Thomas Liebert

Archäologie vor Ort
Der Roßtaler Museumshof mit Haupt- und Nebengebäuden.
Der 1200 Jahre alte Markt Roßtal präsentiert seine Vergangenheit

Geschichte der Archäologie in Roßtal

Im Jahr 2004 feierte der Markt Roßtal, Lkr. Fürth, sein 1050jähriges Jubiläum. Grund der Feierlichkeiten war die erste Erwähnung des Ortes in der Sachsengeschichte Widukinds von Corvey. Er beschrieb eine heftige Schlacht an den Mauern der urbs horsadal, dem heutigen Roßtal, die König Otto I. im Jahre 954 gegen die Anhänger seines abtrünnigen Sohnes Liudolf schlug.

Die Textstelle bei Widukind gab letztendlich den Ausschlag für erste systematische archäologische Untersuchungen im Ortskern von Roßtal in den 1960er Jahren. Von dieser Zeit an ergab sich bis ins Jahr 2003 immer wieder die Gelegenheit zu archäologischen Ausgrabungen. Bis heute wurde die ehemalige urbs horsadal zu rund 11 % ihrer Gesamtfläche untersucht. Damit gehört sie zu den bestuntersuchten frühmittelalterlichen Großburgen überhaupt.

Die zahlreichen archäologischen Ausgrabungen belegen nicht nur die Anfänge Roßtals im 8. Jahrhundert. Sie boten vielmehr eine solide Grundlage für verschiedene archäologische Projekte, die der Autor dieses Artikels im Auftrag und mit Unterstützung des Marktes Roßtal konzipieren und realisieren konnte. Eine nicht minder wichtige Rolle bei den im Folgenden vorzustellenden Projekten spielte die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern. Sie übernahm u. a. die wissenschaftliche Beratung bei der Einrichtung der Archäologischen Sammlung Roßtal und beteiligte sich zudem an der Finanzierung der Dauerausstellung.

Foto

Der Roßtaler Museumshof
mit Haupt- und Nebengebäuden

Museumsbau – Heimatmuseum Roßtal

Wesentlicher Bestandteil des Projekts war die Einrichtung einer archäologischen Dauerausstellung, der „Archäologischen Sammlung Roßtal“. Mit ihr sollen dem Besucher die bei den verschiedenen Grabungen zu Tage geförderten Funde auf allgemein verständliche Art präsentiert werden.

Als Ausstellungsort bot sich das Roßtaler Heimatmuseum an, das vom Heimatverein Markt Roßtal e. V. betreut wird. Der 1994 bezogene Gebäudekomplex, ein ehemaliges landwirtschaftliches Anwesen, stammt aus dem späten 16. Jahrhundert. Er befindet sich im Eigentum des Marktes Roßtal, in dessen Auftrag die denkmalgerechte Restaurierung des Anwesens durchgeführt wurde. Der „Museumshof“ bildet nicht nur einen optisch ansprechenden Rahmen. Das Heimatmuseum als Ausstellungsort bietet vielmehr drei entscheidende Vorteile: Inmitten des Ortskernes und damit auch innerhalb der ehemaligen urbs horsadal gelegen, stellt es den räumlichen Bezug der Exponate zu ihrem eigentlichen Fundort her. Darüber hinaus ist durch die ehrenamtliche Tätigkeit der Mitglieder des Heimatvereines die regelmäßige Öffnung des Heimatmuseums und damit auch der Archäologischen Sammlung Roßtal gewährleistet. Und nicht zuletzt knüpft die vom Heimatverein aufgebaute volkskundliche Sammlung zeitlich an die durch die archäologischen Funde abgedeckten Zeiträume der Roßtaler Geschichte an.

Museumskeller – Archäologische Sammlung

Foto

Der Museumskeller vor der
Einrichtung der archäologischen Ausstellung

Foto

Der Museumskeller nach der
Einrichtung der archäologischen Ausstellung

Foto

Teilmodell der urbs horsadal mit Vitrine

Die archäologische Sammlung ist im Museumskomplex in einem tonnengewölbten Kellerraum untergebracht. Er beherbergte bis vor kurzem lediglich ein weibliches Skelett, das an der ehemaligen Roßtaler Hochgerichtsstätte gefunden wurde. Mit einer Grundfläche von 5,9 x 4,1 m bietet der Keller nicht allzu viel Ausstellungsraum. Erschwerend kommt hinzu, dass der Ansatz des Tonnengewölbes sehr niedrig ist. Als senkrechte Wand steht deshalb nur eine der beiden Stirnseiten zur Verfügung, da die andere durch den Treppenabgang unterbrochen ist. Hinsichtlich der Besucherführung stellt der schmale, steile Treppenabgang ein weiteres baulich vorgegebenes Problem dar. Die geringe Fläche wurde zunächst durch das mitten im Fußboden eingelassene, mit einer Plexiglasscheibe abgedeckte Skelett zusätzlich eingeschränkt. Es galt nun, ein Ausstellungs- und innenarchitektonisches Konzept zu entwickeln, um den Raum bestmöglich zu nutzen.

Fundstücke – Ausstellungskonzept

Nach Durchsicht der Fundstücke im Depot der Archäologischen Staatssammlung war sehr schnell klar, wie deren Präsentation aussehen könnte. Der Autor entwarf ein Konzept, wonach anhand der Funde die verschiedensten Lebensbereiche im frühmittelalterlichen Roßtal aufgegriffen und exemplarisch vorgestellt werden sollten. Eines der Ziele bestand darin, zu zeigen, dass das Leben in einer frühmittelalterlichen Befestigung nicht nur militärische, sondern auch verschiedenste zivile Facetten besaß. Darüber hinaus zielt das Konzept darauf ab, dem Publikum vorzuführen, wie vor allem einfache, oft unscheinbare Funde – sprich Gegenstände des damaligen Alltags – ein Bild von den Lebensumständen des frühen bis hohen Mittelalters vermitteln können.

Ein weiterer Bestandteil des Konzepts ergab sich aus der oben beschriebenen Ausgangslage des Ausstellungsraumes. Wie konnte man das Skelett unter dem Aspekt der Besiedlungskontinuität in Roßtal in das Ausstellungskonzept integrieren? Andererseits konnte es den Gerichtsstandort Roßtal repräsentieren, der bis 1796 bestand, und somit eine weitere Facette des Alltags in Roßtal vorstellen.

Hier ergab sich jedoch eine überraschende Änderung, als im Herbst 2003 bei Ausgrabungen am Roßtaler Pfarrhaus ein Säuglingsskelett freigelegt wurde. Auf Anregung des Bürgermeisters erfolgte dessen Blockbergung mit der Absicht, es ebenfalls zu präsentieren. Es galt nun, einen den Skeletten würdigen konzeptionellen Rahmen zu finden. Der Autor machte deshalb den Vorschlag, das Säuglingsskelett und die Delinquentin als „Außenseiter der christlichen Gemeinschaft“ zu präsentieren, um darzustellen, dass es bis weit in die Neuzeit hinein Randgruppen der Gesellschaft gab, die kein Anrecht auf Bestattung in geweihter Erde hatten. Hierzu gehörte eben auch der ungetaufte Säugling, der vor dem Pfarrhaus bestattet werden musste. Auch dies ist eine Facette des damaligen Alltags. Dieses Ausstellungskonzept fand breite Zustimmung.

Gestalterische Umsetzung

Jeder Themenbereich sollte in einer eigenen Vitrine vorgestellt werden:

  1. Bewaffnung und Tracht der Roßtaler
  2. Handwerk und Gewerbe in der urbs horsadal
  3. Keramik im mittelalterlichen Alltag
  4. Metall im mittelalterlichen Alltag
  5. Außenseiter der christlichen Gemeinschaft
  6. Teilmodelle der ehemaligen urbs horsadal

In Zusammenarbeit mit Dr. Christof Flügel und Dipl.-Ing. Rainer Köhnlein von der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen wurde ein Vitrinenkonzept erarbeitet und geplant. In vier Tisch-, zwei Wandvitrinen sowie einer Bodenvitrine werden die sechs Themenbereiche nun präsentiert. Als Textträger wurden insgesamt sechs Textfahnen neben den Themenbereichen installiert.

Die Ausführung der Vitrinen in Stahl, Holz und Glas sorgt für eine gewisse Leichtigkeit und Transparenz, die den engen Raumverhältnissen Rechnung trägt. Die Wahl verschiedener Grautöne, die für deren Lackierung ausgewählt wurden, soll die optische Dominanz der Vitrinen ebenfalls abschwächen und gleichzeitig die Fundstücke hervorheben. Die Innenbeleuchtung einiger Tischvitrinen wie der Bodenvitrine verstärkt die Wirkung der Funde erheblich. Die gleichen Grautöne wurden vom Innenarchitekten auch für die Farbgestaltung der Leitungen vorgegeben, die den Raum durchziehen. Auch sie sollen dem Besucher auf diese Art optisch entzogen werden. Die farbliche Gestaltung der Textfahnen in Brauntönen bezieht sich auf das Baumaterial des Gewölbekellers, den Sandstein.

In der Bodenvitrine wurden die Delinquentin und der Säugling gemeinsam untergebracht. Während der Säugling bedingt durch die Blockbergung noch im originalen Erdmaterial gebettet ist, liegt die bereits mehrmals umgebettete Delinquentin auf hellem Quarzsand. Auf diese Art hebt sich das Skelett deutlich vom Untergrund sowie vom Säuglingsskelett ab. Um den Raum optimal auszunutzen, wurde die Bodenvitrine mit einer begehbaren Glasplatte abgedeckt.

Archäologischer Rundweg Roßtal

Mit der vorgestellten Ausstellung gelang es zwar, die archäologischen Fundstücke optimal zu präsentieren, ein Problem blieb aber bestehen: Die Präsentation der Baubefunde. Sie stehen nicht nur gleichrangig neben den Funden, sondern sie bilden vielmehr den Kern der Ausgrabungsergebnisse in Roßtal. Ihnen musste also entsprechend Raum gewidmet werden. Raum, der im Museumskeller nicht zur Verfügung steht.

Dafür wurden einerseits zur Erläuterung eines Teils der Baubefunde zwei Teilmodelle der urbs horsadal im Ausstellungsraum aufgestellt. Sie zeigen die am besten untersuchten Abschnitte der Befestigung im Maßstab 1:100. Andererseits sollte ein „Archäologischer Rundweg Roßtal“ den Besucher auf einer nicht zu langen, schlüssigen Strecke möglichst nahe an die ehemaligen Ausgrabungsstätten heranführen und dabei alle Aspekte der urbs horsadal ansprechen. Dafür bot sich ein Weg an, der bereits durch das Ortsbild vorgegeben ist. Der Besucher wird entlang der Schulstraße und Rathausgasse kreisförmig durch die ehemalige urbs horsadal, den heutigen Oberen Markt, geführt. Diese Streckenführung kommt zudem Gehbehinderten und Rollstuhlfahrern entgegen, die den Weg mühelos bewältigen können. Ausgangspunkt ist das Rathaus, womit dessen zentrale Funktion für den hiesigen Kleinraum betont werden soll. Von dort aus führt der Weg an den Ausgrabungsstätten entlang und informiert auf bislang neun Tafeln in DIN-A0-Größe über die möglichen Gründe der Anlage der Befestigung, über deren Funktionen und Charakter, über befestigungstechnische Gesichtspunkte, über Beschaffenheit und Aussehen der Befestigung, über weitere Baubefunde, über das zugehörige Gräberfeld, über die Art frühmittelalterlicher Kriegsführung, sowie über die Ergebnisse der archäobotanischen und archäozoologischen Untersuchungen aus Roßtal. Teil des Rundweges ist außerdem ein Klostergarten. Dieser Garten, angelegt nach dem Gedicht „hortulus“ von Abt Walahfrid Strabo aus der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts, soll dem Besucher den Wissensstand und das geistig-religiöse Umfeld der Menschen des frühen Mittelalters vermitteln.

Um Besuchern die Orientierung zu erleichtern, ist auf jeder Tafel ein Ortsplan mit dem Rundweg, seinen Stationen und dem jeweiligen Standort abgebildet. Auf diese Art können sich auch Quereinsteiger mühelos zurechtfinden. Die Tafeln hängen in Schaukästen, deren Finanzierung der Energiekonzern N-ERGIE übernahm.

Um die thematisch miteinander verknüpften Präsentationen „Archäologische Sammlung Roßtal“ und „Archäologischer Rundweg Roßtal“ auch für jeden sichtbar optisch zu verbinden, zeigt ein eigens entworfenes Logo den Roßtaler Kirchturm als Bezugsmerkmal für den Markt in Verbindung mit einer ottonischen Münze.

Tage mittelalterlichen Handwerks

Im Gegensatz zu den Dauereinrichtungen war ein weiterer Programmpunkt des Jubiläumsjahres, die „Tage des mittelalterlichen Handwerks“, von vorneherein als zeitlich begrenzte und einmalige Veranstaltung vorgesehen. Das Konzept sah vor, mittelalterliche Handwerks- und Kunsthandwerkstechniken experimentell vorzuführen und so viele Roßtaler Handwerker wie möglich aktiv in die Veranstaltung mit einzubeziehen. Die Akteure sollten ohne mittelalterliche Gewandung arbeiten und die Ausübung des Handwerks im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen. Aus diesem Grunde durfte auch nichts verkauft werden, was nicht unmittelbar vor den Augen der Besucher hergestellt wurde. Die einstige Herstellung der im Museum ausgestellten Exponate wurde somit visuell und sinnlich nachvollziehbar und auf diese Art mit Leben erfüllt. Zu sehen waren Handwerkstechniken von Gewölbebau über Drechslerei bis hin zu mittelalterlicher Buchmalerei.

Ausblick

Der Markt Roßtal hat sich der Verantwortung seiner besonderen Vergangenheit gestellt. Trotz der angespannten Haushaltslage, unter der die Kommunen allgemein zu leiden haben, war er bereit, in seine Vergangenheit und damit letztendlich in seine Zukunft zu investieren. Die bisherigen Erfahrungen haben darüber hinaus gezeigt, dass die vorgestellten Projekte bei den Roßtaler Bürgern und Besuchern aus der Region großen Zuspruch finden. Nicht zuletzt das Engagement der Roßtaler Handwerker bei den „Tagen des mittelalterlichen Handwerks“ und die durchwegs positiven Reaktionen der Veranstaltungsbesucher belegen, dass man Menschen für die Archäologie begeistern kann, ohne in die Trivialität irgendwelcher Shows herabsteigen zu müssen. Seit Bestehen der archäologischen Einrichtungen haben die Roßtaler aktiv begonnen, sich mit ihrer Archäologie und Geschichte zu identifizieren.

Als ebenso positiv hat sich die Zusammenarbeit mit der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern erwiesen. Die fachliche Beratung, Erstellung der innenarchitektonischen Planung wie die finanzielle Unterstützung des Ausstellungsprojektes trugen erheblich zum Gelingen des Projektes bei.

Nun sollte man meinen, dass die Karten in Roßtal auf dem Gebiet der Archäologie ausgereizt sind. Aber weit gefehlt! Im Auftrag und in Zusammenarbeit mit dem Markt Roßtal wird in den kommenden Monaten ein weiteres Projekt auf diesem Gebiet realisiert werden. Geplant ist ein Rad- und Wanderweg im Roßtaler Umland zum Thema „Mittelalter“. Entlang dieses Weges sollen unter anderem themenbezogene Spielstationen entstehen.

Museumshof Roßtal
Archäologische Dauerausstellung
Schulstr. 13
90574 Roßtal

Öffnungszeiten: Jeden 1. Sonntag im Monat 14–17 Uhr und nach Vereinbarung

Literaturhinweise:

Thomas Liebert: Am Anfang war das Wort...? Roßtal – das Jahr 954 und dessen Vorgeschichte, in: Markt Roßtal (Hrsg.): 1050 Jahre Roßtal (2004), S. 1–32.
Thomas Liebert: Der obere Markt in Roßtal. Ein 1200 Jahre altes Zentrum der Region, Festvortrag, in: ebd., S. 299–312.

Quelle: museum heute 27 S. 23–27

Hinweis: Die Links sind nicht Bestandteil der Originalveröffentlichung