Robert Leyh

Der Roßtaler Galgen

Eine archäologische Untersuchung der ehemaligen Richtstätte

1. Standort

Marktgemeinde Roßtal, südöstlich, Mittelfranken, - Gemeindeteil Galgenhöhe, Grundstück 715/2, Einmessung Plan II. - Urkataster Roßtal 1826, Vermessungsamt Fürth/Bayern.

Noch heute erinnern Namen wie Galgenhöhe und Galgengraben an die alte Richtstätte von Roßtal. Sie liegt immer noch an der Peripherie des Ortes und ist vom oberen Marktplatz ca. 2,5 km entfernt.

Vettersche Landschaftsbeschreibung Gerichtssprengel Roßtal 1736

Abb. 1: Vettersche Landschaftsbeschreibung Gerichtssprengel Roßtal 1736.

Roßtaler Richtweg

Abb. 2: Roßtaler Richtweg.

Zum Roßtaler Richtplatz führt der sog. Roßtaler Richtweg, der nun wieder rekonstruiert werden konnte (siehe Abb. 2). Die topographische Lage der Richtstätte ist gut gewählt und von den Zufahrtsstrassen aus einsehbar; als sog. Gerichtssymbol der ehemaligen Stadt Roßtal soll dem Reisenden die Hals- und Blutgerichtsbarkeit bekundet werden. Die Roßtaler Richtstätte befindet sich oberhalb des Galgengrabens auf einer noch heute weit ins Land gehenden Anhöhe. Möglicherweise durfte sie schon vor 1328, dem Jahr, in dem Ludwig der Bayer Roßtal das Privileg der Halsgerichtsbarkeit ausstellte, als Stumpf- und Dingstätte gedient haben (Kreutzer). Anhand des Bodenverlaufs ist die Stelle des ehemaligen Roßtaler Rabensteins noch mit blossem Auge erkennbar, da er die Spitze eines sanft ansteigenden Hügels einnimmt. Luftarchäologische Aufnahmen – aufgenommen aus einer Höhe von ca. 300 Meter – bestätigen die Form des Rabensteins, der aus der Luft als kreisförmige dunkle Bodenverfärbung erkennbar ist. Mehr Licht in das Dunkel brachten aufgefundene Katasterpläne aus dem frühen 19. Jahrhundert, die exakte Messungen des Feldes 715/2 zuliessen. In den Katasterplänen wird die Position der Richtstätte mit einem Kreis angegeben, dem in Norden ein Längsrechteck vorgelagert ist (Abb. 2).

2. Form und Aussehen des Roßtaler Galgens

Der stratigraphischen Grabungsmethode zufolge besaß die Roßtaler Richtstätte eine rundgemauerte Basis, die einen Durchmesser von 7,40 Meter hatte. Nach dem Grundrissmaß des aufgefundenen Treppenfundamentes und mit daraus berechneten Steigungswinkel der Stufen konnte eine Höhe von ca. 1,40 Meter ermittelt werden. Der aus rohem Bruchsandstein gemauerte Fundamentgürtel besaß eine ungefähre Breite von 0,90 bis 1,00 Meter und eine Höhe von ca. 0,30 Meter. Als Füllmaterial des Zylinders dient ein Lehm-Sand-Gemisch, wie wir es auch in der näheren Umgebung des Grabungsareals vorfinden.

Mindelburg von Osten

Abb. 3: Mindelburg von Osten, Stich von Jeremias Wolff, Augsburg, Anfang 18. Jh. (Ausschnitt).

Der Roßtaler Galgen war ein Rabenstein in der Art, wie wir ihn in einem Stich von Jeremias Wolff »Über die Mindelburg von Osten« überliefert haben (Abb. 3). Zeitgenössische Berichte dokumentieren die doppelte „Funktion“ des Roßtaler Hochgerichts: als Schafott, als Enthauptungsbühne, wo auf dem „Roten Stuhl“ durch das Schwert gerichtet wurde; als dreischläfriges oder vierstempliges Galgengerüst für das Hängen mit dem Strick. Ob die Vertikalglieder nun gemauert oder aus rohen Holzbalken waren, konnte anhand der Bodenfunde nicht mehr ermittelt werden. Ebenfalls konnten keine Pfahllöcher festgestellt werden, da die ursprüngliche Höhe des Sandsteingürtels vermutlich im 19. Jahrhundert reduziert und als Baumaterial benutzt wurde.

3. Fund eines männlichen Delinquenten

Mit größter Sicherheit kann konstatiert werden, dass der Roßtaler Richtkreis eine Art „Begräbnisstätte“ für die Hingerichteten war. Mehrere Knochenfragmente (Zähne, Schienbeinknochen) befanden sich in einer geringen Tiefe von 0,40 Meter.

Im Zentrum des Rabensteins konnte in 0,60 Meter Tiefe ein fast vollständig erhaltenes männliches Skelett gefunden werden, das exakt die West-Ost-Achse des Kreises bildete. Akribisch genau hatte man den Lendenwirbelansatz (ZNS) als Mittelpunkt des gesamten Rabensteins gewählt. Torso und Beine dienten hierbei im Sinne von Zeigern einer Uhr, wobei der Richtkreis das Zifferblatt bildete.

Der Mann wurde enthauptet und nicht gehängt, da eine haarfeine Trennaht zwischen zwei Halswirbeln gefunden wurde. Im abgeschlagenen Halsrumpf steckten stark verkohlte Tonscherben, die auf eine nachträgliche „Behandlung“ schliessen lassen. Vermutlich hatte man das Tongefäß mit Öl oder Pech gefüllt, es in den Hals des Delinquenten gesteckt und es nachträglich angezündet. Ein ca. 7 cm langer handgeschmiedeter Nagel, eine Art Hufnagel, steckte im oberen Halsbereich des Mannes, ein weiterer im Lendenwirbelansatz, im besagten ZNS. Die Nägel lassen auf ein Schaubrett schließen, auf dem der Delinquent mit gekreuten Armen angebunden und angenagelt wurde. Fragmente von 4 cm dicken Holzstücken unterhalb der rechten Tibia bezeugen dies. Den Schädel nagelte man ihm zwischen seine Füße, man legte ihm sozusagen den Kopf zu Füßen. Der Nagel steckte unterhalb des linken Unterkiefers. Das Gesicht war nach Osten gedreht.

Lage und Stellung des Roßtaler Delinquenten stellen viele Fragen auf, da momentan keine ähnlichen Parallelen, Vergleiche zu ähnlichen Fällen bekannt sind.

  1. Stellt die exakte Koordinierung des Hingerichteten (West-Ost-Achse, ZNS-Mittelpunkt einen Bezug zur göttlichen Rechtslehre dar, der Kreis als Symbol Gottes, der sündige Mensch als Zentrum der göttlichen Gerechtigkeit?
  2. War mit dem Drehen des Gesichtes des Delinquenten nach Osten, in das Jenseits, ein letzter Gnadenakt gemeint?
  3. In einer Art Kreuzigung wurde der Roßtaler Delinquent dem Volk zur Schau gestellt. Welch große Vergehen musste sich dieser Mann schuldig gemacht haben, dass man solchen Aufwand mit ihm betrieb? Ein ähnlicher Fall ist in der gesamten Region nicht bekanntgeworden. Es gibt bisher keine Prozessakten über den Roßtaler Delinquenten, weder über Name, Herkunft und Straftat.

4. Anthropologische Untersuchung (stark gekürzte Zusammenfassung)

Wie die rauhen Muskelansätze am Angulus mandibulae, an der Kinnspitze und am Hinterhauptsbein beweisen, war der Roßtaler Delinquent ein Mann. Seine Körpergrösse ergibt sich aus den größten Längen der Extremitätenknochen bzw. ihrem Durchschnitt, hier ca. 1,60 Meter. Hierfür spricht auch die kleine Zahnbreite sowie der schmale Schaft der Clavicula. Wie der klein ausgebildete Processus mastoideus beiderseits zeigt, war der Mann sehr zierlich und nicht muskelkräftig gebaut. Das erreichte Lebensalter des Mannes ist mit MATURUS I zu bezeichnen, also um das 30. Lebensjahr, da seine Weisheitszähne schon ca. 10 Jahre beim Kauen beansprucht wurden und die persistierende Stirnnaht (Sutura frontalis) sowie alle Schädelnähte erste geringe Anzeichen des „Verstreichens“ zeigen. Die langen Extremitätenknochen sind einigermassen gut erhalten und mit Sicherheit bei der Tortur nicht gebrochen worden, also er wurde nicht gerädert. Der rechte Oberarmknochen ist 9 mm länger als der linke und weist einen größeren Schaftdurchmesser auf, so dass es sich hierbei um einen Rechtshänder handeln musste. Nach der guten Mineralisation seines Gebisses und seiner gerade gewachsenen Knochen sowie seiner Wirbelsäule zu schließen, entstammte er einer sozialen Schicht, die ihm ein gesundes Aufwachsen ermöglichte (Abb. 4). (freundl. Hinweise Frau Dr. Goetz).

Mindelburg von Osten

Abb. 4:
1) Nagel im Unterkiefer 2) intakte Extremitätenknochen 3) Nagel im ZNS
4) Nagel im Halsbereich, Tonscherben 5) Schaubrett

Archive:

Pfarrarchiv Roßtal. - Archiv Roßtal. - Vermessungsamt Fürth. - Stadtarchiv Fürth. -Stadtarchiv Nürnberg. - Staatsarchiv Nürnberg, Rep. 236/4. Landgericht alt. Ordnung Cadolzburg, Nr. 107, Richteramtsbeschreib. Roßtal 1779 v. Joh. Paul Wüstendürfer. -Staatsarchiv Nürnberg, Rep. 236/ 4. Landgericht alt. Ordnung Cadolzburg, Nr. 120, Richteramtsbeschreibung Roßtal 1736 von Rötter. - Staatsarchiv Nürnberg, Rep. 143, Urkunden Oberamt Cadolzburg.

Ausgewählte Literatur:

Amira, K. v.: Die germanischen Todesstrafen, München 1922.
Amira, K. v.:Rechtsarchäologie. Berlin 1943.
Carlen, L.: Rechtsstäbe im Wallis, in: L. Carlen, Forschungen zur Rechtsarchäologie und Rechtlichen Volkskunde I, Zürich 1978.
Fink, W.: Deutsche Rechtsdenkmäler mit besonderer Berücksichtigung Frankens, Erlangen 1938.
Helfer, Ch.: Formen und Funktionen des Galgenplatzes am unteren Mittelrhein. Bonner Geschichtsblätter, 18, 1964.
Kreutzer, H. und Düthorn, R.: Roßtal. Vergangenheit und Gegenwart, Roßtal 1978. Rohn, A., Heimatbuch Roßtal 1929.
Schild, W.: Alte Gerichtsbarkeit, München 1980. - Gerichtsordnung für das Markgrafentum Brandenburg-Onolzbach. Ansbach 1720.
Leyh, R.: Alte Gerichtsbarkeit - der Galgen von Roßtal. Ein Grabungsbericht. In: Roßtaler Heimatblätter. Heft 18. (II) 1988, S. 7-12.

Quelle:
Forschungen zur Rechtsarchäologie und Rechtlichen Volkskunde. Herausgegeben von Dr. Louis Carlen, Professor an der Universität Freiburg, Schulthess Juristische Medien (1991), Band 13