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Markt Roßtal

Landkreis Fürth

Mittelfranken

Bayern

Deutschland
Markt Roßtal
Marktplatz 1

90574 Roßtal
Deutschland
GOTTLIEB SCHWEMMER

Das Pfarrhaus zu Roßtal

Der Ort Roßtal weist in seinem Kern noch heute erhaltene, bedeutsame Baudenkmäler auf, die auf jene Zeit hinweisen.

Zu ihnen gehört die ottonische Krypta unter dem Chor der Pfarrkirche St. Laurentius, zu ihnen gehört aber auch das Pfarrhaus. Beide Bauwerke, Kirche und Pfarrhaus, liegen in dem schon in ottonischer Zeit befestigten Kirchenbezirk, von dessen Umfassung noch Teile erhalten sind und dessen Umwallung und Graben außerhalb der Befestigungsmauer in ihrem Verlauf dem Auge des Forschers wenigstens andeutungsweise sich zu erkennen geben. Im Zusammenhang mit diesem Bezirk wurde Roßtal zum erstenmal genannt, denn in den Kämpfen Kaiser Ottos des Ersten mit seinem Sohn Liudulf hielt dieser die Kirchenburg im Jahre 954 besetzt und konnte sie erfolgreich gegen seinen Vater verteidigen. Nicht so weit in das frühe Mittelalter geht die Geschichte des Pfarrhauses zurück, wenn es auch zu den ältesten noch erhaltenen Beispielen des süddeutschen Fachwerkbaus zählt.

Aus dem Lageplan wie aus den Maßaufnahmen der Süd- und Westfront ist zu ersehen, wie das Pfarrhaus mit seiner Süd- und Westwand auf der Südwestecke der alten Burgmauer aufsitzt. Außer diesem Teil der Umfassung, geschichtetes Sandsteinmauerwerk wie die weniger sorgfältig geschichtete Westgiebelmauer, ist alles Übrige, Außenwände und Zwischenwände, in Fachwerk ausgeführt. Hier ist nun das Alter von Interesse. Nach Rohn hat das Haus schon um 1400 als Wohnung des Pfarrers gedient. In einem Balken des obersten Bodens fand sich eingeschnitten „1438 durchaus repariert“. Im Salbuch der Burggüter zu Roßtal, die zum Schloß Cadolzburg gehörten (Cons. A. 1414, S. 579), ist angeführt „Das Hochhaus, da der Pfarrer eingesessen ist“. Diese Notizen finden ihre Bestätigung in dem bauhandwerklichen und stilistischen Befund.

Das Pfarrhaus gehört zur Gattung der ältesten alemannischen Fachwerkhäuser, als deren nächstjüngeres Bauwerk von Bedeutung man das Esslinger Rathaus nennen könnte, das aus dem Jahr 1430 stammt. Das Alemannische erweist sich aus den verhältnismäßig weiten Abständen der Pfosten, „die durch Fuß- und Kopfbänder abgestrebt sind, die über Brust- und Halsriegel hinweggehend gut handwerksmäßig in Sägschnitten verblattet sind“ (Walbe), aus der enggereihten Lage des Gebälks und der Anordnung der Fenster zwischen Brust- und Halsriegeln, also ohne durchgehende Gewändepfosten. Dem altertümlichen Charakter zugute gekommen ist der tief herabreichende Krüppelwalm (im Gegensatz zu Esslingen) an der Ostseite, der in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts durch einen Giebel ersetzt wurde. An den alten Halbwalm mit seinem fächerförmig ausstrahlenden Gesparr (wie an der Westseite) erinnert noch der Wechsel am zweiten östlichen Sparrengebinde. Was aber am unzweideutigsten für das hohe Alter des Fachwerks Zeugnis ablegt, ist der jetzt noch vorhandene schwellenlose Bundpfosten an der Nordseite des Erdgeschosses neben der Türe, eine Bauart, die in das 14. Jahrhundert zurückweist. Die ursprüngliche Fachwerkform des Hauses ist im Laufe der Jahrhunderte mehrfach verändert worden, durch Auswechseln ganzer Wandteile an der Südseite, durch Veränderung der Fachwerkfelder (mit Vergrößerung der Fenster) an Erd- und Obergeschoß der Nord- und Ostseite, durch den Anbau an der Nordostecke und die schon genannte Beseitigung des Halbwalms an der Ostseite. Trotzdem wirkt das Bauwerk immer noch wie aus einem Guß und hat von seiner urtümlichen Wucht nichts eingebüßt. Im Gegensatz zum derzeitigen Bestand bringen unsere Aufnahmen die ursprüngliche Form des Hauses und seiner Fachwerkform. Eine solche Rekonstruktion machte deshalb keine besonderen Schwierigkeiten, weil sämtliche ursprüngliche Verblattungen als Ansatzpunkte der Streben und Riegel an Schwellen, Rahmhölzern und Pfosten noch vorhanden sind und – von geringen Ausnahmen abgesehen – über die Gestalt des alten Fachwerks hinreichend Auskunft geben. Die späteren Änderungen sind in der Technik der Verzapfung ausgeführt.

Das Hauptinteresse der Betrachtung beansprucht der Ostgiebel, der durch viermaligen kräftigen Überstand (der vierte, oberste fehlt heute) der Geschosse dem Bauwerk einen so mächtigen, um nicht zu sagen fremdartig-bedrohlichen Ausdruck gibt. In den drei unteren Geschossen liegt der Überstand der Pfetten, welche die Schwellen der darüberliegenden Fachwerkwand tragen, auf konsolartig ausgebildeten Knaggen, die mehrfach ausgekehlt und mit verschiedenartigen Schildern geziert sind. Ob hier der ursprüngliche Sinn der Knaggen als einer Verriegelung gegen eine Verschiebung des Längsverbandes noch zu gelten hat, bleibe dahingestellt. Jedenfalls bedeuten sie eine dekorative Bereicherung. Betritt man das Haus von der östlichen Eingangstüre her, so kommt man heute in einen Vorplatz von beträchtlichen Ausmaßen, der von Fachwerkwänden umschlossen und von einem offenen Deckengebälk überlagert ist. Am Ende des Vorplatzes führt rechts eine Treppe ins Obergeschoß. Ursprünglich war das nicht so. Schon die Eingangstüre lag nicht in der Mitte, sondern, wie aus den Verblattungsansätzen zu schließen, an der Nordostecke der Ostwand. Damit ist die Nachricht in Beziehung zu bringen, daß noch im 19. Jahrhundert im nordöstlichen Eckzimmer eine Treppe ins Obergeschoß führte. Wo die Treppe lag, ist nicht mehr mit Sicherheit festzustellen, Treppenwechsel sind nicht zu bemerken. Ebensowenig ist festzustellen, wie groß die Erdgeschoßdiele war. Vermutlich waren die Räume an der Süd- und Westwand abgetrennt und unterteilt, so daß eine zweischiffige Halle von bedeutenden Ausmaßen den Eintretenden aufnahm. Ähnliche Hallen trifft man heute noch in alten Herrensitzen in der Nürnberger Umgebung, auch sie sind heute noch nur von wenigen und kleinen Fenstern erhellt, die Nötigung zu einer ständigen Verteidigungsbereitschaft hat in alter Zeit zu solchen Lösungen geführt, in dem düster-kühlen Halbdunkel solcher Räume hat sich noch etwas von der Stimmung der Vergangenheit in unsere Zeit herübergerettet. Auch im Roßtaler Pfarrhaus ist das zu bemerken. Was uns aber immer wieder mit Bewunderung erfüllt und zugleich nachdenklich stimmt, das ist die nach heutigen Begriffen unfaßbare Raumverschwendung, besonders wenn man den riesigen Dachraum hinzunimmt, der sich in drei Geschossen auftürmt. Dieses Gefühl findet seine Bestätigung, wenn man das Obergeschoß als das eigentliche Wohngeschoß betritt. Hier sind die an der Ost- und Westseite liegenden Wohnräume durch eine erst im vorigen Jahrhundert durch ein Zimmer verkürzte Querdiele getrennt, in der das Ständerwerk des Hauses mit seinen Kopfbändern, Knaggen und Verzierungen wie an der Ostseite sichtbar ist. Im Gegensatz zum Erdgeschoß weisen die mit offenen Balkendecken versehenen Obergeschoßräume eine verhältnismäßig geringe Raumhöhe auf, eine vielfach zu beobachtende Gepflogenheit des nordischen Wohnbaus und wohl mit der leichteren Erwärmbarkeit solcher Räume zu erklären.

Der Dachraum ist durch drei Geschoß-Schichten gegliedert, deren Konstruktionsgerüst der im Mittelalter übliche stehende Dachstuhl bildet. Im Westteil des zweiten Dachbodens ist noch eine senkrechte Spindel für ein Aufzugseil zu sehen, das über ein nicht mehr vorhandenes Rad unter dem Vorsprung des Halbwalms lief.

Der Kellereingang an der Nordseite des Hauses gibt einen Hinweis auf die ursprüngliche Höhe des Erdgeschoßfußbodens, sie war wesentlich höher als heute, das ganze Haus wirkte noch steiler.

Diese Annahme gewinnt einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit durch einen Hinweis auf die Maßgesetzlichkeit des Bauwerks, wonach Hauslänge gleich Gesamthöhe ist und Länge : Breite = sich verhält.

Der Keller, ein tonnengewölbter Raum, nimmt auf die Umfassungen des Hauses keinen Bezug, vermutlich weil er, wie bei mittelalterlichen Fachwerkhäusern, ausgehoben wurde.

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