitläufig miteinander verwandt waren, und zwar wurde eine Verwandtschaft bis ins 7. Glied (Generation) zum Ehehindernis erklärt. Seit 1016 richtete sich die Politik des sehr kirchentreuen Kaisers gegen die konradinischen Verwandtenehen. Als Gisela, die Witwe Herzog Ernsts von Schwaben, ihren 2. Mann, Konrad, den Sohn des Grafen Heinrich von Speyer, ehelichte, entriß ihnen Kaiser Heinrich II. das ihnen zustehende Herzogtum von Schwaben aufgrund der zwischen den beiden Ehegatten bestehenden weitläufigen Verwandtschaft. Auch Irmingard und Otto lebten schon einige Zeit in einer nach den strengen kirchlichen Auslegungen unerlaubten „Verwandtenehe“. Irmingards Vater, Graf Gottfried von Verdun, und Ottos Großmutter waren Kinder von Geschwistern, das bedeutete, daß ein Glied der Urahnenreihe Irmingards und ein Glied der Ururahnenreihe Ottos die gleiche Person gewesen ist.

Erschwerend wirkte sich weiter aus, daß Irmingards erster Mann Kuno, ebenso wie Otto von Hammerstein, zur konradinischen Sippe gehört hatte. Klebel schreibt in seinen Nachbemerkungen zu seinem Aufsatz über die „Abstammung der Hohenstaufen“:

„Die Sache muß vielmehr ein Ehehindernis für Irmgard (= Irmingard von Hammerstein) selbst bedeuten. War Irmgard etwa die Witwe dieses sonst unbekannten Kuno? Ist dieser Kuno etwa derjenige, von dessen Tod zu 1012 wir hören? Dann würde die Sache bedeuten, Irmgard hätte Otto nicht heiraten dürfen, weil ihr erster und zweiter Gatte im zweiten oder dritten Grade verwandt waren. Dann ist auch der Satz „ex allia parte“ sofort verständlich. Aber wir können gleich anknüpfen: Kuno von Horburg, der Stiefvater des ersten Stauferherzogs, ist ein Nachkomme von Kuno und Irmgard. Der Name Irmgard im Stauferhause kann also auf die berühmte Irmgard von Hammerstein zurückgeführt werden.“

Die Stammtafel der beiden Ehemänner Irmingards zeigt, daß Kunos Großvater der Bruder von Ottos Urgroßvater gewesen ist.

Der Prozeß gegen das Ehepaar Otto und Irmingard von Hammerstein

Otto und Irmingard, beide wohl etwa 40 Jahre alt, wurden 1018 vor die Bischofssynode in Nimwegen geladen. Hier sollte über ihre nach kanonischem Recht anfechtbare Ehe verhandelt werden. Die beiden Eheleute erschienen jedoch nicht vor der Versammlung. Daraufhin wurden sie auf Betreiben des Mainzer Erzbischofs Erkanbald exkommuniziert und ihre Ehe für nichtig erklärt. Otto beugte sich zuerst dem Beschluß. Doch die massiven Gütereinziehungen, die der Erzbischof als Kirchenstrafe verhängte, trieben Otto zum äußersten Widerstand. „Von blinder Liebe toll“, schrieben die geistlichen Chronisten seinerzeit, holte Otto seine getrennte Frau wieder zu sich. Mit seinen Gefolgsleuten verwüstete er dann das Gebiet des Mainzer „Hauptfeindes mit Feuer und Schwert“. Nun verhängte Kaiser Heinrich II. die Reichsacht über das Ehepaar und wandte sich mit einem Kriegsheer gegen die Hammersteinsche Streiterschar. Otto von Hammerstein mußte sich vor der Übermacht auf die uneinnehmbare Felsenburg Hammerstein am Rhein (gegenüber Andernach) zurückziehen. Nach einer dreimonatigen Belagerung ergab sich Otto, „vom Hunger bezwungen“, am 26. Dezember 1020 der kaiserlichen Streitmacht. Die Verhängung der Reichsacht hatte für die Betroffenen schwerwiegende Folgen. Sie waren vom öffentlichen Leben isoliert, alle Reichs- und kirchlichen Lehen, die sie selbst erworben oder von ihren Vorfahren ererbt hatten, gingen ihnen verlustig. Auch wurden sie der meisten ihrer Eigengüter beraubt. Kaiser Heinrich II. übergab dem Bistum Bamberg, um das er sich als Grün- der ganz besonders annahm, eine Reihe von rheinischen Gütern aus Hammersteiner Besitz. Von den ostfränkischen Zugehörungen Irmingards übergab er dem Bistum am 13.8.1021 die alten Königshofbezirke Langenzenn und Herzogenaurach (hierüber siehe unten). Die harten Maßnahmen zwangen Otto 1023 „unter dem Eindruck von Kaiser Heinrichs Zorn und auf bischöfliche Ermahnungen hin“ zum zweiten Male in Mainz zur Unterwerfung. Wieder mußte er sich von seiner Gemahlin trennen. Irmingard sollte ins Kloster gehen. Sie gab sich jedoch nicht geschlagen, sondern pilgerte nach Rom und erbat sich die päpstliche Absolution, die ihr Papst Benedikt auch gewährte. Doch der seit 1021 amtierende Erzbischof Aribo von Mainz stellte sich gegen diese Entscheidung. Papst Benedikt VIII. entzog daraufhin dem Erzbischof Aribo das Pallium des Metropoliten. Bevor sich der Zwist noch zum Politikum zwischen dem Kaiser, der Aribo unterstützte, und dem Papst entwickeln konnte, starben im Jahre 1024 Kaiser Heinrich II. und Papst Benedikt VIII. Die politische Szene änderte sich nun grundlegend. Zum neuen deutschen König wurde Konrad II. (seit 1027 Kaiser) aus dem fränkischen Saliergeschlecht gewählt. Wie schon erwähnt, war er mit Otto von Hammerstein verwandt und lebte mit seiner Gemahlin Gisela ebenfalls in einer kanonisch anfechtbaren Verwandtenehe. Damit waren für Otto und Irmingard die 6 Jahre währenden Drangsale beendet. Noch im gleichen Jahr 1024 erhielten die Geächteten den Fronholbezirk Fürth als Entschädigung für die 1021 entzogenen Reichslehen Langenzenn und Herzogenaurach. Fürth war Pfründegut des Bamberger Domkapitels gewesen und 1007 von Heinrich II. übereignet worden. Das Hammersteiner Ehepaar erhielt Fürth zur Nutznießung mit der Bestimmung, daß nach dem Tod der Pfalzgräfin Irmingard der Fronhofbezirk wieder an das Domkapitel in Bamberg zurückgegeben werden sollte.

Die Hammersteiner Familie erscheint nun wieder häufiger in Urkunden, so sind im Jahre 1033 Otto und sein Sohn Udo Zeugen bei der Schenkung konradinischen Hausgutes in Regenbach a. d. Jagst durch Kaiser Konrad II. und Kaiserin Gisela an den Bischof von Würzburg. Der Keller des dort befindlichen Pfarrhauses ist die Krypta der alten abgegangenen Kirche. Merkwürdigerweise zeigt die Pfeilergestaltung dieser ehemaligen Unterkirche eine verblüffende Ähnlichkeit mit den Pfeilern der Roßtaler Krypta.

1034 stirbt der Sohn Udo, zwei Jahre später Otto von Hammerstein im Alter von 58 Jahren. Irmingard, die ihren Gatten um 6 Jahre überlebte, hat durch die Errichtung ihrer großzügigen Begräbniskirche in Roßtal ein bleibendes Geschichtsdenkmal hinterlassen, das selbst nach 950 Jahren noch beeindruckend an Roßtals große Vergangenheit erinnert.

Irmingards Beziehungen zu Ostfranken

Drei ostfränkische Besitzkomplexe stehen im Zusammenhang mit der Pfalzgräfin Irmingard von Hammerstein, verwitweten Rangaugräfin:

  1. Roßtaler Besitz; hier ist es vor allem die östliche Hälfte der Festung, in der sie die große Laurentiuskirche erbauen ließ. Da der Burgenbau zum militärischen Aufgabenbereich der Grafen zählte und ihr ausschließliches Privileg gewesen ist, gehörte die Roßtaler Landesburg mit Prädium zum Dienstgut des zuständigen Grafen, das inzwischen allodifizierter Besitz (Eigentum) geworden war.
  2. Der Königshofbezirk Fürth, den das Hammersteiner Ehepaar als Ausgleich für das durch Kaiser Heinrich II. entzogene Witwengut Irmingards im Jahre 1024 von König Konrad zugesprochen erhielt.
  3. Die Königshöfe und Prädien Langenzenn und Herzogenaurach mit dem Sebalder Reichswaldgebiet und den dazugehörigen Forstsitzen Großgründlach, Eltersdorf, Herpersdorf und Walkersbrunn. Dieser Besitz stellte das ehemalige Witwengut Irmingards dar.

Trotz der schwerwiegenden Auseinandersetzungen mit dem verschwägerten Kaiser Heinrich II. hatte Irmingard von Hammerstein nach dem Tod des Herrschers weiterhin sehr enge Beziehungen zum Bistum Bamberg aufrechterhalten. Die als „Prädium Rossestal“ 1048 urkundlich erwähnten Besitzungen des Bamberger Bischofs im Roßtaler Umland sind offensichtlich von Irmingard nach Bamberg gestiftet worden. Eine wichtige Überlieferung bilden auch zwei Einträge im Nekrologium des Bamberger Klosters Michelsberg. Dort ist das Hammersteiner Ehepaar wie folgt verzeichnet:

„2 N August Otto Palatinus (= Pfalzgraf)
 9 K November Irmingard Palatina (= Pfalzgräfin).“

Diese Bamberger Erwähnung über das Hammersteiner Ehepaar, die A. Ortegel bei der Niederschrift seiner Abhandlung noch nicht bekannt gewesen ist, bildet neben Prof. Klebels Forschungsergebnissen einen weiteren Beweis für die Richtigkeit von Ortegels Darstellung.

Es sei noch vermerkt, daß Prof. von Guttenberg im Heimatbuch Herzogenaurach auf eine „zwar formal unechte, aber im Inhalt sachlich richtige Urkunde aus dem Jahre 1017“ hinweist, nach der ein Chuno mit seinem Bruder Eberhard, dem 1. Bischof von Bamberg, ein Gütertauschgeschäft abschloß. Wenn dieser Kuno mit dem gleichnamigen Sohn Irmingards aus 1. Ehe identisch ist, würde dies bedeuten, daß der erste Bamberger Bischof mit Irmingard verwandt gewesen ist. Der Ausdruck „Bruder“ in der Urkunde könnte auf eine Verschwägerung von Kuno und Bischof Eberhard hinweisen.

Quelle: Kreutzer, Hans: Roßtal – Vergangenheit und Gegenwart, S. 73 ff.