Helmut Mahr

Kirche und Krypta in Roßtal

Eine vorläufige Bestandsaufnahme

Zum Andenken an Herrn Regierungsforstmeister August Ortegel, dessen Initiative wir die Ausgrabungsergebnisse im Roßtaler Kirchenbereich verdanken.

Als der um die Erforschung der Geschichte Roßtals und seiner Kirche so verdiente Oberforstmeister August Ortegel daran ging, die Fülle des Materials zu sichten, das er in lebenslanger Arbeit zusammengetragen hatte, sagte er mir einmal, daß es für ihn – und dabei galt er als der beste Kenner auf diesem Gebiet – immer schwieriger werde, über die Frühzeit dieser Kirche als Institution und als Bauwerk ein klares Bild zu gewinnen, und daß es wohl besser sei, sich auf wenige, dafür aber unbezweifelbare Fakten zu stützen, alles andere jedoch über Bord zu werfen.

Leider ist er nicht mehr dazu gekommen, dieses Vorhaben durchzuführen und dabei angesichts eines Wustes von Hypothesen und z. T. sich widersprechenden Meinungen über die Frühgeschichte der Roßtaler Kirche jene Methode anzuwenden, die schon der Philosoph Descartes empfiehlt, nämlich alles in Zweifel zu ziehen, bis nur noch das übrig bleibt, was als ganz sicher gelten kann. Geht man so vor, wie es Ortegel beabsichtigte, so bleiben für die frühe Geschichte der Kirche in Roßtal nur noch wenige gesicherte Anhaltspunkte übrig. Angesichts dieser Tatsache müssen wir uns bereits jetzt klar darüber sein, daß wir somit auch kein vollständiges und endgültiges Bild gewinnen können. Alle Ergebnisse und Erkenntnisse beruhen auf dem jetzigen Stand der Forschung, und sie müssen lückenhaft bleiben, solange sie nicht durch eine detaillierte Ausgrabung im Roßtaler Kirchenbereich korrigiert oder ergänzt werden, so wie es inzwischen für den Bereich der Befestigung des Ortes geschah.

Als sicher kann zunächst die Tatsache gelten, daß Kaiser Otto d. Gr. nach dem gescheiterten Reichstag von Langenzenn 954 die Anhänger seines aufständischen Sohnes Ludolf im ottonischen Kastell Horsadal-Roßtal vergeblich bestürmte1).

Es war dieser Kampf gleichsam der Auftakt und das Vorspiel zur Ungarnschlacht auf dem Lechfeld, in der das deutsche Reichsaufgebot, der Kaiser weit voraus, das Banner des Erzengels Michael in der Hand, in die Scharen der Ungarn einbrach und einen vollständigen Sieg erfocht, an jenem 10. August 955. Heiliger dieses Siegestages aber war St. Laurentius, dem nun als Retter aus der Not erhöhte Verehrung zuteil wurde.

Tatsache ist weiterhin, daß die Kirche in Roßtal, einem Ort, der nachweislich über Ludolf, den Sohn Ottos d. Gr., Beziehungen zum ottonischen Kaiserhaus hatte, dem hl. Laurentius geweiht ist und mit dem Sieg Ottos d. Gr. auf dem Lechfeld und der aufkommenden Laurentiusverehrung in Verbindung steht. Es würde dies bedeuten, daß die Entstehung zumindest des jetzigen Laurentiuspatroziniums in Roßtal in die Herrschaftszeit des ottonischen Hauses nach dem Sieg auf dem Lechfeld fällt, also zwischen 955 und 1024, da mit dem Tode Kaiser Heinrichs II. 1024 die Ottonen im Mannesstamm ausstarben.

Wir wissen aber nicht, ob nicht bereits vorher eine Kirche anderen Patroziniums auf dem ins Tal hineinragenden Bergsporn stand, denn ein Patroziniumswechsel bei besonderen Ereignissen – und dieser Sieg war so ein Ergebnis – ist keine Seltenheit, da auch die Heiligenverehrung Modeströmungen unterworfen war. Eine Reihe von Gründen spricht für die Annahme, daß die Pfarrei Roßtal und somit auch eine Kirche schon vor der Jahrtausendwende bestanden. So sind z. B. mehrere bei Ausgrabungen von Ortegel festgestellte Mauerzüge unter dem Fundament der heutigen und der frühromanischen Kirche sowie im Friedhof weder in Mauertechnik noch Verlauf in die frühromanische Anlage mit ihrer im 11. Jhd. entstandenen Hallenkrypta, wie sie sich uns noch erschließen wird, einzuordnen. Setzen wir voraus, daß man in der Regel Kirchenbauten auf dem schon geheiligten Grund einer älteren Kirche errichtete – in Solnhofen hat man 7 übereinander liegende Kirchen ausgegraben – so bedeutet dies, daß bereits vor dem der Krypta zugehörigen Bau mit seinen großen Dimensionen eine kleinere Kirche in Roßtal existiert haben kann. Letzte Sicherheit darüber aber könnte nur eine detaillierte Ausgrabung ergeben.

Nicht zu übersehen ist in diesem Zusammenhang auch die große Ausdehnung des Roßtaler Pfarrsprengels, der 1735 noch 32 Orte umfaßte2), aber vor der Ausgliederung des Großhabersdorfer Pfarrbezirkes, möglicherweise auch des Zirndorfer3), um die Jahrtausendwende oder kurz zuvor, von der Buchschwabach bis an die Zenn reichte. Wenn auch nicht sicher ist, ob es sich bei den in einer Regensburger Markbeschreibung des 9. Jhds. genannten Namen Clarsbach und Buchschwabach um Orte oder Gewässer handelte4), so enthielt doch der ursprüngliche Roßtaler Pfarrbezirk mit dem 776 erwähnten, heute jedoch nicht mehr existenten Cennehusen einen Ort, der weit vor der frühesten Nennung von Roßtal bekannt war5). Gewichtiges Argument aber, daß Roßtal um die Jahrtausendwende, wahrscheinlich noch vor dem Bau der heutigen Kirche, eine ausgebaute Pfarrei, womöglich schon damals eine zu große gewesen sein muß, liegt in der Tatsache der Ausgliederung des Großhabersdorfer Sprengels selbst, der sich spätestens zwischen 1057 und 1075 als eigener ausgebauter Pfarrbezirk mit einer Tochterkirche in Cennehusen unter dem Eichstätter Bischof Gundekar II. erschließt6).

Nach bisher bekannter kirchlicher Praxis steht so eine Ausgliederung immer am Schluß einer häufig sehr langen Zeitspanne, während der ein neuer Seelsorgebezirk auf- und ausgebaut wird, denn eine Erhebung zur eigenständigen Pfarrei ist mit einer Reihe von Auflagen verbunden, die alle erfüllt sein müssen. So war z. B. die Kirche in Vach 347 Jahre von Zirndorf abhängig, ehe sie von der Mutterkirche getrennt wurde.

Auf das Verhältnis Roßtal–Großhabersdorf bezogen, setzt dies voraus, daß die Mutterpfarrei Roßtal weit vor das Jahr 1000 zurückreichen muß, wenn sich die ehemalige Tochterkirche Großhabersdorf 1057 bereits selbst wieder als Mutterkirche präsentiert.

Soweit nun über die Roßtaler Kirche als Institution. Aber auch für das hohe Alter als Bauwerk gibt es sehr gewichtige Gründe. So kann zunächst als Tatsache gelten, daß sich bis zum großen Brand 16277) neben dem Hochgrab eines trotz aller Nachforschungen nicht klar zu ermittelnden Herzogs Ernst auch das Grab einer seligen oder sogar heiligen Irmingart – das mittelalterliche Kirchenrecht unterschied hier noch nicht so eindeutig – in dieser Kirche befand. Den frühesten Hinweis darauf erhalten wir in den Schlußzeilen der D-Handschrift des Liedes von Herzog Ernst aus der Zeit zwischen 1277–1285, wo es heißt, daß ihre Grabstätte das Ziel großer Wallfahrten sei, da Gott durch sie viele Wunder wirke8).

Rund zweihundert Jahre später schreibt Veit Arnpeck († 1494) auf einem Notizzettel seiner Stoffsammlung für die Chronica Baioariorum über die Roßtaler Heilige: … ebenso ruht … Irmelgard unterhalb des Chores, über deren Grabstätte ein Altar zu Ehren der hl. Jungfrau Maria geweiht ist. Sie wird von vielen Gläubigen besucht. Auch hat sie nicht einen Jahresgedenktag, sondern nur ein Gedächtnis mit Zusammenschlagen aller Glocken an Quadragesima, das ist am Sonntag Invocavit …9).

Dann finden sich 1507–15 einige Rechnungen für Altardecken, Leuchter und ein Lesepult „auff die grufft von der Skt. Irmelgart“ 10), die Arnpecks Angaben über einen Altar über ihrem Grab bestätigen, und zum Schluß gibt uns Caspar Bruschius († 1559) einen Bericht über das Grab der seligen (!) Erbelgard von Roßtal, das er königlich nennt, dem Bamberger Kaisergrab ähnlich, das nach seiner Ansicht nur mit großem Aufwand errichtet worden sein mußte11).

Den Forschungen Ortegels zufolge handelte es sich bei der in Roßtal genannten hl. Irmgart um die Gräfin Irmingart von Hammerstein12). Zusammen mit ihrem Mann Otto wurde sie von Kaiser Heinrich II. unter dem Vorwand einer kirchlich nicht anerkannten Verwandtenehe, in Wirklichkeit aus machtpolitischen Gründen hart bedrängt und auf Betreiben des Kaisers auch von Reichssynoden exkommuniziert, bis sie unter der Regierung Konrads II. Ruhe fand, nicht zuletzt auch deshalb, weil dieser Herrscher selbst in einer Verwandtenehe lebte.

Parallelen im engeren und weiteren fränkischen Raum lassen erkennen, daß sie bei einem Begräbnisrecht in der Kirche und bei solcher Verehrung wohl als Stifterin dieser Kirche, zumindest des Bauwerkes, anzusehen ist, in diesem Fall, da Irmingart selbst zwischen 1041 und 1043 starb, als Stifterin der frühromanischen Kirche in Roßtal, die wir also für diese Zeit als Bauwerk ansetzen dürfen.

Wie Irmingart fand auch die adelige Achahildis aus der Familie der Putigler von Kornburg ihre Ruhestätte in der von ihr gestifteten Kirche von Wendelstein, die, ebenso wie Roßtal, bald das Ziel von Wallfahrten zur hl. Achahild wurde. Ihr steinerner Sarkophag dient heute als Unterbau für den Altar der Wendelsteiner Kirche13).

Nicht weniger bekannt ist die selige Stilla von Abenberg, Adelsdame aus dem Abenberger Grafengeschlecht, deren Grab in der von ihr gestifteten Peterskirche südlich von Abenberg noch heute von Wallfahrern aus Franken besucht wird14), während die Tumba der hl. Gunthilt, Adelsdame aus dem Schambachtal, Stifterin der Kirche in Suffersheim, in der sie auch begraben lag, nach der Reformation beseitigt wurde.

Lassen also Person und Lebensdaten der Stifterin auf eine Entstehung der Roßtaler Kirche als Bauwerk in frühromanischer Zeit kurz nach der Jahrtausendwende schließen, so liegt ein weiteres wichtiges Indiz dafür in der architektonischen Gestaltung und der Bauweise des Kirchenbaues selbst. Wie in Zirndorf und Großhabersdorf, die beide um die Jahrtausendwende schon Pfarrkirchen hatten, die aber erst Jahrhunderte später zum erstenmal genannt wurden, stand auch der Roßtaler Bau mindestens schon 150 Jahre, ehe er 1277–85, ganz beiläufig übrigens, Erwähnung fand.

Gehen wir vom heutigen Bau aus, so muß festgestellt werden, daß sowohl Turm als auch Chor spätere Zutaten aus gotischer Zeit sind. Durch Veit Arnpeck wissen wir bereits, daß dieser Chor mit seinem feinen Sterngewölbe im Fünfachtel-Schluß schon 1494 stand, während der Turm wohl in der 1. Hälfte des 15. Jhds. errichtet wurde. Daß er neben seiner Funktion als Glockenträger auch als Wehrturm gedacht war, ist schon aus seiner massiven Bauweise und der engen stilistischen und bautechnischen Verwandtschaft zum 1412 errichteten Zirndorfer Turm zu entnehmen. Wahrscheinlich hatten die bösen Erfahrungen mit Nürnberger Plünderzügen ins markgräfliche Territorium im Städtekrieg von 1388 dazu geführt, die Friedhöfe zu befestigen, als Kirchenburgen zum Schutz der Bevölkerung auszubauen und mit so massiven Bollwerken, wie es die Türme sind, abzusichern.

Beide Türme, in Roßtal wie in Zirndorf, die seit Ende des 18. Jhds. sogenannte welsche Hauben mit Barocklaternen tragen – der Roßtaler seit 1769 – hatten ursprünglich spitze Helme mit vier Scharwachttürmen an den Ecken, wiesen also die für Franken typische Form des sog. Fünfknopfes auf.

Wie der Zirndorfer, so zog auch der steile Roßtaler Turmhelm nicht selten Blitze an, und wir wissen, daß mehrere Brände, u. a. das verheerende, alles zerstörende Feuer des Jahres 1627 durch einen Blitzschlag entstand.

Bleibt also für unsere Untersuchung das Langhaus. Daß es im Lauf der Zeiten mannigfachen Veränderungen und Umbauten ausgesetzt war, vor allem nach Bränden, kann als sicher gelten. Trotzdem aber konnten alle Umbauten die Bausubstanz nicht so völlig verändern, daß nicht noch heute frühe Bauteile erkennbar wären, so z. B. einige romanische Rundbogenfenster, die teilweise aus der frühesten Bauphase stammen.

Liegt hier aber immer noch ein gewisser Unsicherheitsfaktor, der es uns nicht ermöglicht, die Roßtaler Kirche auf Anhieb als frühromanisches Bauwerk zu identifizieren, so können wir uns mit um so größerer Sicherheit in unserer Untersuchung auf den ältesten Bauteil dieser Kirche verlassen, die Hallenkrypta. Sie blieb in ihren Maßen und in der Bauweise seit ihrer Entstehung fast unversehrt erhalten, sieht man ab von einer späteren Veränderung der Zugänge und der Erneuerung der Nordmauer.

Welche Funktion hatte nun diese Krypta?

Griechisch krypté heißt: gedeckter Gang, unterirdische Kammer. Gemeint war damit beim christlichen Sakralbau die unter dem Hochaltar liegende Grabkammer des Heiligen, die für die Gläubigen auch von außen her zugänglich war, so daß sie dort die Reliquien verehren konnten, ohne den Gottesdienst in der Kirche selbst zu stören.

Grabplatten von Märtyrer- oder Heiligengräbern waren zudem häufig – wie z. B. die des Apostels Paulus in Rom gezeigte – mit Öffnungen versehen, so daß das Volk die Reliquien sehen und sogar berühren konnte, wie es bis zum heutigen Tag in Padua am Grab des hl. Antonius geschieht.

Welche Bedeutung dies für die Krypta in Roßtal hat, werden wir gleich verstehen, wenn wir wissen, daß Irmingart wohl zunächst in der Krypta, in späterer Zeit, zumindest noch vor 1275, nach ihrer Spontanheiligung in einem Hochgrab mit einem Marienaltar im Schiff der Kirche begraben war, genau in der Mitte, beim Übergang vom Langhaus zum erhöhten Chor über der Krypta.

Ein Stich der 1627 ausgebrannten Kirche von Hans Bien weist darauf hin, und Ortegel hat diesen Marienaltar ausgegraben. Er fand aber auch eine heute zugemauerte Schachtöffnung, die einen Durchblick von der Westwand der Krypta aus auf den Sarg der Heiligen unter dem Altar ermöglichte. Hauptaltar und Heiligengrab wurden 1627 beim Brand zerstört und mußten abgetragen werden. Somit ist die Funktion dieser Krypta klar. Sie war zunächst Begräbnisplatz Irmingarts, dann bei dem im Spätmittelalter aufblühenden Stifterkult und der damit verbundenen Verehrung der hl. oder seligen Irmingart Unterkirche, was eindeutig aus dem Vorhandensein eines Altartisches und eines spätgotischen Flügelaltares – des heute im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg verwahrten Schnitzwerkes der Gregoriusmesse – hervorgeht.

Ein Zugang von außen, vielleicht sogar zwei, kamen dieser Verwendung als Unterkirche entgegen, wie wir gleich erkennen werden, wenn wir einen Blick auf die architektonische Gestaltung dieses Bauwerkes werfen.

Die Roßtaler Krypta war in ihren Abmessungen trianguliert. Was heißt das? Zeichnet man auf einem Kreis ein regelmäßiges Sechseck mit je einer oben und unten in der Mitte liegenden Ecke und verbindet alle sechs Ecken miteinander, so erhält man drei innerhalb des Kreises liegende Rechtecke, deren kürzere Seiten einer Sechseckseite oder dem Kreisradius entsprechen. Die Diagonalen dieser Rechtecke entsprechen dem Durchmesser des Kreises. Jedes Rechteck läßt sich dann wieder in sechs flächengleiche Teilrechtecke zerlegen.

Nach diesem alten, mit Schnur und Pflock leicht zu handhabenden Verfahren, dem Triangularverfahren – wegen der im Kreis auftretenden gleichseitigen Dreiecke – wurden früher die Gebäude abgesteckt. Es war beliebt wegen seiner Einfachheit. Durch das Christentum erhielt es zudem später eine mythologische Ausdeutung, denn das gleichseitige Dreieck verkörperte die Trinität: Vater – Sohn – hl. Geist. Aus diesem Planverfahren ergaben sich dann gleichzeitig auch die Höhe des Gebäudes, Giebelhöhe, Dachneigung und Mauerdicke von selbst. Nehmen wir nun die östliche Außenwand der Roßtaler Krypta mit 14 m d. s. 44 Fuß zu 32 cm als Grundlage für die Triangulation und zugleich als senkrecht stehende Basis eines mit der Spitze nach links liegenden gleichseitigen Dreieckes, so wird diese Spitze Mittelpunkt eines Kreises, auf dem man ein regelmäßiges Sechseck mit der Sechseckseite 14 m konstruieren kann. In diesem Kreis mit dem einbeschriebenen Sechseck liegt wiederum ein waagrechtes Rechteck vor uns, dessen Hälfte genau der Kryptalänge entspricht. Wie aus Zeichnung 1 ersichtlich, läßt sich nun rasch ein vollkommener Kirchengrundriß mit dieser Methode entwickeln, und in der Kirchenbaugeschichte gibt es soviele Beispiele für die Anwendung dieses Verfahrens beim Entwurf von Kirchen, daß es sich erübrigt, noch näher darauf einzugehen.

Bild 1 (Zeichnung 1)
Nach der Triangulation erschlossener Kirchengrundriß
Bild 2 (Zeichnung 2)
Plan der Roßtaler Kirche mit den eingezeichneten Ausgrabungsergebnissen

Überträgt man nun diesen durch Triangulation gewonnenen Grundriß (Zeichnung 1) auf einen Plan der heutigen Kirche im gleichen Maßstab, auf dem auch die bisherigen Ausgrabungsbefunde von Roßtal eingetragen sind (Zeichnung 2), so ergibt sich folgendes:

  1. Die Spitze des aus der östlichen Außenwand der Krypta triangulierten gleichseitigen Dreieckes ist nicht nur Mittelpunkt eines Kreises für das Sechseck, sondern zugleich auch Mittelpunkt der Kirche selbst. Dort lag der Marienaltar, später auch das Grab der hl. Irmingart. Der über der Krypta liegende erhöhte Chor, nicht zu verwechseln mit dem im Mittelalter angebauten gotischen Chor, hatte demnach zur Zeit der Erbauung noch seine ursprüngliche Funktion als Platz des Chores, der den Gottesdienst mit seinem Gesang begleitete. Der Priester selbst stand mit dem Angesicht zu dem im Kirchenschiff versammelten Volk, wie es seit kurzem in der Kath. Kirche wieder der Fall ist.
  2. Die bei Ausgrabungen von Röttger und Ortegel aufgefundenen Mauerzüge und Fundamente decken sich bis auf wenige Ausnahmen, über die schon gesprochen wurde, in Verlauf und Stärke mit den durch die Triangulation erschlossenen Teilen des Baues, der so als Komposition aus einem Guß erscheint.
    Es ist dabei nicht zu übersehen, daß sowohl der für Roßtal durch Triangulation erschlossene Grundriß als auch der auf Grund der Ausgrabungsergebnisse angenommene im Typus dem des frühromanischen Würzburger Domes entspricht, wie er 1040 von Bischof Bruno in einem Umbau gestaltet wurde. Diese Übereinstimmung von erschlossenem Grundriß mit der Baurealität läßt aber auch den Schluß zu, daß der Bau von Kirche und Krypta in Roßtal zeitlich nicht voneinander zu trennen sind, d. h. Kirche und Krypta sind gleichzeitig entstanden, wohl nach einem damals mehrfach angewendeten Planungsschema oder vielleicht auch nach dem Würzburger Vorbild.
  3. Demzufolge steht das heutige Langhaus auf den Grundmauern der frühesten erkennbaren Kirche, bzw. die heutigen Langhausmauern enthalten noch Teile dieses frühen Bauwerkes aus romanischer Zeit.
  4. Dem Triangulationsbefund zufolge weist das heutige Langhaus genau drei Kryptalängen auf, während der frühere Bau den Ausgrabungsergebnissen nach noch länger war. Somit steht fest, daß der heutige Turm des 15. Jhds. in die Mauern oder Fundamente der romanischen Kirche eingeschoben wurde.
  5. Dies würde bedeuten, daß vor dem Turmbau Teile des westlichen romanischen Langhauses eingerissen worden sein müssen. Es gibt eine Reihe von Beweispunkten für diese Annahme. So ist in einem Fenster eines Turmgeschosses ein Kapitell einer romanischen Säule mit verbaut, und auf der Südseite des Turmes, genau beim Ansatz des Dachfirstes, ist ein romanisches Fenster vollständig bei dem gotischen Turmbau wieder verwendet worden, abgesehen von einigen weiteren romanischen Spolien mit Ziermustern bei einem Fensterbogenstein der Südseite. Mit großer Wahrscheinlichkeit stammen diese Teile aus dem Abbruch des westlichen romanischen Langhauses, das u. U. noch über die später erbaute Wehrmauer des heutigen Friedhofes hinausreichte. Die Abbruchstelle am westlichen Ende der Langhaussüdwand ist noch heute im Mauerwerk gut erkennbar.
  6. Bisher nicht beweisbar allerdings ist die Annahme, daß es sich bei diesem triangulierten Bauwerk um eine dreischiffige Basilika gehandelt habe. Das im Turm eingemauerte romanische Säulenteil und ein Kapitellstück, das lange Zeit als Stützstein für einen Balken des Roßtaler Brunnenhauses diente, reichen nicht aus als Beweis. Das Säulenteil des Turmes erscheint zu klein für eine Basilika und könnte allenfalls aus einem Fenster- oder Türstück stammen, und das als Stützstein verwendete Kapitell könnte auch von woanders hergekommen sein. Die Verwendung des Fußmaßes von 32 cm, wie wir es auch vom romanischen Bau in Roßtal her kennen, spricht aber dafür, daß beide Stücke auch daraus stammen.
  7. Rekonstruktion der frühromanischen Kirche in Roßtal nach den Ausgrabungsbefunden.
  8. Weiterhin ergaben die Ausgrabungen im Süden und Norden der heutigen Kirche Grundmauerteile eines Querschiffes, die wiederum in Abmessung und Mauerdicke genau in den durch Triangulation erschlossenen Grundriß passen. Wir wissen aber nicht, ob dieses Querschiff nur in den Fundamenten angelegt war und dann nicht mehr zur Ausführung kam, oder ob ein tatsächlich vorhandener Bau in späterer Zeit wieder abgebrochen wurde, so daß die heutige Kirche nur als kleiner Teil einer ehemals viel größeren Anlage übrigblieb. Auffällig allerdings ist, daß sich gerade an den Stellen der heutigen Langhausmauern gotische Fenster befinden, an denen ihr Verlauf durch die weiter außerhalb verlaufenden Mauern des Querschiffabschlusses unterbrochen worden ist, d. h. daß diese Mauerstücke mit den Fenstern erst später nach dem Abbruch des Querschiffes eingesetzt worden sein könnten.
  9. In den Ecken zwischen dem Querschiff und dem Langhaus auf der Ostseite wurden bei der Ausgrabung Grundmauern zweier Vierecktürme freigelegt, die in ihrer Linienführung genau in den durch Triangulation erschlossenen Grundriß passen. In dem besser erhaltenen Teil der Südseite führten Treppenstufen hinab in die Krypta. Diesem Befund entspricht auch ein im Inneren der Krypta an dieser Stelle erkennbarer zugemauerter Eingang. Es ist eine Tatsache, daß die Eingänge zur Krypta wiederholt verlegt wurden. Der heutige Eingang ist offensichtlich neueren Datums. Vor dem Brand von 1627 war die Krypta durch Stufen beiderseits des Marienaltars zugänglich, und noch früher konnte man sie allem Anschein nach über die Turmuntergeschosse von außen her betreten, was auch die Annahme untermauert, daß sie einst als Unterkirche gedient hat.
  10. Sowohl dem Triangulations- als auch dem Ausgrabungsbefund zufolge hatte die frühromanische Kirche in Roßtal keine Rundapsis auf der Ostseite. Die heute wegen des mittelalterlichen gotischen Chorausbaues vermauerten Fenster der Kryptaostwand unterstützen diese Annahme, denn welchen Sinn hätten diese Fenster aus der Zeit der Erbauung haben sollen, wenn durch einen vorgelagerten Apsisbau gar kein Licht in die Krypta fallen kann.
  11. Über die Höhe der Bauten, wie sie sich aus der Triangulation ergeben könnten und bei vielen Bauwerken ergab, kann heute keine verbindliche Aussage gemacht werden, da allem Anschein nach auch die Höhe der Langhausmauern bei Umbauten verändert wurde. So liegen z. B. die romanischen Fenster der Langhaussüdmauer im Niveau tiefer als die der Nordseite. Auch die Giebelfront des Langhauses unmittelbar an der Turmsüdwand läßt deutlich erkennen, daß früher eine andere Dachneigung vorhanden war.

Bliebe noch die Frage nach dem Alter des Bauwerkes, das wiederholt, so auch jüngst, als das älteste in Franken überhaupt bezeichnet wurde. Hier muß ganz deutlich gesagt werden, daß für diese Behauptung bisher jeder Beweis fehlt.

Ebenso ungeklärt ist die Frage nach einer engen stilistischen wie bautechnischen Verwandtschaft der Roßtaler Krypta mit der noch vorhandenen Krypta einer verschwundenen Kirche in Unterregenbach an der Jagst. Es wurde wohl verschiedentlich auf diese stilistische Verwandtschaft hingewiesen, aber die Forschung hat sich bisher nur der Unterregenbacher Krypta angenommen, um die Datierung der Roßtaler gerade aus dieser Verwandtschaft heraus aber einen großen Bogen geschlagen, obwohl bekannt ist, daß historische Beziehungen der Roßtaler Stifterin Irmingart zu Unterregenbach vorhanden waren. So traten z. B. sowohl Ehemann als auch Sohn der Irmingart 1033 in einer Urkunde als Zeugen auf, in der Kaiserin Gisela ihren Unterregenbacher Besitz an Würzburg verschenkt. Die in dieser Zeit entstandene Unterregenbacher Basilika wie Krypta waren also der Familie der Stifterin des Roßtaler Bauwerkes bekannt.15).

Nicht zu übersehen ist auch, daß sowohl in Roßtal wie in Unterregenbach quadratische Sandsteinsäulen aus quadratischen Basen mit pyramidenstumpfartigem Übergang emporwachsen und ein aus Brockensandsteinen gemauertes und verputztes Tonnengewölbe tragen.

Für Unterregenbach wurde inzwischen folgendes geklärt:

Diese Säulen stammen von einem niedergelegten Kirchenbau aus karolingischer Zeit und wurden für den Kryptabau des frühen 11. Jhds. wieder verwendet. Für Roßtal ergeben sich aus dieser Erkenntnis zwei Möglichkeiten: Entweder wurden hier wie in Unterregenbach Säulen eines älteren Bauwerkes für die von Irmingart gleichfalls in der 1. Hälfte des 11. Jhds. gestiftete Kirche und Krypta wieder benützt, oder die in Roßtal tätigen Handwerker kannten das Unterregenbacher Vorbild und gestalteten es nach. Dafür spricht die Geschlossenheit der Anlage. Ganz gleich aber, für welche Möglichkeit wir uns entscheiden, keine steht der – wie wir inzwischen wissen – sehr begründeten Annahme im Wege, diese Krypta, somit auch die gesamte Kirche, sei in der Zeit um 1030/1040 errichtet worden.

Nicht völlig geklärt ist auch die Frage, welche Gründe dazu geführt haben, die Roßtaler Kirche zu errichten, und dazu in Dimensionen, die kaum der Bevölkerungszahl der damaligen Zeit entsprachen. Wir wissen aber, daß die ganze europäische Christenheit an der tausendjährigen Wiederkehr des Geburtstags bzw. des Todestages Christi im Jahre 1000, dann im Jahr 1033 den Weltuntergang erwartete. Als er ausblieb, mündeten die bereits vorher hochgehenden Wogen asketischer Bußvorsätze in eine neue ein, die von Frankreich kam und den Bußgedanken in einer schlimmen Welt immer stärker in den Mittelpunkt des Lebens stellte. Wahrscheinlich verdanken wir auch Krypta und Kirche in Roßtal als sichtbare Buß- und Sühneleistung Irmingarts für ihre von kirchlicher Seite als Sünde angesehene Verwandtenehe dieser religiösen Strömung der cluniazensischen Reformbewegung, die in ihrem Höhepunkt die Bannung und den Canossagang Kaiser Heinrichs IV. zur Folge hatte. Von Unterregenbach wissen wir, daß die dortige Basilika als Klosterkirche erbaut wurde. Möglicherweise erklären sich auch die großen Dimensionen des Roßtaler Bauwerkes aus diesem Gedanken. War es ebenfalls als Basilika eines Klosters gedacht, dessen Gründung dann nach dem Tode der Stifterin und dem Aussterben der Familie nicht mehr zur Ausführung kam?

Wir können alle diese Fragen vorläufig nicht beantworten, ebensowenig wie die, ob der Kirchenbau wirklich errichtet und dann später teilweise wieder abgetragen wurde, oder ob er nur in den Fundamenten angelegt war, auf denen dann nur in Teilen weitergebaut wurde. Auch hier könnte allein eine Grabung Auskunft geben.

Es ist jedoch kaum zu erwarten, daß es in den nächsten Jahren dazu kommt. So wird wohl die Roßtaler Krypta, auch wenn sie nicht das älteste Bauwerk Frankens ist, so doch eines der am besten erhaltenen und gepflegten dieser Art, das letzte Geheimnis ihrer Entstehung noch lange festhalten.

Zeichnung
Die Roßtaler Kirche nach dem Brand von 1627, Zeichnung von Hans Bien
Zeichnung
Roßtaler Marienaltar, Bauaufnahme von Dr. Röttger 1936;
Grabkammer der heiligen Irmingart mit Sichtöffnung zur Kryptawestwand (heute vermauert)

Anmerkungen

1Widukind v. Corvey, Sachsengeschichte.
Widukind Res Gestae SS. rer. Germ. III, 34, 35.
2A. Rohn, Heimatbuch v. Roßtal u. Umgebung. Roßtal 1928, S. 34 f.
3Jahrbuch für fränkische Landesforschung. 1939/5. S. 132 f.
P. Schöffel, Der Archidiakonat Rangau am Ausgang des Mittelalters. Der Großhabersdorfer Pfarrbezirk, flankiert von Vincenzenbronn und Schwaighausen, beides früher Orte des Roßtaler Pfarrsprengels, mußte schon vor 1000 n. Chr. ausgegliedert worden sein. St. Walburg, Großhabersdorf war, obwohl im Bistum Würzburg liegend, wahrscheinlich Eichstätter Eigenkirche, ebenso wie Zirndorf. Das unmittelbar neben Zirndorf liegende Banderbach, später als Reichslehen nachweisbar, muß bei der Ausgliederung der Eichstätter Eigenkirche Zirndorf aus dem Roßtaler Sprengel als Königsgut beim kgl. Roßtal verblieben sein. Auch diese Ausgliederung mußte um die Jahrhundertswende stattgefunden haben, denn spätestens 1075 ist Zirndorf bereits Mutterpfarrei der Filiale Vach.
4Jahrbuch für fränkische Landesforschung 1941/6/7, S. 197 f.
Karl Dinklage, Die Besiedlung des Schwabacher Landes in karolingischer Zeit. Dort auch der Text der Schwabacher Markbeschreibung aus der Zeit zwischen 792 u. 816 n. Chr.
5R. Strobel, Landkreis Neustadt/Aisch. Bay. Kunstdenkmale S. 123, Neuhof/Zenn.
6Heidingsfelder, Eichstätter Regesten nr. 251.
7A. Ortegel, Irmingard v. Hammerstein im östl. Franken. Mitt. d. Ver. f. Gesch. d. St. Nürnberg 39, Nbg. 1944.
8A. Ortegel, siehe 7.
9A. Ortegel, siehe 7.
10A. Ortegel, siehe 7.
11A. Ortegel, siehe 7.
12A. Ortegel, siehe 7.
13 Ernst Widemann, Beiträge zur bay. Kirchengeschichte 27. Bd. S. 66 f.
14Theologisches Lexikon, sel. Stilla, 1. Hälfte des 12. Jhds., Verehrung seit 1480 bezeugt.
Kult 22. 2. 1897 bischöflich, 12. 1. 1927 päpstlich bestätigt.
151033 8. August – Mon. Boica XXIX/I, S. 39.

Quelle: Fürther Heimatblätter Nr. 2/1975