Alfred Steinheimer

„Vor Pest, Hunger und Krieg bewahre uns, o Herr!“

Pestjahre in Roßtal

Liest man vom Wüten der Pest in den Städten des Mittelalters, so wird oft angenommen, daß sich diese Seuche nur innerhalb des Mauerringes einer befestigten Stadt und unter einer in beengten Wohnverhältnissen zusammengedrängten Stadtbevölkerung ihre Opfer suchte. Sicher waren die mangelnden Maßnahmen für die Abfall- und Abwasserbeseitigung oft ursächlich für die Verunreinigung des Trinkwassers aus den öffentlichen städtischen Brunnen und damit für das Entstehen und das schnelle Verbreiten epidemischer Krankheiten. Seuchen aber wie die Pest forderten, auch auf dem Lande, in den Dörfern und Weilern mit wenigen Einwohnern ebenso ihren Tribut wie in den Städten, wie nachstehend für Roßtal und seinen Ortsteilen aufgezeigt wird.

Das erste Auftreten dieser furchtbaren Geißel der Menschheit, die in Europa binnen weniger Jahre ein Drittel der Bevölkerung hinwegraffte, fällt in die Jahre um 1347. Nürnberg und Würzburg blieben damals noch verschont, aber wenige Jahre später traf es auch diese Städte. Für das dörfliche Umland, wie hier in Roßtal, fehlen die Hinweise aus dieser Zeit.

Die Ursachen für den Ausbruch der Krankheit und deren schnelle Ausbreitung waren nicht bekannt. In dieser Hilflosigkeit suchte man nach Schuldigen und glaubte den Gerüchten und Verdächtigungen, die sich ebenso schnell verbreiteten wie die Seuche selbst, daß jemand die städtischen Brunnen vergiftet hätte. Verdächtigt wurden die jüdischen Minderheiten in den Städten, die, meist in geschlossenen Stadtvierteln wohnend, ein Eigenleben führten. Auch in den fränkischen Städten wurden die jüdischen Einwohner dieses Verbrechens beschuldigt und, obwohl vom Kaiser, im Jahre 1349 Karl IV., geschützt, wurden viele jüdische Einwohner als vermeintliche Verursacher der Pest das Opfer aufgehetzter Gruppen; ein düsteres Kapitel in der Geschichte unserer Städte.

Über die in Nürnberg ansässigen Juden – nach Aufzeichnungen hatte die Gemeinde etwa 2000 Mitglieder und war eine der größten im damaligen Mitteleuropa – brach das Unheil in den Tagen vom 2.–5. Dezember 1349 herein. 560 Namen von Juden sind überliefert, die diesem Wahnsinn zum Opfer fielen, wobei ein Großteil von ihnen das Nürnberger Bürgerrecht besaß. Nach dem irrsinnigen Massaker ist es kaum zu verstehen, daß wenige Tage später, nämlich am 18. Dezember 1349, zwei Juden in Nürnberg wieder das Bürgerrecht erhielten (Anmerkung L 1).

Dürer: die 4 apokalyptischen Reiter

Wie schon erwähnt, kannte man keine wirksamen Mittel gegen diese Krankheit. Die Ärzte rieten beim ersten Auftreten zu einer 40tägigen Isolierung, einer „Quarantäne“, zu einer Diät und zum Wechseln der Kleider, und ansonsten sah man in der Pest den Zorn Gottes und Plagen, die schon in der Bibel geweissagt worden waren (L 2). Wie eine Prophezeiung zeichnete Albrecht Dürer im Jahre 1498 die kommenden Ereignisse in seinen apokalyptischen Reitern: Krieg, Hunger, Pest (L 3). Es sollte eintreffen, was er ahnte. Einige Jahrzehnte später, in der Mitte und am Ausgang des 16. Jahrhunderts, hielt diese schreckliche Krankheit erneut ihren Einzug. Wütete sie bereits in einigen deutschen Regionen um das Jahr 1541, in der Bayreuther Gegend wurde die Einwohnerschaft um die Hälfte verringert, so kam der „Schwarze Tod“ in den Jahren 1562 auf 1563 wieder nach Nürnberg und von den kaum 40 000 Einwohnern der Reichsstadt verstarben in 16 Monaten 9034 Menschen (L 3 a).

Über den 30jährigen Krieg gerettete Matrikelbücher, u. a. auch das, das die Sterbefälle des Jahres 1585 enthält, geben erstmals Auskunft über das Auftreten dieser Krankheit hier am Ort und in den umliegenden Ortsteilen der Pfarrei St. Laurentius (Q 1). Die schnelle Ausbreitung der Pest, die als erstes Opfer einen Hans Sander aus Raitersaich fordert, der am 1. Juli 1585 begraben wird, zeigt nachstehend die zeitliche Folge des Verlaufs dieser Welle und die jeweils erfaßten Orte des Pfarrbereichs, soweit die Verstorbenen hier bestattet wurden.

Im gleichen Monat folgen noch 13 Einwohner von Raitersaich und 5 von Buttendorf und im August beginnt das große Sterben in Roßtal, das über die Monate des Jahres 1585 insgesamt 60 Opfer fordert. Es folgen in der Ausbreitung:

September   in Weinzierlein 11 Tote
in Weitersdorf 11 Tote
in Großweismannsdorf   18 Tote
Oktober in Defersdorf 5 Tote
in Oedenreuth 3 Tote
November in Buchschwabach 13 Tote
in Sichersdorf 1 Toter
in Egersdorf 2 Tote
in Stöckach 1 Toter
Dezember in Schwaighausen 1 Toter

Im Januar 1586 sterben die letzten Opfer dieser urkundlich erstmals genannten „Pestwelle“ in Roßtal. Insgesamt 146 Opfer forderte diese schreckliche Krankheit und aus den Matrikeleintragungen, die nüchtern und sachlich das Geschehen dokumentieren, zeigt sich das Elend und das Leid, das über so manche Famile kam, so in der Familie des „Wildmeisters“ Conz Kurz in Roßtal. Ihm starben am 7. Oktober 1585 seine Ehefrau Barbara und 10 Tage später, am 17. Oktober, seine beiden Söhne. Ein ähnliches Schicksal erlitt eine Familie Nußner, die zwei Kinder am 18. und 31. Dezember 1585 verlor und weitere zwei Kinder am 26. Januar 1586.

Während man in manchen Gegenden besondere „Pestfriedhöfe“ kannte, fanden in Roßtal, so nach den Eintragungen im Sterbebuch, alle Beisetzungen auf dem Laurentiusfriedhof statt. Es verwundert allerdings, daß man, obwohl man die Ansteckungsgefahr kannte, alle Opfer aus den genannten Ortsteilen nach Roßtal überführte. (Geht die hohe Zahl der Verstorbenen auf diese Übung zurück?) Vierzehn Jahre später sind im Matrikelbuch im Januar 1599 wiederum sechs Pestfälle aus Weinzierlein verzeichnet, davon drei Mitglieder einer Familie Wurm, die innerhalb von zwei Tagen sterben, und im November 1600 je ein Todesfall in Roßtal und in Kastenreuth. Im Jahre 1602 werden in der Pfarrei 21 Menschen von der Pest hinweggerafft.

1607 am Michaelistag, dem 29. September, schreibt der Pfarrer nach dem Eintrag für die an der Seuche in Buchschwabach verstorbenen Magd Apollonia Hoffmann: „... an diesem Tag hat die Pest angefangen zu wüten“. Buchschwabach und Trettendorf wurden besonders heimgesucht, aber auch der zweite Pfarrer Friedrich Scherzer (1601-1608) muß den Tod seines Kindes im Matrikelbuch vermerken.

Wie weitere Eintragungen zeigen, gab es Jahre darauf immer wieder Epidemien, die einer Reihe von Roßtalern das Leben kosteten. Bei diesen Vermerken im Sterbebuch haben die Pfarrer vielfach nicht mehr die Todesursache eingetragen, wie dies bei den ersten „Pestwellen“ geschah. So lassen sich einige Jahrzehnte später nur Vermutungen über das Auftreten solcher Epidemien anstellen, und zwar beim Vergleich der Anzahl der Todesfälle mit der sonst jährlich durchschnittlichen Anzahl von Beerdigungen.

Bestätigt werden diese Vermutungen aber durch Angaben in einer ausführlich gefertigten Pfarrbeschreibung des Pfarrers Johannes Grün (1903-1920), der nachstehende Vermerke im Archiv gefunden hat und zitiert: „Hans Basler, der im Jahre 1637 bei grassierender Pest, weil schon infiziert, als Totengräber und Mesner angestellt“. Auch nennt er noch, daß im Jahre 1676 ein Michael Groß eine jährliche Belohnung aus der Kirchenstiftungskasse erhält „... für die Verjagung der Hunde aus dem Kirchhof bei herrschender Pest ...“ (Quelle Q 2).

Es scheint, daß es lange Zeit dauerte, bis sich die Erkenntnis durchsetzte, daß Hygienemaßnahmen in den Wohngebieten manche Krankheiten an der Ausbreitung hindern könnten und die Räte in den Städten versuchten, durch „Pestordnungen“ auch darauf hinzuweisen. Trotzdem wird in den zwischen 1540 und 1600 in Nürnberg erlassenen Pestordnungen neben gutgemeinten Ratschlägen immer noch auf die bestrafte Sündhaftigkeit der Menschen, auf die Verpestung der Luft und auf die astronomischen Konstellationen verwiesen, die das Entstehen und das Verbreiten der Krankheiten verursachen (L 4).

Die Suche im Pfarrarchiv nach einschlägigen markgräflichen Verordnungen und Erlassen vor dem Jahre 1700 bezüglich der Bekämpfung seuchenartiger Krankheiten blieb erfolglos, wobei im Hinblick auf städtische „Maßnahmen“, siehe die erwähnten Pestordnungen, nicht auszuschließen ist, daß es ähnliches auch in der Markgrafschaft Ansbach zu dieser Zeit gegeben haben mag.

Es verwundert allerdings, daß weder die Pfarrer noch die Schulmeister aus den genannten Pestjahren zur Feder griffen, um das heute kaum vorstellbare Massensterben in der Pfarrei über die Eintragungen in den Matrikelbüchern hinaus der Nachwelt zu beschreiben. Auch in Pfarrbeschreibungen der nachfolgenden Jahrhunderte, vor der Zeit des schon genannten Pfarrers Johannes Grün, vermißt man Hinweise auf diese Geschehnisse. Nahm man das Ganze als etwas Unabänderliches hin, etwas, das wie ein Strafgericht kommt und dem man nicht entweichen kann?

Der erste hier im Archiv der Evangelisch-Lutherischen St.-Laurentius-Pfarrei aufgefundene obrigkeitliche Hinweis stammt aus dem Jahre 1708. Es ist der Erlaß eines „Fränkischen Kreis-Convents“ vom 12. Oktober 1708, der sanitärpolizeiliche Hinweise gibt und vor der Verbreitung einer ansteckenden Krankheit warnt. In diesem Erlaß ist von einer „nicht aufhörenden Contagion (Ansteckung)“ in Polen die Rede und es wird festgelegt, daß allen Personen aus diesem Landstrich, die nicht im Besitze eines „Gesundheitspasses“ sind, die Einreise in die „Löblichen Fränkischen Kreise“ verweigert wird, ebenso werden deren Waren zurückgewiesen. Über den Erfolg dieser Maßnahme fehlen die Nachrichten.

Die als „Pest“ bezeichnete Seuche ist seit dem 18. Jahrhundert aus Europa und später auch aus weiten Teilen der Welt verschwunden. Noch lange nach den schrecklichen Jahren des Massensterbens versetzten die Nachrichten über Pestausbrüche in fernen Ländern die Menschen hier in Angst und Schrecken (L 5). Sie waren dieser und anderen Seuchen noch lange hilflos ausgeliefert. Der Volksmund kennt den Spruch: „Not lehrt beten“. In alten Andachtsbüchern findet sich noch die Bitte: „Vor Pest, Hunger und Krieg bewahre uns, o Herr!“

Quellen:

Archiv der Evang.-Luth. Pfarrei St. Laurentius, Roßtal:
(Q 1)
Matrikelbücher der angeführten Jahre
(Q 2)
Akte Nr. 90

Literatur:

(L 1)
Willehad Paul Eckert: „Die Juden im Zeitalter Karl IV.“ Ausstellungskatalog des Germanischen Nationalmuseums 1978, S. 129
(L 2)
Klaus Bergdolt: „Der schwarze Tod in Europa“, S. 80 u. f., Verlag C. H. Beck, München 1994 (Biblische Hinweise: l. Kö. 8,37; Ps. 78,50; Ps. 91,3; Jer. 14,12; Lk. 23,11)
(L 3)
Johannes Janssen: „Geschichte des Deutschen Volkes“, Band 7, S. 411 Herder-Verlag, Freiburg i. Br.
(L 3a)
ebenda, S. 419
(L 4)
Manfred Vasold: „Die Allmacht des Todes“, Pest in den Städten, S. 131
Herausgeber Paul Burgard, Buchtitel: „Die frühe Neuzeit“, Verlag C.H. Beck, München 1997
(L 5)
Ernst Schubert: „Arme Leute, Bettler und Gauner im Franken des 18. Jahrhunderts“, S. 1, Kommissionsverlag Degener u.Co, Neustadt a. d. Aisch, 1983
Auch auf den Aufsatz von Pfr. Dieter Koerber aus dem Jahr 1981: „Pest, Pocken, Ruhr“ in Heft IV der „Roßtaler Heimatblätter“ sei hingewiesen.

Quelle: Alfred Steinheimer, Kirchliche Nachrichten der Pfarrei Roßtal, November 1998, S. 20 ff.