Maximilian Gaul

Machtergreifung in Roßtal, Roßtal von 1933 bis 1945

Kommunalwahlen im April 1933 bringen die NSDAP an die Macht

Am 23. April 1933 übernahmen auch in Roßtal die Nationalsozialisten bei den „Kommunalwahlen“ die Macht. Sie konnten sich auf eine durch Bürgermeister Hans Eckstein und seine Gemeinderäte geschaffene gute Infrastruktur stützen. Bürgermeister Eckstein sorgte auch dafür, dass Roßtal endlich ein Rathaus erhielt. In dieses Rathaus (Altes Rathaus in der Rathausgasse) ziehen am 28.04.1933 ausgerechnet als erste die Nazis ein. Fritz Flachenecker wurde vom neuen Marktgemeinderat mit 9 Stimmen zum 1. Bürgermeister gewählt. Er tritt sein Amt offiziell am 24. Mai an. Dem neuen Marktgemeinderat gehörten außerdem Georg Wagner an, der zum 2. Bürgermeister mit 8 Stimmen von den Markträten bestimmt wurde, weiter Hans Fuchs (NSDAP-Ortsgruppenleiter), Michael Wiesinger, Hans Wick, Hans Riegel, Fritz Schmidt, Leonhard Fischhaber, Fritz Bauer und Johann List. Als Ersatzleute wurden gewählt: Adolf Rohn, Lehrer und Verfasser des ersten Heimatbuches von 1928, Ulrich Nüchterlein, Hans Haas, Heinrich Walter, Albert Bachmann, Georg Pflug, Hans Reck und Georg Knoll.

Michael Wiesinger wird nach dem Krieg von den Amerikanern als Bürgermeister eingesetzt. Leonhard Fischhaber fungiert als 2. Bürgermeister und 3. Bürgermeister in der Nachkriegszeit. Beide gehörten dem später allein durch die NSDAP bestimmten Marktgemeinderat nicht mehr an.

Keiner der neuen Marktgemeinderäte hatte in der Weimarer Zeit kommunalpolitisch eine Rolle gespielt. Auch die beiden Bürgermeister waren vorher nicht im Gremium vertreten, wie auch die NSDAP als Fraktion in den Jahren zuvor im Roßtaler Marktgemeinderat nicht vertreten war. Bis zum 23.April 1933 gehörten neben dem parteilosen Bürgermeister Hans Eckstein und seinem Stellvertreter Andreas Zucker, der bei der »Bürgervereinigung« kandidierte, vier Markträte der SPD an und acht Räte der Bürgervereinigung Roßtal, also einer freien Wählergruppe. Hans Eckstein trat später wie viele andere der NSDAP bei.

Die Roßtaler Kommunalwahl im politischen Umfeld des Jahres 1933

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 kommt es am 5. März zu Reichstagswahlen, bei denen die Nationalsozialisten die Wahl gewannen. Die Menschen lassen sich von den Schlagworten Arbeit, Ruhe, Ordnung und Vaterland gefangen nehmen und viele auch begeistern. Im Reich benötigt die NSDAP zwar noch einen Koalitionspartner, in den 53 Stimmkreisen des neu geschaffenen Regierungsbezirks Mittel- und Oberfranken hingegen erreichen die Nazis die absolute Mehrheit. In Fürth bekennen sich aber immerhin noch fast 33 % zur SPD und 10 % zu den Kommunisten. Beispiellose Einschüchterungen finden von jetzt ab statt. In Nürnberg gibt der SPD-Oberbürgermeister Luppe auf und lässt sich beurlauben. „Jetzt beginnt in Bayern das Saubermachen“, ließ Karl Holz, Schriftleiter des Stürmers, verlauten. Willkürliche Verhaftungen finden statt. Überall wird jetzt gleichgeschaltet. In der Nacht zum 10. März stürmt die SA Gewerkschaftshäuser und Büros der SPD. Die Polizei sah tatenlos zu. In diesem klimatischen Umfeld muss die Wahl zum Marktgemeinderat im April 1933 in Roßtal gesehen werden.

Innerhalb von wenigen Monaten hat sich das politische Klima in Roßtal vollkommen verändert. Die Wählerwanderung zur NSDAP war in einem rasanten Tempo vollzogen. Wählten die Roßtaler zuvor konservativ-liberale oder nationale Parteien und ein Drittel der Wähler sozialdemokratisch, so kam die NSDAP schließlich auf 66 %. Roßtals Stimmen für die Nazis waren zu Beginn nicht erheblich. 1924 votierten 7 %, 1928 nur 6 % für die Nationalsozialisten. Der Durchbruch gelang den Nationalsozialisten in Roßtal erst zwischen 1930 und 1932. Mehr als zwei Drittel votierten nun für die NSDAP, von 923 gültigen Stimmen waren dies 614 Männer und Frauen. In dieser Zeit entstanden in Roßtal auch Vereinsgründungen unter dem Hakenkreuz, wie z. B. der »Nationalsozialistische Sängerchor Rosstal«.

Innerhalb von wenigen Wochen sitzen auch in Roßtal die Nazis oben auf. Haben die Roßtaler Nazis im Vorfeld keinen Fuß in den Gemeinderat gebracht, gehen sie nun mit besonderer Geschwindigkeit ans Werk, um den alten, traditionsreichen Rangaumarkt im Sinne der nationalen Bewegung umzubauen.

In diesem veränderten politischen Klima in Roßtal und angesichts der Schikanen gegenüber politisch Andersdenkenden kandidierte zu den Kommunalwahlen in Roßtal nur noch die NSDAP. Die Roßtaler SPD hatte sich bereits am 18. März 1933 aufgelöst.

Am 26. April findet in der Wohnung des Bürgermeisters Eckstein im Roßtaler Schloss, also nicht mehr im neuen Rathaus, die Schlusssitzung des in der Weimarer Zeit gewählten Marktgemeinderates statt. Im Protokoll ist zu lesen: „Durch das Ergebnis der Reichstagswahl vom 5. März 1933 hat sich die nationale Revolution in ganz Deutschland glatt vollzogen. Der neue Reichstag hat ein Gleichschaltungsgesetz vom 31.3.1933 erlassen, wonach die bisherigen Gemeinderäte aufzulösen sind. Daraufhin wurde dieser Anordnung entsprechend von der NSDAP ein Wahlvorschlag über 18 Bewerber eingereicht; von den übrigen Parteien wurde kein Wahlvorschlag eingereicht, so dass bei der Wahl am Sonntag, den 23. April 1933 vormittags  12 Uhr in der Bürgermeisterkanzlei bei dem bisherigen Bürgermeister Eckstein nach diesem eingereichten Wahlvorschlag die ersten 10 Bewerber zu Gemeinderäten gewählt wurden… Bürgermeister Eckstein erinnerte nochmals an die Leistungen und an all das Geschaffene…; hierbei wird besonders auf den Neubau des großen und modernen Schulhauses mit Badeinrichtung, Schulküche und 8 Klassen, sowie einem Schülerbad und Bäder für die Bevölkerung, außerdem auf die Errichtung einer Hochdruckwasserleitung mit den 51 Hydranten, ferner auf die Straßenerweiterungen Richtersgasse, Felsen, Marktplatz, Buttendorferweg, Clarsbacherweg und sonstige Verbesserungen und auf den Neubau eines Feuerwehrhauses hingewiesen…“

Der Bürgermeister dankte dann seinen Kollegen herzlich und erinnerte, dass es durch den Schulhausneubau gelungen ist, das bisherige Kantoratsschulhaus zum Rathaus umzugestalten: „Damit ist gegeben, dass die zukünftigen Bürgermeister nicht mehr von ihren Wohnungen abhängig sind, nicht gewählt werden zu können.“ Da die Bürgermeisterkanzlei immer in der Wohnung des Bürgermeisters untergebracht war, konnten eben nur solche Personen zum Bürgermeister gewählt werden, die über genügend große Wohnungsflächen für eine Gemeindekanzlei verfügten.

„Weiterhin gedenken wir unter zu gleicher Zeit großer Anerkennung der nationalen Regierung und bringen dem verdienstvollen Männern der neuen Regierung: Herrn Reichskanzler Adolf Hitler, Herrn Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, Herrn Reichsstatthalter, General Ritter von Epp unter Erhebung von den Sitzen ein frohes ‘Sieg Heil’ aus.“ Die Marktgemeinderäte wünschten im Protokoll der neuen Gemeinderegierung alles Gute.

Die neuen Gemeinderäte wurden dann gemäß dem zweiten Gesetz zur Gleichschaltung der Gemeinden mit Land und Reich vom 10.05.1933 am 28. September durch Handschlag von Bürgermeister Flachenecker verpflichtet. Bürgermeister Flachenecker wurde mit sämtlichen bayerischen Bürgermeistern am Königsplatz in München durch Innenminister Adolf Wagner am 09.11.1933 vereidigt.

Der neue Umgangston

Am 19. Oktober 1934 beschließt der Marktgemeinderat, der SA und der NSDAP sowie der NSV Räume im Erdgeschoss des Rathauses zu vermieten. Damit zieht auch die Partei ins neue Roßtaler Rathaus ein.

Die neuen Roßtaler Machthaber versuchten ihre Macht durch maßlose Kritik an den Vorgängern zu legitimieren: „Das Erbe des Systems: Schulden und Trümmerhaufen! Wie die Marxisten in der Marktgemeinde Rosstal ‘wirtschafteten’“!

Unter dieser Überschrift findet sich in der Fränkischen Tageszeitung vom Montag, 3. Juli 1933, ein Leserbrief der neuen Roßtaler Bürgermeister Flachenecker und Wagner.

„Zu Ihrem Artikel …‘ Schädlinge werden zur Verantwortung gezogen’, möchten wir uns als die derzeitigen Bürgermeister von Roßtal erklären, daß der von uns übernommene wirtschaftliche Trümmerhaufen im Verhältnis nicht weniger groß ist, als der in Frankfurt am Main. Roßtal, eine fränkische Ortschaft mit einer Einwohnerzahl von ca. 1800, die meistens aus kleinen Bauern, Arbeitern und einigen Gewerbetreibenden besteht, welche sich nur mit größter Mühe ihren Lebensunterhalt verschaffen können, hat (nach den bisherigen vorläufigen Feststellungen) von den Herrschaften des früheren Systems eine Schuldenlast von nahezu einer halben Million Reichsmark Hinterlassenschaft aufzuweisen. Wir überlassen es der öffentlichen Meinung, vor allem der ehrlich und anständig denkenden Roßtaler Einwohnerschaft, ein Urteil darüber zu fällen, ob es nötig gewesen wäre, trotz Schulhaus- und Wasserleitungsbau, die von jeher arme Gemeinde in solch wahnsinnige Schulden zu stürzen, welche, ebenso wie in Frankfurt a. M. mehrere Generationen belasten. Wir werden aber nicht ruhen noch rasten, bis der Schleier gelüftet und volle Klarheit über das geschaffen ist, was uns die früheren Herren beschert haben. Auch sie werden zur Verantwortung gezogen, sofern sie in ihre Amtstätigkeit irgendetwas unternommen haben, das die Einwohnerschaft der Marktgemeinde Roßtal irgendwie geschädigt haben könnte. gez. Flachenecker 1. Bürgermeister, gez. Wagner, 2. Bürgermeister.“

Wie schnell sich der Wind drehte, wie überheblich die neuen Machthaber auftraten und wie sich der Umgangston rüde veränderte, zeigt dann die jahrelange Auseinandersetzung zwischen den Roßtaler Nationalsozialisten mit dem ehemaligen parteilosen Bürgermeister Hans Eckstein, dem der Markt Roßtal aus Bauleistungen objektiv noch Geld schuldete und der deswegen bis 1937 um sein Recht kämpfen musste. Eckstein, dem übel mitgespielt wurde, verlangte wohl ein Leumundszeugnis und der neue Bürgermeister Flachenecker stellte ihm am 11.12.1933 für eine Gebühr von 2,40 RM auch eines aus: „Dem Herrn Johann Konrad, genannt Hans Eckstein, Maurermeister, geboren am 8. April 1885 zu Rosstal, wird hiermit bestätigt, dass gegen seinen Leumund hierorts Nachteiliges nicht bekannt ist, ausser der während der Amtszeit des früheren Gemeinderates Rosstal, dessen Vorsteher Eckstein war, betriebenen grossen Misswirtschaft, die bis heute noch nicht vollständig geklärt werden konnte.“ In der Zwischenzeit versuchte man allerdings den unliebsamen Vorgänger und Baufachmann bei allen möglichen Staatsanwaltschaften und in der Parteiführung als Betrüger madig zu machen.

Baumeister Hans Eckstein schrieb im 15. Oktober 1935 an den Bürgermeister: „Ich muss Sie daher eben so sehr wie dringend ersuchen, mir nunmehr mein noch restliches Guthaben einschl. der Zinsen innerhalb 8 Tagen zugehen zu lassen und möchte dieserhalb auch auf den vor einigen Tagen erlassenen Aufruf des Herrn Reichswirtschaftsministers verweisen, dass es doch vornehmste Pflicht eines jeden Einzelnen sein soll, zu allererst die fälligen Handwerksrechnungen zu bezahlen, da dies ja auch wiederum zur Arbeitsbeschaffung beiträgt…“

Daraufhin wendet sich der 1. Beigeordnete (als stellvertretender Bürgermeister), Georg Wagner, am 27. Dezember 1935 an die Kreisleitung der NSDAP, mit einem Schreiben, das beredt Auskunft gibt, wie im Dritten Reich schon bald nach der Machtergreifung Menschen verunglimpft und angeschwärzt wurden, selbst wenn sie, wie Eckstein, sogar der Partei beigetreten waren: „Eckstein ist also heute noch, wie früher, nur darauf bedacht, aus der von ihm zusammengewirtschafteten Gemeinde herauszuholen, was nur herauszuholen ist. Im Brief vom 15.10.1935 nimmt Eckstein außerdem die Errungenschaften unserer Bewegung (Anmerkung des Verf.: gemeint ist der Hinweis auf den Reichswirtschaftsminister!) und das segensreiche Wirken unserer nationalsozialistischen Führer für sich in Anspruch, ohne dabei zu bedenken, selbst nie den Nationalsozialismus gewollt zu haben, ja, in Anbetracht seiner Zugehörigkeit zur internationalen Freimaurerei in krassem Widerspruch zu ihm stand und heute noch steht, wenn er auch Parteimitglied ist. Im Brief vom 5.12.1935 droht er sogar der Gemeinde (nicht zu verwechseln mit der Gemeindeverwaltung, die dem jüdischen Schmus dieses Eckstein schon längst keine Bedeutung mehr beimisst) mit dem Gericht. Er droht also der gesamten Bevölkerung Roßtals, dessen Bürgermeister er einmal war, und die durch sein jüdisch=freimaurerisches Gebaren in unerhörte Schulden gestürzt wurde, sie vor den Richterstuhl zu zerren.

Wir können uns derartige Anrempelungen unserer Gesamtbevölkerung von seiten Ecksteins nicht mehr länger bieten lassen, wenn nicht die durch viele Mühe und zähen Fleiss aufgebaute Volksgemeinschaft wieder zerstört werden sollte. Wir erwarten auch, dass von der Ortsgruppenleitung inbezug auf Haltung gegenüber dem Freimaurer endlich ein anderer Kurs eingeschlagen wird.

Ist Eckstein auf Grund seines herausfordernden Benehmens und seiner sonstigen Taten, die der Kreisleitung hinlänglich bekannt sein dürften, nicht bald dachaureif? Heil Hitler! Der Bürgermeister des Marktes Roßtal b. Nbg. In Vertretung Wagner, 1. Beigeordneter.“

Wagner bedient sich des typischen Nazijargons nach Art des »Stürmers«: Juden, Marxisten, Freimaurer. Schnell waren die Feinde des Staates ausgemacht und man suchte sie auch in der eigenen Gemeinde. Und da es in Roßtal keine Juden gab, gegen die man hätte vorgehen können, dann wurden eben die Andersdenkenden einfach mit Juden gleichgesetzt und für „dachaureif“ erklärt.

Denn „dachaureif“ scheint ein gängiger Begriff in Kreisen der Nationalsozialisten auch in Roßtal gewesen zu sein, wenn nicht einmal zwei Jahre nach Hitlers Machtergreifung sogar in der Roßtaler Gemeindevertretung ehrbare Bürger damit belegt wurden.

Zudem versuchten nun die Roßtaler Nazis alles, um den ehemaligen Bürgermeister Eckstein und den Gemeinderäten der Weimarer Zeit etwas ans Zeug zu flicken.

Ortsgruppenleiter Hans Fuchs wendet sich am 21. Februar 1938 an alle Bürgermeister innerhalb der Ortsgruppe Roßtal mit dem Ersuchen, in ihren Gemeinderäten einen Beschluss herbeizuführen, „daß diejenigen Geschäftsleute die noch mit Juden Handelsbeziehungen aufrecht erhalten oder von Juden Waren beziehen von der Gemeinde aus keine Arbeiten noch Aufträge erhalten. Bei Erteilung eines gemeindlichen Auftrages hat jeder Geschäftsmann durch Unterschrift zu bestätigen, daß er mit Juden keinerlei Geschäftsverbindungen unterhält. Der Vollzug dieser Anordnung wolle an die Ortsgruppe der NSDAP Rosstal gemeldet werden. Heil Hitler“. Der Bürgermeister macht am 11. März 1938 an die NSDAP Vollzugsmeldung.

Gleichschaltung im gesellschaftlichen Leben

Vorbei war es auch schnell mit dem Eigenleben von Vereinen und selbst der Kirchen.

Auch wenn die Kirchen noch immer bei Festen und Feiern, wie Sängerfeste oder Sonnwendfeier mitwirkten, so ging auch bei ihnen nichts mehr ohne Genehmigung. Erster Pfarrer Sperl schreibt deshalb am 8. Juni 1935 an Bürgermeister Flachenecker: „Betreff: Missionsvortrag. Herr Missionspfarrer Gerhold-Erlangen, welcher in Deutschostafrika tätig gewesen ist und am Sonntag, 16. Juni Gottesdienst und Vortrag in der hiesigen Kirche halten will, beabsichtigt, am Samstag, 15. Juni abends 9 Uhr im Fischhaberschen Saal einen Vortrag über ‘die Weltlage Deutschlands’ unter dem Gesichtspunkt der Heidenmission zu halten. Damit diese Veranstaltung morgen im Gottesdienste angekündigt werden kann, bittet das Pfarramt, noch heute die polizeiliche Genehmigung erteilen zu wollen. Heil Hitler!“

Pfarrer Friedrich Bomhard, Roßtals zweiter Pfarrer von 1936 bis 1953, kam bald nach der Machtergreifung in Kollisionskurs zur NSDAP, weil er den totalitären Anspruch der Partei auf die christlichen Inhalte nicht widerspruchslos hinnahm. In seinen Tagebüchern ist unter dem 13. April 1937 zu lesen: „Vor dem Schulgottesdienst, etwa um halb neun Uhr, kam ein Polizeibeamter und lud mich zu einer Vernehmung auf die Station. Ich versprach, um 10 Uhr zu kommen. Es lag die Anzeige eines Blockwartes der NSDAP gegen mich vor über Aussagen, die ich in der Schule zu Buchschwabach und in der Bibelstunde zu Raitersaich gemacht hätte. Ein Teil war richtig, ein Teil dazu erfunden, das meiste war falsch verstanden: Ich hätte am 2. März im Konfirmandenunterricht und in der Bibelstunde die unsinnige Lehre der Deutschen Christen besprochen, die behauptet, seit 2000 Jahren sei Jesus der Heiland der Welt gewesen, seit 1933 aber sei es Adolf Hitler. Im Anschluss daran hätte ich gesagt, wer das glaube, bekomme das goldene Parteiabzeichen. Ich hätte dann einen Schüler gefragt, ob er dieses goldene Parteiabzeichen noch wolle. Dies letztere ist frei erfunden. Ich machte meine Aussagen und sie wurden sorgfältig notiert. Die Vernehmung dauerte eine Stunde. Dazwischen war es herzlich langweilig. Außerdem hatte ich einen Bärenhunger.“

In einem Vereinsverzeichnis aus dem Jahre 1926 geht hervor, dass sich in Roßtal damals 19 Vereine befanden: Sozialdemokratie Verein, Arbeitergesangverein Lyra, Ziegenzuchtverein, Bestattungsverein, Gesangverein Liederkranz, Sangesbrüder, Geflügelzuchtverein, Männergesangverein, Radfahrerclub, Raucherclub, Veteranen und Militärverein, Obstbauverein, Bienenzuchtverein, Grund- und Hausbesitzerverein, Radfahrerverein, Zimmerstutzenverein, Turnverein e.V., Freiwillige Feuerwehr sowie Heimat- und Königsbund.

Die Gleichschaltung aller Turn- und Sportvereine erfolgte bereits im Sommer 1933. Die Zimmerstutzengesellschaft Deutsche Eiche mit damals 32 Mitgliedern und 1. Vorstand Bayn, 2. Vorstand Rohn meldete Vollzug. Alle 10 Vorstandsmitglieder, darunter auch der ehemalige Bürgermeister Hans Eckstein, waren Parteimitglieder. Eckstein trat als vorletztes Vorstandsmitglied am 1.3.1933, der praktische Arzt Willi Dippold schließlich am 6.4.1933 in die Partei ein. Der Geflügelzuchtverein hatte 30 Mitglieder. Außer Ausschussmitglied Hans Pfahler gehörten alle der Partei an. Der Sportverein Roßtal hatte 98 Mitglieder. Hier waren bis auf zwei Ausschussmitglieder keine Parteigenossen in der Vorstandschaft. Der Turnverein Roßtal war 86 Mitglieder stark. Alle Vorstandsmitglieder gehörten der NSDAP an. Beim Radfahrerclub Roßtal schließlich waren 81 Mitglieder. Nur zwei Vorstandsmitglieder gehörten nicht der NSDAP an. Der Christliche Verein Junger Männer hatte 15 Mitglieder. Kein Vorstandsmitglied gehörte einer Parteigliederung an. Ebenso war es beim Jugendbund entschiedenes Christentum. Jeder Verein musste außerdem angeben, ob Juden bei ihm Mitglied sind. Das wird bei allen Vereinen verneint.

Die in der Gesellschaft Roßtals führenden Kräfte im Ehrenamt waren schließlich in den Jahren 1932 und 1933 fast alle in die Partei eingetreten. Viele taten dies nicht aus Überzeugung, wie z. B. Eckstein, sondern um auch weiterhin für die Vereine tätig werden zu können. Andere wurden offensichtlich trotzdem geduldet.

Am 4. April 1933 bestätigt noch der amtierende 1. Bürgermeister Hans Eckstein Hermann Prenzel, dass sich der Arbeiter-Radfahrer-Verein Solidarität bereits aufgelöst hat und bittet, den Verein aus der Vereinsliste zu streichen. Georg Wörrlein, der Vorsitzende der Roßtaler SPD, lässt sich ebenfalls durch Eckstein am 25. März bestätigen, dass sich die SPD Roßtal am Sonntag, den 18.3.1933 „voll und ganz aufgelöst hat“. Auch der Arbeitergesangverein Lyra hatte sich bereits vor dem 18. März aufgelöst, denn der Vorstand des Männergesangvereins Fritz Weiß will „in Erfahrung gebracht haben, dass sich der aufgelöste Arbeitergesangverein Lyra Rosstal neu zusammensetzt und sich den Namen Männergesangverein Rosstal geben will. Der Männergesangverein Rosstal 1869 erhebt schärfsten Einspruch und bittet, den wohll. Gemeinderat den betreffenden Verein aufmerksam machen zu wollen und hinzuwirken, dass er sich eines anderen Namens bedient.“

Denunziantentum wird unterstützt

„Wer nicht mitmacht, wird als Gegner unserer Bewegung gebrandmarkt,“ schreibt der Ortsgruppenamtsleiter der N.S.HAGO (Handel und Gewerbetreibende Organisation), Bauer, und lädt „herzlich aus Anlass der Frühjahrsoffensive (Arbeitsschlacht)…zum großen Fackelzug und Kundgebung am 23. März 1934 die ganze Einwohnerschaft ‘freundlichst’ ein…“ Den Arbeitgebern wird es zur Pflicht gemacht, ihre Arbeitern, Gesellen und Lehrlingen zu veranlassen, den Fackelzug mitzumachen.

Und nun war auch Denunziation selbstverständlich geworden. Von einem Beispiel zeugt eine Niederschrift durch Beigeordneten Wagner. Ein Gemeinderatsmitglied gibt zu Protokoll: „Am Mittwoch, den 31. Juli 1935 ungefähr um 20 Uhr saß ich mit dem Gastwirt Eckert Hs. Nr. 99, dem Maurer Philipp Bauer, Hs. Nr. 212 und dem Zimmermann Martin Wackersreuther Hs. Nr. 101 bei einem Glas Bier in der Eckert'schen Gastwirtschaft. Dabei hatten wir uns über die Wasserleitung und die Schuldenverhältnisse Rosstals unterhalten. … Die Jetzigen (er meinte damit vermutlich den derzeitigen Bürgermeister und Beigeordneten) machen auch nichts; der einzige, der etwas fertig bringen könnte, wäre Eckstein. Es sind überhaupt im derzeitigen Gemeinderat sechs V e r b r e c h e r und die gehören heraus.

Gastwirt Eckert erklärte auf diese Äußerung Wackersreuthers, wenn die draußen sind, ist es ebenso, die Schulden sind einmal da. Meine Angaben kann ich jederzeit vor Gericht unter Eid nehmen.“

Pfarrer Bomhard machte sich über diesen Staat diese Gedanken: „Der Staat wacht über die Rechtsprechung, die Partei wacht über den Staat. Also ist das Recht eine parteiische Sache, es wird parteiisch gerichtet. Das ist das Furchtbarste, was unsere Zeit bietet, das ist Bolschewismus. Dafür komme ich nach Dachau, dass ich so etwas schreibe. Und Deutschland kommt ins Gericht, weil es sich so etwas gefallen lässt. Treu und Glauben sind beim Teufel. Jeder misstraut dem anderen, weil er nicht weiß, ob der ihn verraten wird.“

Der neue Geist in Roßtal: Hitler wird Ehrenbürger

Während Hans Eckstein und seine Markträte immer wieder angegriffen wurden, weil sie die Gemeinde „finanziell heruntergewirtschaftet“ hätten, gingen die neuen Machthaber sehr schnell und mit Feuereifer dazu über, den neuen Geist in Roßtal wehen zu lassen. Bereits am 31.7.1933 erwirkte man von der Regierung von Oberfranken und Mittelfranken die Genehmigung zu einer Haussammlung, die hauptsächlich zur Herstellung des Adolf-Hitler-Platzes bestimmt war. Als Spende machte Bürgermeister Flachenecker auch gleich in der Sammelliste den Vorschlag, als „Mindestgabe eine Reichsmark“ zeichnen zu wollen und ging mit seinem Kollegen Kreiselmeyer mit gleich 20 Reichsmark als Vorbild voran. Trotzdem gaben viele nur 50 Reichspfennige, was 446,50 RM erbrachte. Dies veranlasste Bürgermeister Flachenecker dem Radfahrerclub mit treudeutschem Gruße um eine großzügige Spende zu bitten: „In Anbetracht der großen Verdienste um die Erneuerung und nationale Wiedergeburt unseres deutschen Vaterlandes hat der Marktgemeinderat durch Beschluss vom 26. Mai ds. Js. unserem Herrn Reichskanzler und Führer der Freiheitsbewegung Adolf Hitler das Ehrenbürgerrecht verliehen. Aus diesem Anlass wurde auch der Platz gegenüber dem Blümlein'schen Anwesen als »Adolf-Hitler-Platz« benannt. … Der Platz trägt nunmehr wesentlich zur Verschönerung unseres Ortsbildes bei und entspricht tatsächlich der unserem neuen Ehrenbürger zugedachten Ehrung. Die Marktgemeinde bringt wohl einen Teil der bereits entstandenen und noch entstehenden Kosten selbst auf. Zur Tragung der Gesamtkosten ist sie jedoch bei ihrer starken sonstigen finanziellen Inanspruchnahme nicht in der Lage. Deshalb ist sie auf Spenden hiesiger opferwilliger Kreise angewiesen. Aus diesem Grunde erlaubt sich der Unterfertigte an den verehrl. Radfahrerclub Roßtal die Bitte zu stellen, der Marktgemeinde für die würdige Ausgestaltung des Adolf-Hitler-Platzes zu Ehren unseres großen Führers eine der Bedeutung der Sache entsprechende Spende baldmöglichst bewilligen wollen.“ Der Radfahrerclub Roßtal spendete aus seinen Mitteln dann noch 200 RM hinzu.

Man beeilte sich also in Roßtal noch im Frühjahr des Jahres 1933, dem Führer das Ehrenbürgerrecht anzutragen und ihm einen Platz zu widmen, den die heutigen Roßtaler als »Hofrat-Heinlein-Platz« kennen.

Der Führer war im Jahre 1933 immerhin noch dankbar für solche Ehrungen und nahm mit offiziellem Schreiben als Reichskanzler diese Ehrenbürgerwürde an. Kraft Gesetzes ist Hitler jedoch weder in Roßtal noch anderswo heute noch Ehrenbürger. Denn mit dem Tod erlischt die Ehrenbürgerwürde. Eine Liste der Ehrenbürger Roßtals existiert nicht. Die Ehrenbürgerwürde hat er verwirkt.

Der 1. Mai, von den Nationalsozialisten als nationaler Feiertag des deutschen Volkes eingeführt, wird auch in Roßtal festlich begangen. Ortsgruppenleiter Fuchs ersucht die Herrn Bürgermeister der Ortsgruppe der NSDAP das Programm in der Gemeinde bekannt zu geben und außerdem früh um 9 Uhr bei der Errichtung des Maibaumes anwesend zu sein. Bereits um 6 Uhr morgens war Wecken mit Musik und um 9 Uhr schließlich versammelten sich sämtliche Mitglieder der DAF (Deutsche Arbeitsfront) auf dem Marktplatz zur Errichtung des Maibaums. Um 12 Uhr schließlich versammelten sich sämtliche Angehörige der DAF bei Parteigenossen Haas, um auf dem Marktplatz die Führerrede durch Gemeinschaftsempfang anzuhören.

Beflaggt wurde ab Oktober nur noch mit der Hakenkreuzfahne, die nun alleinige Nationalflagge wurde. Das Hissen der schwarz-weiss-roten Fahne war zwar allgemein nicht verboten, lediglich für Juden, diese Flaggen sollten aber nicht mehr gezeigt werden. Aber „ein Durchgreifen liegt nicht im Sinne des Erlasses des Reichsministers des Innern und sollte vermieden werden“.

Qualifikation ist Nebensache

Im »Völkischen Beobachter« wurde im Juli 1935 die Stelle des Polizeiwachtmeisters ausgeschrieben. Man verlangte vom Bewerber neben Stenografiefertigkeiten und Gewandtheit im schriftlichen Ausdruck auch eine gute Aussprache, weil „die Bekanntmachungen mittels Glocke erfolgen“. Selbstverständlich soll bei gleicher Eignung „alten Kämpfern der NSDAP der Vorzug“ gegeben werden. Aus dem ganzen Reich kommen die Bewerbungen und deutlich wird immer wieder darauf hingewiesen, dass man doch „ein ehrlicher Nationalsozialist“ ist, „der alles opfert und kämpft, um seine Familie ernähren zu können“. So schreibt ein anderer: „Ich bin nun seit fünf Jahren bitterster Not dem Arbeitsamt zur Last gefallen…“. Viele sind auch arbeitslos und suchen dringend eine feste Stelle, um eben ihre Familien versorgen zu können. Eingestellt wird dann ein langjähriges NSDAP- und SA-Mitglied, Fritz Gmöhling, das „durch seine lange Zugehörigkeit zur NSDAP in der Kampfzeit wirtschaftlich schwer gelitten hat“, da spielte es dann doch keine Rolle, dass er als Schlosser völlig berufsfremd und „im Maschinenschreiben … noch Anfänger“ ist. Tatsächlich gab es besser geeignete Bewerber aus dem ganzen Reich. Die Vereidigung als Polizeiwachtmeisters erfolgte dann nach Reichsgesetz vom 20. August 1934 mit der Formel: „Ich schwöre: Ich werde dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, treu und gehorsam sein, die Gesetze beachten und meine Amtspflichten gewissenhaft erfüllen, so wahr mir Gott helfe.“ Dabei verschwieg der stramme Nationalsozialist sein beeindruckendes Vorstrafenregister, welches vom Diebstahl, über schweren Diebstahl bis hin zur gemeinsam verübten Nötigung ging und 14 Vorstrafen umfasste. Etliche Monate Gefängnis waren da zusammengekommen.

Wieder fällt auf, dass es der Bürgermeisterstellvertreter Wagner war, der sich einschaltete, damit ja ein Mitglied der Bewegung den Posten in Roßtal bekommt.

Am 4. Oktober 1935 entließ Bürgermeister Flachenecker den neuen Polizisten. Zuvor hatte man sich bereits wegen Unregelmäßigkeiten und Unterschlagungen im Zahlungs- und Inkassoverkehr vom Vorgänger getrennt, nicht ohne die Parteileitung darauf hinzuweisen, „dass dieser von dem früheren System nicht mit der nötigen Schärfe angefasst wurde und er daher in dem Glauben sich weiterhin am Volksgut vergehen zu dürfen, bestärkt wurde… Es kann u. E. eine große Schuld dem seinerzeitigen Gemeinderat nicht abgesprochen werden.“ Selbstverständlich beantragte Bürgermeister Flachenecker am 28. Juni 1935 den bisherigen Dorfpolizisten, „bis zur Aufnahme des Verfahrens gegen ihn durch die Staatsanwaltschaft im Konzentrationslager Dachau“ unterzubringen.

„Ab nach Dachau!“ auch hier als Forderung des neuen Regimes in Roßtal. Diese Forderung bei einer Unterschlagung, die immerhin mit 8 Monaten Gefängnis schließlich gesühnt wurde.

So ist es eigentlich ein Treppenwitz, dass man beim Nachfolger sich gleich einen Kriminellen eingefangen hatte.

Die Partei bestimmt Bürgermeister und Gemeinderäte

Am 4. März 1937 endete die Amtszeit für Bürgermeister und Beigeordnete. Dabei konnten die Gemeinderäte Vorschläge an die Kreisleitung machen. Die Neuzuberufenen mussten neben den allgemeinen Voraussetzungen wie Alter, Wohnsitz in der Gemeinde und bürgerliche Ehrenrechte, gemeinsam mit der Ehefrau „arischer Abstammung sein“ und „jederzeit rückhaltlos für den nationalsozialistischen Staat eintreten“.

Am 26. Juni 1936 beging der 1. Beigeordnete Georg Wagner Selbstmord. Die NSDAP-Kreisleitung schrieb deshalb an den Herrn Bürgermeister, eine geeignete Person als Nachfolger zu benennen. Auf Anordnung des Kreisleiters schlug Bürgermeister Flachenecker den Ortsgruppenleiter, Oberlehrer Hans Fuchs, zum 1. Beigeordneten vor, Hans Blümlein blieb 2. Beigeordneter

Im Rundschreiben Nr. 18/35 der NSDAP Gau Franken wird am 21. August 1935 verfügt, dass „zur Sicherung des Einklangs der Gemeindeverwaltung mit der Partei die Deutsche Gemeindeordnung die Einrichtung des Beauftragten der NSDAP geschaffen“ wird. Von jetzt ab gab es für jede Gemeinde einen NSDAP-Beauftragten, der in der Gemeindeverwaltung mitwirkte. Damit war das Selbstverwaltungsrecht der Kommunen endgültig beseitigt. Zuständig für Roßtal war nun der Kreisleiter des Kreises Fürth der NSDAP. Die totale Gleichschaltung des Amtes für Kommunalpolitik beim Kreis und der Partei mit den kreisangehörigen Kommunen war nun erreicht, da „nur ein Parteiwille in der Gemeinde Geltung haben kann“.

Der Beauftragte wirkte insbesondere bei der Bestellung von Bürgermeister und Gemeinderäten mit. „In erster Linie muss der Beauftragte darauf bedacht sein, einen Nationalsozialisten als Bürgermeister vorzuschlagen“. Der Stellvertreter des Führers, Rudolf Heß, der diese Verordnung erließ, machte allerdings auch darauf aufmerksam, dass „das verantwortungsvolle Amt des Bürgermeisters einen Mann fordert, der dem Amt nicht nur weltanschaulich, sondern auch fachlich gewachsen ist.“

Die Zahl der Gemeinderäte wurde für Roßtal auf höchstens 8 Gemeinderäte festgelegt. Diese wurden nicht mehr gewählt, sondern vom Beauftragten im Benehmen mit dem Bürgermeister berufen. Den Ausschlag gab immer der Beauftragte und nicht der Bürgermeister.

Gemeinderat konnten nur Männer sein und als national zuverlässig gelten. Dies „schließt den Abschluss von Geschäften mit artfremden Personen (Juden) aus“.

Am 25. Juli 1935 schlägt Bürgermeister Flachenecker im Benehmen mit dem Ortsgruppenleiter der NSDAP-Kreisleitung folgende Zusammensetzung des Rates vor (in Klammer Zugehörigkeit zur NSDAP): 1. Beigeordneter Georg Wagner, Reichsbahnsekretär (seit 1931 in der Partei), 2. Beigeordneter Hans Blümlein, Schreinermeister, (Parteimitglied seit März 1933) und als Gemeinderäte Hans Fuchs, Hauptlehrer und Ortsgruppenleiter (nach Angaben seines Enkels seit 1923), Hans Riegel, Bäckermeister und Ortsbauernführer (1.7.1931), Konrad Bauer, Kaufmann (30.4.1933), Johann List, Landwirt (kein Parteimitglied), Fritz Schmidt, Zimmermann (25.4.1933), Fritz Bauer, Wickler (17.4.1933), Hans Schuhmann, Bauer und Erbhofrichter (18.4.1933) und Michael Deindörfer, Postschaffner (1.8.1933). Es fällt auf, dass die späteren Roßtaler Bürgermeister Wiesinger und Fischhaber, die 1933 noch auf der NSDAP-Liste kandidiert hatten, nicht mehr benannt wurden. Wenn man genau hinsieht, dann konnte Flachenecker nur auf drei alte „Parteigenossen“ zurückgreifen, die vor Hitlers Machtergreifung Mitglied der NSDAP wurden, während die anderen erst zur NSDAP gingen, als sich der Wind endgültig zugunsten der Nazis gedreht hatte.

Ein begeisterter Nazi war Hans Fuchs, der in Roßtal Ortsgruppenführer wurde. Er war im Jahre 1892 in Nürnberg geboren, ging auf das Realgymnasium und dann 1909 in das Lehrerseminar. Nach dem 1. Weltkrieg wurde er Volksschullehrer in Roßtal. Roßtal war ein verhältnismäßig belebter Marktflecken. Seine Jugend suchte ihren Lebensunterhalt überall in Franken, Bayern oder im Rest von Deutschland. Roßtal war protestantisch. Im Jahre 1925 gab es nur 25 Katholiken unter 1447 Einwohnern, darunter kein einziger Jude. Hans Fuchs wurde ein führendes Mitglied im Turn- und Sportverein. Die örtlichen Sozialdemokraten waren nicht als eine Gefahr zur bestehenden Ordnung angesehen, weil sie politisch kaum Bedeutung hatten.

Noch 1924 votierten 40 % der Roßtaler für die konservative Deutsch-Nationale Volkspartei. Im Jahre 1928 waren es 32 %. Während der Weimarer Zeit trieben die Roßtaler liberalen Parteien nicht mehr als 35 % auf, sogar wenn man die mehr rechtsgerichtete Deutsche Volkspartei einschließt. Das Wählerprofil war noch stark ländlich orientiert. Die Begeisterung vieler war echt, denn Hitlers Aktivismus verblüffte alle. Schon Ende April sinkt die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland um 700.000, am Ende des Jahres 1933 dann von sechs Millionen auf 2,7 Millionen. Am 1. Mai 1933 verordnete Hitler eine Aufnahmesperre in die Partei, weil seit dem 30. Januar 1933 fast 1,6 Millionen neue Mitglieder sich in die Partei drängten. Darunter eben auch die genannten Gemeinderäte.

Dass diese Aufnahmesperre nicht strikt galt, zeugt der Eintritt des Gemeinderates Deindörfer im August 1933.

Gemeindeverwaltung im Dritten Reich

Sauberkeit und Ordnung

Hinweisschilder der verschiedensten Art, wir würden heute von Werbeschildern sprechen, mussten nun entfernt werden. „Es muss eine gründliche Säuberung durchgeführt werden“, da „diese Tafeln das Ortsbild ganz empfindlich stören“. Und so entfernten dann die Roßtaler Ladenbesitzer ihre Anpreisschilder „wie Maggi- oder Knorr-Suppenwürfel, Persil, irgendeiner Tabak oder Zigarettensorte usw.“ Bürgermeister Flachenecker konnte am 2. März 1937 Vollzug an das Bezirksamt melden, dass „die betreffenden Schilder und Anschlagtafeln entfernt sind. Sämtliche Ladeninhaber wurden darauf aufmerksam gemacht, dass in Zukunft keinerlei Anschläge mehr erfolgen dürfen.“

Die Hühnerbesitzer am »Adolf-Hitler-Platz« sorgten im Frühjahr 1939 für großen Ärger, scherten sich deren Hühner doch überhaupt nichts um die Würde dieses Platzes und „benützen ihn für ihren Tummelplatz“, indem „sie den ganzen Tag über in diesem herumscharren, so daß erheblicher Schaden angerichtet wird.“ Flachenecker verfügte, dass den Hühnern an den Flügeln Klammern anzubringen sind, oder man ihnen die Flügel stutzen solle, damit „das Fliegen unterbunden wird.“ Bei Nichtbeachtung drohte er Strafanzeige an und veanlasste den Amtsoffizianten, dies den Hühnerbesitzern gegen Unterschrift zu eröffnen.

Trotz öffentlicher Bekanntmachungen halten sich die Roßtaler auch nicht an die Regel, ihr Abwasser auf die Straße hinaus zu gießen. So kommt es gerade im Winter zu Klagen wegen der Eiskrustenbildung vor den Anwesen.

Feuerlöschwesen

Am 29. Mai 1945 berichtet der von den Amerikanern eingesetzte Bürgermeister Wiesinger dem Landrat den Bestand der Feuerlöscheinrichtungen des Marktes aus den Kriegsjahren. So besaß der Markt noch ein leichtes Löschgruppenfahrzeug (L.F.8), eine tragbare Motorspritze (T.S.8) und eine tragbare Motorspritze (T.S.3). die Alarmierung erfolgt durch Signalhorn und Kirchenglocken, und der Benzinbedarf bei einem Einsatz beträgt 50 Liter.

Dass auch für das Feuerlöschwesen in demokratischer Zeit gut vorgesorgt wurde, beweist folgender Vorgang:

Im März 1936 kommt es innerhalb von 10 Tagen gleich zweimal zu Bränden, bei denen viele Schläuche kaputt gingen. Der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Blümlein wendet sich deswegen an den Bürgermeister, damit eine Ersatzbeschaffung erfolgen kann. Flachenecker leitet den Antrag an das Bezirksamt weiter und weist auf die schwierige finanzielle Lage der Marktgemeinde Roßtal hin. Im Schreiben der Versicherungskammer aber wird deutlich, dass der Markt Roßtal im Gegensatz zu anderen Kommunen gut mit Zuschüssen bedient wurde, so flossen insgesamt in zehn Jahren von 1926 bis 1936 fast 400 RM nach Roßtal. „Bei den angeführten Aufwendungen der Gemeinde für Löschzwecke könnte, falls öffentliche Zuschüsse und Leistungen der Gemeinde rund 4600 RM sachgemäß verwendet worden wären, der Schlauch- und Gerätebestand nur erstklassig sein, insbesondere dann, wenn das Schlauchmaterial ordnungsgemäß behandelt worden ist. Es ist doch auch ein Schlauchtrockenturm vorhanden, der eine sachgemäße Behandlung gestattet. Der Vorteil steht nicht jeder Feuerwehr zur Verfügung“. Jedenfalls lehnte die Versicherungskammer eine Bezuschussung strikt ab.

Die Pflichtwehrmitglieder, alle Männer im Alter von 18 bis 35 Jahren, jedoch wurden streng in die Pflicht genommen. Schwänzen bei den Übungen war nicht geduldet und es wurde eine schriftliche Entschuldigung für das Fernbleiben „vom Feuerwehrappell“ verlangt.

Der Gemeinderat beschloss ferner, bei allen, die sich nicht „24 Stunden vor der Übung entschuldigt haben“, eine Ordnungsstrafe von pro Übung 0.50 RM zu erheben."

Schule und Erziehung

Im Mai 1936 wendet sich der Familienwart Georg Kittler des Reichsbundes der Kinderreichen, Ortsgruppe Roßtal, an die Schulleitung mit einem Antrag auf Lehrmittelbefreiung für schulpflichtige Kinder, soweit sie der Ortsgruppe angehören. Schulleiter Rohn befürwortet den Antrag und gibt ihn an den Marktgemeinderat weiter. Bürgermeister Flachenecker teilt aber mit, „dass es uns infolge der ungünstigen Finanzlage der Gemeinde, bzw. Schule, welche auch bei dortiger Stelle bekannt sein dürfte, nicht möglich ist, dem Antrag zu entsprechen.“

Geld hatte man für die Kinderreichen nicht. Und „der sehr geehrte Parteigenosse“ Flachenecker hielt sich dann auch bei der Bestellung des »Giftpilzes« zurück, ein Kinderbilderbuch aus dem Stürmer-Verlag, das ihm wärmstens für die Klassen- und Schülerbibliotheken und öffentliche Büchereien vom Stabsleiter der Gauleitung franken empfohlen wurde. In primitiver Art und Weise, wie man das vom Stürmer gewohnt ist, wird hier gegen die Juden polemisiert. Nach jeder Geschichte kommt dann ein Spruch wie: „Der jüdische Hausierer ist ein Betrüger und Verführer. Er lügt nach Strich und Faden. Und du- du hast den Schaden. Dies hat so mancher schon erfahren. Willst du vor Schaden dich bewahren, dann laß den Juden nicht herein. Und kauf beim deutschen Kaufmann ein.“

Flachenecker bestellt er nur ein einziges Exemplar dieses von vielen Seiten empfohlenen Büchleins mit „einzigartigem“ Inhalt, das sich nach Auffassung des Schwabacher Bezirksschulrats Schiller „vortrefflich für die Jugend eignet.“ Weil „die Geschichten aus dem Leben gegriffen sind und jede einen wesentlichen Charakterzug des Juden in überaus anschaulicher Weise zur Darstellung bringt.“ Und der Nürnberger Bezirksschulrat Karl Markert sieht im »Giftpilz« „eine neue Waffe im Kampf gegen das Judentum. Und eine geschliffene!“

Bei ca. 1800 Einwohner hatte Roßtals Einwohnerkartei folgende Geburtsjahrgänge der Schulleitung gemeldet: 1934: 39 Kinder, 1935: 57 Kinder, 1936. 50 Kinder, 1937: 44 Kinder und 1938: 52 Kinder.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat Roßtal mehr als fünfmal so viele Einwohner und nur knapp doppelt so viele Kinder in einem Schülerjahrgang.

Lehrer als Staatsbeamte wurden nicht mit einer einfachen Urkunde befördert: so ernannte der Regierungspräsident am 1. Dezember 1936 den Hauptlehrer Hans Fuchs zum Oberlehrer mit dem Zusatz: „Zugleich darf er des besonderen Schutzes des Führers und Reichskanzlers sicher sein“.

Straßen und Kanäle

Keine zwei Monate nach der Gleichschaltung des Marktes Roßtal und der Übernahme der Geschäfte durch den Nazi-Bürgermeister Flachenecker wird der neue Marktgemeinderat emsig tätig, neue Straßen- und Platzbezeichnungen einzuführen. Neben dem »Adolf-Hitler-Platz« wurde der bisherige Marktplatz zum »Schlageterplatz« umbenannt und die Straße vom Pelzlein bis zum »Adolf-Hitler-Platz« hieß mit Wirkung vom 1. Juni 1933 »Horst-Wessel-Straße«. Mit Roßtal oder der Region hatte keiner der Namen etwas zu tun. Horst Wessel, der für das nach ihm benannte Lied, die eigentliche Nationalhymne der Nazis, bekannt war, war als Student Straßenkämpfer in der Weimarer Zeit und wurde dabei 1930 getötet. In der 2. Strophe der Nazihymne heißt es: „Die Straßen frei den braunen Bataillonen! Die Straßen frei dem Sturmabteilungsmann! Es schaun aufs Hakenkreuz voll Hoffnung Millionen, der Tag der Freiheit und für Brot bricht an“. Albert Leo Schlageter (1894–1923) war Kriegsteilnehmer im 1. Weltkrieg, wurde Leutnant und trat kurz nach seiner Immatrikulation an der volkswirtschaftlichen Fakultät der Uni Freiburg in das Freikorps Medem ein, war 1920 als Freischärler an der Zerschlagung des linken Märzaufstandes beteiligt, nimmt an Kämpfen gegen polnische Freischärler teil und wird 1922 Mitglied der NSDAP. Schlageter organisierte einen Stoßtrupp für Sabotageakte während der Ruhrbesetzung. Er wird 1923 zum Tode durch ein französisches Militärgericht verurteilt und fortan als Märtyrer der nationalsozialistischen Bewegung geehrt. Lange hielten diese Straßenbenennungen nicht. Denn am 7. Juli 1945 gibt der von den Amerikanern eingesetzte Bürgermeister Michael Wiesinger die Vollzugsmeldung: „Der als Schlageterplatz benannte Marktplatz wurde wieder in Marktplatz umbenannt, ebenso erhielt die Horst-Wessel-Straße wieder ihre frühere Bezeichnung Pelzlein (heute Teil der Felsenstraße). Die vorgenannten Tafeln wurden entfernt.“

Die Führung des Straßenbestandsverzeichnisses war nicht nur in Roßtal schon immer ein Problem bis heute, sondern offensichtlich im ganzen Deutschen Reich, wie ein Schreiben des Präsidenten des Statistischen Reichsamtes vom März 1937 beweist. Jedenfalls ermittelte der Bürgermeister die Länge und den Ausbauzustand der Gemeindestraßen Roßtals und stellte eine Gesamtlänge von 28,7 Kilometern fest, wobei 3,3 Kilometer innerhalb des bebauten Ortes liegen und 25,4 Kilometer außerhalb. Kies- oder Ascheschüttungen auf leichtem Unterbau hatten innerorts 1,2 km und außerhalb 19,5 km, einfache Schotterdecken innerorts 1,3 km und außerhalb 5,9 km. Großpflasterdecken hatten innerorts 661 m und Kleinpflasterdecken auch im Ortskern 151 m. Für den Straßenunterhalt mussten durch Arbeiter der Gemeindeverwaltung 370 Tagwerke aufgebracht werden, das sind je acht Arbeitsstunden, Unternehmer leisteten 27 Tagwerke.

Bei der Straßenherstellungs- und Erhaltungssatzung bediente man sich des Vorbilds der Stadtgemeinde Heilsbronn und verlangte damals vom Bürger 20.- RM für den laufenden Meter Straße. Grundsätzlich musste damals der Grund für eine Straße kostenlos abgetreten werden.

Im Jahre 1939 beklagte sich das Briefpostamt über den schlechten Zustand der Straße Roßtal-Clarsbach, weil ihre Kraftfahrzeuge insbesondere bei schlechtem Wetter nur noch schwer vorwärts kommen. Die Fahrzeuge bleiben im Schlamm stecken und es sind Schlaglöcher von bis zu 50 cm in der Straße. Der Bürgermeister teilt mit, dass er bereits Schotter bestellt habe, die Lieferfirma aber keine bestimmte Lieferzeit versprechen könne. Deshalb schlägt er eine kleine Umgehung der Strecke bis zur Ausbesserung vor.

Im Juli 1937 wurde der Kittlersberg (Zinkenbuck) gepflastert. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 9483 RM. Mitte der Dreißiger gingen an den „verehrlichten Marktgemeinderat“ öfter Anträge auf Errichtung einer Straßenbeleuchtung. Und so schreibt de Bürgermeister nach Beschluss des Marktrates an das Fränkische Überlandwerk „bei niedrigster Berechnung“ am sogenannten Hunnenberg, und im Winkel neue Straßenlampen aufzustellen.

Bereits im November 1935 beantragten die Bewohner der Bahnhofssiedlung eine Straßenbeleuchtung. Die Sprache der Petition ist für heutige Ohren interessant: „Ausgehend der in letzter Zeit sich vollzogenen Entwicklung der Siedlung, sowie der Notwendigkeit einer solchen Angelegenheit bedarf es wohl kaum besonderer Begründung. Bei dem fortschreitenden Geiste unserer Zeit und den geringen Kosten einer solchen Einrichtung wird die Gemeinde nicht leicht eine verneinende Beantwortung geben können.“

„Was nützt praktisch genommen bei finstereren Nächten die für sich anerkennenswerte Neuerung der Ortsfeuerwehr? Und fordert die ebenso anerkennenswerte Bereitschaft der dortigen Bewohner in Bezug Freistellung teuer erworbenen Grund und Bodens zu Straßen wenn nicht auch, dass die Gemeinde zu dem Geschenke die Pflicht der Beleuchtung übernimmt?…“

Beim Neubau der Bahnhofstraße wird im Mai 1933 zum ersten Male eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für jugendliche Arbeitslose in Betracht gezogen. Träger des Dienstes ist der »Deutsche freiwillige Arbeitsdienst in Franken e.V.«.

Die SA der NSDAP beantragt am 15. Januar 1936 an den Ortseingängen Hinweistafeln auf die im Ort befindliche SA-Dienststelle anzubringen. Die Tafeln sollen sich in das Landschaftsbild einpassen. Die Kosten pro Tafel, nämlich 19,90 RM, sollen von der Gemeindekasse übernommen werden, weil die „Tafeln verschönend wirken und andererseits bei Unfällen die sofortige Alarmierung der SA ermöglichen“.

Im September 1935 wurde die „Bezirksstraße in Roßtal“ (Staatsstraße) geteert. Durch die Glocke lässt der Bürgermeister bekannt geben, dass „das Schleifen von Pflügen auf der Straße verboten, desgleichen jede Verunreinigung, ferner das Lagern von Baumaterial, Steinen, Erde, Schuttabfällen, Dünger, Schnee und Eis auf dem Straßenkörper und seinen seitlichen Begrenzungen.“

Am 15. März 1944 bittet der Bürgermeister um Zuschüsse aus Landkreismitteln zur Verbesserung der Gemeindewege. „Roßtal mit über 2100 Einwohnern hat zirka 35 km Straßen und Wege zu unterhalten. Wie bekannt, sind die Straßen und Wege in einem undenkbar schlechten Zustand … Die in den Haushaltsplan vorgesehenen Mittel konnten infolge des Krieges und der nicht hereinzubringenden Schottermaterialien leider nicht verwendet werden…“

Diese Gesuche, die in jedem Kriegsjahr in ähnlichem Wortlaut geschrieben wurden, sind auch insofern interessant, da sie eine Steigerung der Einwohnerzahl um jährlich 100 Einwohner anzeigen.

Bei der Volkszählung im Jahre 1939 betrug die Wohnbevölkerung Roßtals 2032.

Damit man das Wachstum von Roßtal verfolgen kann: Im Jahre 1885 zählte Roßtal 996 Einwohner, beim Jahrhundertwechsel 1062, im Jahre 1910 1301, 1925 waren es 1447 Einwohner und im Jahre 1933 schließlich 1808.

Am 18. September 139 beschloss der Marktgemeinderat in Bezug auf den Kanal in der Felsenstraße, die Anwohner zu ermahnen, ihre Dunggruben so anzulegen, dass das Auslaufen der Jauche auf jeden Fall unterbunden wird. Selbst in trockener Zeit wurde festgestellt, dass sich andauernd Jauche in die Rohrleitungen ergießt.

Wenn es um Kanalbeiträge und Gebühren geht, haben sich in Roßtal immer wieder Bürger und zu jeder Zeit quer gelegt. So weigerte sich ein Bürger Heinrich W. seine Anschlussgebühr (heute Beitrag) und seine Benutzungsgebühr an die Gemeinde zu entrichten, „weil er trotz seines Willen an die Kanalisation angeschlossen wurde“.

Wirtschaftliche Verhältnisse im Dritten Reich

Dienstboten- und Lohnverhältnisse in der Landwirtschaft

Im Dezember 1937 wird offensichtlich im Bezirksamt Fürth ein deutlicher Dienstbotenmangel erkannt. Der Markt Roßtal wurde deshalb aufgefordert, Erfahrungen in Zusammenarbeit mit dem Ortbauernführer zu berichten. Arbeitsdienst und Wehrpflicht werden als Grund angegeben, warum sich auch in Roßtal ein Dienstbotenmangel ergibt. Außerdem wird eine besonders starke Anziehungskraft von Bauarbeitern und Helfern infolge guter Auftragslage des Vierjahresplans größerer Baufirmen in Nürnberg festgestellt. Als Abhilfe bittet man, Arbeitskräfte, die bisher in der Landwirtschaft tätig waren, von einer Abwanderung in die Stadt zurückzuhalten. „Die jüngeren Leute ziehen es vor, irgendein Handwerk zu lernen, besonders wenn es sich um Fälle handelt, in denen der ältere Bruder das Anwesen übernimmt.“ Die Lohnforderungen eines Knechts haben sich von 8 RM nun auf 10–12 RM in der Woche erhöht.

Das wirtschaftliche Leben in Handwerk, Handel und Gewerbe

Im Januar 1939 wendet sich der Bürgermeister an die Deutsche Arbeitsfront, um eine Höherstufung bei der Ortslohnstaffel zu erreichen. Mit 10 Argumenten untermauert er seinen Vorschlag:

1) Hiesiger Marktflecken besteht zumeist aus Arbeitern und Kleinlandwirten, die gezwungen sind, noch nebenbei ihr Brot durch Lohnarbeit zu verdienen. Hierzu gibt ihnen die von Roßtal-Wegbrücke 16 km entfernt liegende Stadt der Reichsparteitage Nürnberg genügend Gelegenheit.

4) Die Wohnungsmieten betragen in Roßtal monatlich 25 bis 60 RM, was den Mieten einer Großstadt gleichkommt.

5) Die Lebensmittelpreise denjenigen der nahen Großstadt gleichkommt.

6) Seitens der Regierung ist der Markt Roßtal zum Wohnsiedlungsgebiet ernannt worden…

Aus einer Zusammenstellung der Kosten für die Handwerkskammer für das Vorkriegsjahr 1938 geht hervor, dass sich in Roßtal damals insgesamt 79 Betriebe befanden.

Am 8. Mai 1935 genehmigt die Regierung die Verlegung des Martinimarktes vom Montag nach Martini auf den Sonntag nach Martini. Heute findet der Martinimarkt grundsätzlich am Sonntag vor Martini statt.

Der zweite „Krammarkt“ fand am Ostermontag statt.

Am 10.3.1940 schreibt ein Fierant, dass er seine Teilnahme am Ostermarkt 1940 absagen muss, „weil die Verdunklung ganz besonders beachtet und streng durchgeführt werden muss, somit wäre auch das Abendgeschäft gleich Null. Bis zur Kirchweih werden wir wohl einen siegreichen Frieden haben, oder es wird zu mindestens die Waggonfrage für die Reise nicht mehr ausschlaggebend sein. Die Waggonbeschaffung für lebenswichtige Betriebe geht vor allem und so hat sich das Schaustellergewerbe sehr wenig Aussicht z. Zt. auf einen anderen Platz zu kommen.“

Die Wirtschaftskammer in Bayern legte allerdings größten Wert darauf, dass auch in den Kriegszeiten die Märkte stattfinden und nicht ausfallen, damit sich die Menschen entspannen können und ihren Bedarf decken können.

Die Marktgemeinde hatte nun auch die Aufgabe, die Preise zu überwachen. So waren die Preise für Eier und Kartoffeln genauso vorgeschrieben wie für Getreide, Holz usw.

Ein Paar Ferkel (bis zu 6 Wochen alt) durften nicht mehr als 45 RM kosten. Der stückweise Verkauf von Wurst wurde verboten, es durfte nur noch nach Gewicht verkauft werden, Die galt auch für Knackwürste, Stadtwurst, Blut- und Leberwürste.

Der Polizeiwachtmeister in Roßtal hatte dies alles zu überwachen und so ergab seine Kontrolle im Juni 1936, „dass das Rindfleisch in den hiesigen Metzgereien mit 0,90 RM pro halbes Kilo verkauft wird, lediglich die Metzgerei Weissfloch verkauft das halbe Kilo um 0,85-0,90 RM. Das reine Schweineschmalz kostet hier 1,10 RM das halbe Kilo, während das deutsche Schweineschmalz ohne Grieben in den hiesigen Lebensmittelgeschäften bis jetzt nicht geführt wurde.“

So kostete je ein halbes Kilo Ochsenfleich zwischen 83 und 90 Pfennige, Schweinefleisch zwischen 80 und 85 Pfennige, Stadtwurst von 1,10 bis 1,20, der rote Pressack 80 Pfennige, die Mettwurst 1,20 RM, Schinkenwurst 1,10 und die Rohwurst zwischen 1,80 und 2,00 RM.

Am teuersten war der gekochte Schinken, er kostete 1,65 RM.

Beim Fleisch kam es nicht auf die Qualität an. Man durfte den Höchstpreis nicht überschreiten.

Für einen Vierpfünder Roggenbrot musste man 1933 0,65 RM, für ein Kilo Schwarzbrot 0,25 RM, für 500 gr Roggenmehl 16 Pfennige und für eine Semmel 4 Pfennige bezahlen. Die Preise sind in der Nazizeit gegenüber dem Jahr 1932 gesenkt worden. Auch das trug zum schnellen Erfolg der Nationalsozialisten bei.

Um während des Kriegs die Bierversorgung sicher zu stellen, wurde der Stammwürzgehalt des Bieres im Jahre 1941 deutlich gesenkt. So wurde das Lagerbier von 9 % auf 7,5 %, das Spezialbier von 10 % auf 8,2 % gesenkt. Die Wirte wurden aufgefordert, das Bier möglichst gleichmäßig über die ganze Woche zu verteilen und ihren Vorrat nicht vorzeitig aufzubrauchen.

Ehrenkreuz für deutsche Mütter

Das Ehrenkreuz war eine beliebte Auszeichnung. So beantragte der Bürgermeister über den NSDAP-Ortsgruppenleiter die Stufe 1 (mehr als 8 Kinder) zwölfmal, Stufe 2 (6–7 Kinder) zweiundzwanzigmal und Stufe 3 (4–5 Kinder) vierzigmal.

Kontrollkarten für den Auslandsbriefverkehr

Um Briefe ins Ausland zu schicken, benötigten auch die Roßtaler eine Kontrollkarte für den Auslandsbriefverkehr. Der Bürgermeister forderte 10 Kontrollkarten an.

Ein Dienstvergehen war es ab 1. März 1941, wenn Beamte, Angestellte oder Arbeiter der Kommunen und Sparkassen mit „Personen polnischen Volkstums“ in geschlechtliche Beziehungen treten. Ein solches Vergehen hatte „nach dem ausdrücklichen Willen des Führers“ die sofortige Entlassung aus dem öffentlichen Dienst zur Folge, wie der Landrat dem Roßtaler Bürgermeister schrieb.

Tragisches Ende für Roßtals ehemaligen Bürgermeister Hans Eckstein

Bürgermeister Hans Eckstein, der den Nationalsozialisten die Gemeindegeschäfte überlassen musste, konnte leider das Ende der Nazizeit in seiner Heimatgemeinde, dem Markt Roßtal, nicht mehr erleben. Sieben Wochen vor dem Eintreffen der Amerikaner in Roßtal fand er am 28.2.1945 gegen 16.30 am Weinzierleiner Berg den Tod durch eine Kugel eines Tieffliegers. Die von ihm durch harte Überzeugungsarbeit im Marktgemeinderat durchgesetzten öffentlichen Einrichtungen, weswegen er als „Schuldenbürgermeister“ von den Roßtaler Nazis diffamiert wurde, erwiesen sich in den Nachkriegsjahren als wahrer Segen für Roßtal, das nun auch viele Flüchtlinge und vor allem Heimatvertriebene aufnehmen musste.

Quelle: Roßtal, 1050 Jahre Heimat – offen und lebendig, S. 183–200