Alfred Steinheimer

Die Pfarrpfründe St. Laurentius Roßtal

Seit Karl dem Großen, im 8. Jahrhundert, war in der abendländischen Kirche der Zehnt geboten, die Abgabe des 10. Teils von Gutserträgen an die Pfarrkirchen. Da für die Abgabeverpflichtung die Festlegung eines Bezirks mit zugehörigen Ortschaften notwendig war, ergab sich daraus die Abgrenzung eines Pfarrsprengels und damit die Gründung von Kirchengemeinden.

Aus einem Zehntverzeichnis der Pfarrei St. Laurentius Roßtal, begonnen im Jahre 1482, und weiteren Aufzeichnungen aus späteren Jahren ist zu ersehen, daß die Einkünfte dieser Urpfarrei bedeutend waren, gehörten doch bis in das 18. Jahrhundert nicht weniger als 31 Ortschaften zum Pfarrsprengel.

Nach dem Kirchenrecht erwarb, wer eine Pfarrei, eine Pfründe verliehen erhielt, das Nießbrauchrecht auf die mit dem Kirchenamt verbundenen Einkünfte auf Lebenszeit. Diese Anordnung entsprach dem Gedanken, daß die in der Kirche und für die Pfarrgemeinde geleistete Arbeit wie jede andere Arbeit ihres Lohnes wert sei. Außerdem sollte die „Entlohnung“ soviel einbringen, daß davon der Lebensunterhalt zu bestreiten war. Das galt bei großen, bedeutenden Pfarreien wie der in Roßtal nicht nur für die Versorgung des Pfarrers, sondern auch für die von Kaplänen und Schulmeistern.

Der im Kirchenrecht verankerte Rechtsgedanke ist im Laufe der Geschichte nicht selten so ausgelegt worden, daß die geistlichen Pfründe, oft gehäuft auf eine Person, zu „Versorgungseinrichtungen“ für die nachgeborenen Söhne der Reichsfreiherren und Reichsritter wurden (Anmerkung L 1). Auch hier in Roßtal zeigt eine Zusammenstellung der Pfründeinhaber für den Zeitabschnitt von 1420 bis zum Jahre 1556, also selbst noch rund 30 Jahre nach der Reformation, diese Entwicklung (Quelle Q 1).

Unter den acht uns bekannten Personen, die Einkünfte aus der Pfarrei Roßtal bezogen, sind allein vier adelige Domherren oder Dompröpste, und die noch genannten anderen Würdenträger hatten ebenfalls hohe kirchliche und weltliche Ämter inne. So verfügten, um nur zwei Personen mit bekanntem Namen zu nennen, im Jahre 1450 der Domherr und spätere Bischof von Eichstätt, Wilhelm von Reichenau, über die Pfründe und im Jahre 1463 war es ein Thomas Pirckheimer, der römischer Pronator und Rat der Herzöge Johannes und Siegmund von Ober- und Niederbayern war.

Das Domkapitel in Bamberg hatte das Recht zur Verleihung dieses Lehens, das nach dem Jahre 1393 der Landesherr, der Kaiser, zu seinen Gunsten ausschalten konnte (L 2). Die Bezieher der Pfründe in Roßtal hatten, wie anderswo auch, keine Residenzpflicht, mußten also weder hier ansässig noch als Pfarrer tätig sein. Sie setzten ihrerseits für die Seelsorge am Ort Vikare ein, die sie aus ihren Einkünften zu besolden hatten. Nicht immer geschah das in ausreichendem Maße, so daß diese Vikare, Frühmessner und Benefiziaten ihren Lebensunterhalt oft nur von Mess-Stipendien und Stolgebühren kärglich bestreiten konnten (L 1a).

Für die Laurentius-Pfarrei Roßtal traf dies unter den aufgeführten Lehensinhabern offenbar nicht zu, da Klagen über zu geringe Einkünfte erst nach Einziehung der Pfründe durch den Markgrafen im Jahre 1582 aktenkundig werden. Einzelheiten über die Besoldung der Roßtaler Pfarrer vor dieser Zeit sind nicht bekannt; jedenfalls waren unter den Pfarreien des Fürstentums Ansbach die von Roßtal und auch die in Lehrberg besonders einträglich und deshalb begehrt. Die schrittweise Einführung der Reformation in einem unruhigen Zeitabschnitt von 1528 bis zur Schaffung der neuen Kirchenordnung im Jahre 1533 ließ das Recht der Pfründeinhaber unangetastet. Das verwundert, da doch die Pfründehäufung auch ein Klagepunkt der reformatorischen Kräfte war.

In diesen Jahren der großen Veränderungen verfügte ein Dechant Jörg Ferber über die Einnahmen der Pfründe Roßtal. Ferber war im Jahre 1507 Dechant des Stiftes St. Gumbertus in Ansbach, bezog Einkünfte aus dem Stift in Feuchtwangen, ebenso von der Pfarrei Rohr und starb 1534 als Probst in Rebdorf (L 3). Nach seinem Ableben 1534 wurde das Roßtaler Pfarrlehen vom Kaiser dem Probst von St. Severin in Erfurt Theoderich von Rheda übertragen.

Es ist aus den hier einzusehenden Aktenauszügen nicht ersichtlich, wer nach dem Tode des in Roßtal im Jahre 1546 verstorbenen Pfarrers Johann Lazarus dem damaligen Lehensinhaber Theoderich von Rheda einen neuen Pfarrer vorschlug. Es scheint, daß mit dieser Stellenbesetzung der Markgraf selber sich befaßte, denn ein vom Amtmann und dem Kastner in Cadolzburg sowie vom Richter in Roßtal empfohlener Magister des Kapitels Langenzenn wurde nicht berücksichtigt. Die Pfarrei erhielt vielmehr im Februar 1547 der ehemalige Chorherr und spätere Stadtkaplan in Ansbach, Wolfgang Hofmann.

Mit dieser Wahl war der Pfründeinhaber Theoderich von Rheda offenbar einverstanden, denn am Laurentiustag des Jahres 1548 schloß Pfarrer Wolfgang Hofmann, wie schon sein Vorgänger auf der Roßtaler Pfarrstelle, mit dem katholischen Probst Theoderich von Rheda einen auf fünf Jahre lautenden Vertrag auf Nutzung der Pfründe ab. In der Vereinbarung mußte sich Hofmann verpflichten, u. a. kleine Bauschäden an den kirchlichen Gebäuden zu beseitigen, wogegen größere Schäden der Lehensherr nach erfolgter Anzeige zu beheben hatte.

Für die Überlassung der Pfründe sollte der Lehensherr alljährlich „95 Gulden rheinisch, gute probeläufige Münz, je 15 Batzen, 21 Zwölfer sächsische Groschen, davon jeder auf 12 alte Pfennig geschlagen ist, Pension Anfang cathedra petri, längstens nach der Frankforter Fastenmesse erhalten.“ (Anmerkung: Der Tag „Petri Stuhlfeier“ sollte an die Inthronisation des Apostelfürsten Petrus erinnern und wurde früher am 22. Februar feierlich begangen).

Im Jahre 1553 beließ der Probst von Rheda, der zwischenzeitlich auch als Scholastiker des Frauenstiftes von Mainz genannt wird, mit einem neuen Vertrag dem Roßtaler Pfarrer auf Lebenszeit die Pfründe unter den bekannten vereinbarten Bedingungen.

Mit den Einkünften aus der Pfarrei abzüglich des an den Pfründeinhaber zu zahlenden Betrages von rund 100 Gulden mußte der Pfarrer seinen Kaplan, wie der zweite Pfarrer auch noch nach der Reformation genannt wurde, aus seinen Einkünften besolden, ebenso den Schulmeister. Drei Jahre später, 1556, starb der Lehensherr Theoderich von Rheda. Pfarrer Hofmann, dem die Nutznießung der Roßtaler Pfründe ja auf Lebenszeit vertraglich zugesichert war, behielt diese. Allerdings bestimmte der Ansbacher Markgraf Georg Friedrich, daß er „fortan 80 Gulden an die fürstliche Kammer zu Ansbach, je 5 Gulden dem Kaplan und dem Schulmeister dahier als Zulage jährlich zu geben hat.“

Die übernommene Verpflichtung zur Besoldung seiner Kapläne muß Pfarrer Hofmann sichtlich schwergefallen sein, denn in seiner Amtszeit von 1547-1582 hielten es nicht weniger als elf Kapläne nur jeweils 1-2 Jahre bei ihm aus. Nur einer, der zwölfte, ein Jakob Sinz, war zehn Jahre unter Hofmann hier tätig und von ihm erfahren wir durch einen Klagebrief Näheres über seinen „Arbeitgeber“. So schreibt Sinz, daß er anläßlich einer Visitation am 7. Mai 1577 durch den markgräflichen Amtmann sich bei diesem über den Pfarrer Hofmann und den Schulmeister Jörg Beck beschwerte, die ihm beide schwer zusetzten (Beck wird in dem Schreiben als Gevatter des Pfarrers genannt).

Der Auslöser für die Klage war offensichtlich eine Diskussion über eine zu geringe, oder mehr noch ungerechte Besoldung, die beinahe in schweren Handgreiflichkeiten ausartete, so daß die Nachbarn mit Hellebarden erschienen. Er, so Kaplan Sinz, sein Weib und sein Kind „hätten Leibes Not und Schrecken ausgestanden, als der Schulmeister sein Waidmesser gezogen habe, um nach ihm zu werfen.“

Er schildert in der Klageschrift weiter, daß der Amtmann, den er um Hilfe bat, vom Pfarrer schon vorher falsch unterrichtet worden sei und diesem geglaubt hätte. Die Visitation endete damit, daß der Amtmann den Kaplan „... in des Büttels Stube  Tag in Eisen schließen ließ und nur auf Fürsprache etlicher Roßtaler Ratsherren sei er wieder frei geworden.“ Der Amtmann ließ ihn wissen, daß in den Fragen seiner Besoldung nicht das Consistorium in Ansbach, sondern einzig und allein der Pfarrer zuständig sei.

Leider erfahren wir aus der Akte nur die Meinung des Kaplans zu diesem Ereignis, der am Ende seiner „Klagschrift“, die 20 Seiten umfaßt haben soll, dringend um eine Untersuchung und um eine Versetzung bat. Er konnte nicht erwarten, mit einer Empfehlung verabschiedet zu werden. So ist aus einer Kurzbiographie der evang.-luth. Geistlichen des Fürstentums Brandenburg-Ansbach (L 2b) ersichtlich, daß Sinz, der in Wittenberg und Tübingen studierte, am 26. Juni 1577 in Roßtal „wegen zänkischen Wesens“ entlassen wurde.

Er war danach in Unterickelsheim und Obersulzbach als Pfarrer tätig und wurde im Dezember 1601 „wegen Trägheit“ aus dem Kirchendienst entfernt. Wurde aus ihm, dem sichtlich Ungerechtigkeit widerfuhr, ein Querulant, der sein Recht suchte und dabei seinen Dienst vernachlässigte?

Am 19. September 1582 starb, offenbar nach einem längeren Krankenlager, Pfarrer Hofmann. Damit war für den Markgrafen die sicherlich schon lange erwartete rechtliche Grundlage gegeben, daß die Pfründe eingezogen werden konnte. Der Pfarrwitwe, die weiter um den Bezug der Einnahmen für das nächste halbe Jahr bat, wurde vom Consistorium beschieden, daß ihr Mann „ihr ein schönes Vermögen hinterlassen habe, sie also nicht bedürftig sei.“

Mit dem Einzug der Pfründe erfahren wir erstmals Näheres über die bereits 1582 gekürzte Besoldung des Roßtaler Pfarrers (Q1a). So bezog der Inhaber der Pfarrstelle an Bargeld 125 Gulden im Jahr und darüber hinaus erhielt er umgerechnet rd. 35 Zentner Korn und 15 Zentner Hafer. Er verfügte außerdem über zwei Tagwerk „Wiesmahd“, vier Morgen Holz, einen Morgen Ackerland, hatte den Zehnt vom Herboldshof, bezog  Gulden von der Kapelle in Buttendorf und überdies noch etlichen „Kleinzehnt“. Für den Kaplan war eine entsprechend geringere Besoldung vorgesehen. Aus Aufzeichnungen ist zu erfahren, daß die meisten Landpfarrer zu dieser Zeit kaum über eine Summe von 80-100 Gulden verfügten (Ein Vergleich mit heutigem Geldwert ist kaum möglich. In Nürnberg erhielt um diese Zeit bei den Bauhandwerkern ein Meister 84 Pfennige, ein Geselle 60 Pfennige, ein Mörtelmacher 46 Pfennige und ein Handlanger 42 Pfennige während der Sommerzeit (L 4). Der fränkische Gulden galt damals 252 Pfennige).

Im Jahre 1583 wurden neue gravierende Festlegungen getroffen. Sie hatten zur Folge, daß sich niemand um diese ursprünglich gut besoldete Pfarrstelle Roßtal bewarb. Die Pfarrei blieb zwei Jahre unbesetzt. Erst nach verschiedenen Korrekturen und Zusagen, so den Bezug des Zehnt von Trettendorf und der Nutznießung eines Ackers beim Pfarrhaus übernahm am 24. September 1584 der von Ansbach kommende Kaplan Sebastian Schuler die Pfarrstelle. Er war der erste von Beginn seiner Amtszeit an nur dem markgräflichen Consistorium in Ansbach unterstellte evangelische Geistliche nach der Reformation. Vorher bestand die Kuriosität, daß die ersten drei evangelischen Geistlichen, Thomas Appel, Johann Lazarus und Wolfgang Hofmann, die seit Einführung der Reformation hier in Roßtal ab dem Jahre 1528 bis zum Tode des letzten Lehensinhabers, des Theoderich von Rheda im Jahre 1556 die Pfarrstelle besetzten, Pfarrverweser der katholischen Pfründeinhaber waren.

Quellen:

Archiv der Evang.-Luth. Pfarrei St. Laurentius, Roßtal:

(Q 1)Akte Nr. 90
(Q 1a)Akte Nr. 96

Literatur:

(L 1) Karl Hausberger/Benno Hubensteiner: „Bayerische Kirchengeschichte“, Süddeutscher Verlag, München 1987, S. 169
(L 1a)ebenda, S. 170
(L 2)Matthias Simon: „Ansbachisches Pfarrerbuch“, Verein für bay. Kirchengeschichte, Nürnberg 1556, S. 679
(L 2a)ebenda
(L 2b)ebenda, S. 470
(L 3)Dr. Karl Schornbaum: „Die erste Brandenburgische Kirchenvisitation 1528“, S. 31, Kaiser Verlag, München 1928
(L 4)Fritz Verdenhalven: „Alte Maße, Münzen und Gewichte aus dem deutschen Sprachgebiet“, Verlag Degener u. Co., Neustadt/Aisch 1968

Quelle: Alfred Steinheimer, Kirchliche Nachrichten der Pfarrei Roßtal, März 2000, S. 24 ff.