ZUM GELEIT

Obwohl der Markt Roßtal auf eine mehr als tausendjährige Geschichte zurückblicken kann, wurde im Gegensatz zu unseren Nachbargemeinden erst im Jahr 1979 ein Heimatverein gegründet. Oberstes Ziel dieser Bürgervereinigung ist die Pflege des Brauchtums, die Förderung des alten Kulturgutes, die Bindung an die Heimat und die Errichtung eines Heimatmuseums.

Aus den Verkaufszahlen unseres neu erschienenen Heimatbuches „Roßtal, Vergangenheit und Gegenwart“ geht hervor, daß das Interesse unserer Bürger an der Geschichte des Marktes sehr rege ist. Dieses Anteilnehmen und darüber hinaus die Tatsache, daß die Forschung jeden Tag neue Erkenntnisse an den Tag bringt, haben den Heimatverein bewogen, die Schrift „Roßtaler Heimatblätter“ herauszugeben. Das neue Heft wird in unregelmäßigen Zeitabständen, jedoch mindestens einmal jährlich für alle Vereinsmitglieder und Interessenten erscheinen. Die Verfasser werden sich bemühen, solche Erkenntnisse aus der Roßtaler Geschichte darzustellen, für die im neuen Heimatbuch nicht genügend Raum zur Verfügung stand oder die beim Erscheinen des Buches noch nicht bekannt waren. Zur Aufbewahrung der Blätter ist die Herausgabe einer Sammelmappe vorgesehen.

Der Heimatverein Roßtal e. V. dankt bereits jetzt den Mitarbeitern und allen Beziehern der Roßtaler Heimatblätter.

Roßtal, im Mai 1980
Karl Schubert, 1. Vorsitzender


Dietrich Koerber

150 Jahre erneuerte Kirche in Weitersdorf

Zur Weitersdorfer Kirchweihe 2. 9.1979

Am 2. September 1979 waren es 150 Jahre, daß die schon zum Abbruch verkaufte Kirche in Weitersdorf, nachdem sie von den Bewohnern des Ortes instandgesetzt worden war, wieder in Dienst genommen wurde.

Über die Anfänge des Kirchleins ist nichts bekannt. Man wird sie wohl mit dem Ministerialengeschlecht von Weitersdorf, das vom 13. bis zum 15. Jahrhundert nachzuweisen ist, in Verbindung bringen können. Daß die Kirche auch einmal einen Turm hatte, wissen nur noch wenige. Lange Zeit war der Kirchweihgottesdienst am ersten Sonntag im September die einzige Nutzung des Kirchleins. Die Klagen über den schlechten Zustand reißen nicht ab. Hierzu ein Bericht des markgräflichen Landbaudirektors Johann David Steingruber 1767. Nachdem er sich zuerst über den schlechten Zustand des Turmes geäußert hatte, der ein hölzernes Obergeschoß trug, schreibt er:

„… drittens noch untertänigst anzufügen, wie die bei obigem Turm befindliche Kirche an dem Dach ebenfalls sehr schadhaft, über dem ist an solcher dem Anschein nach seit vielen Jahren mit 20 Schuh der Länge nach erweitert, an dem neuen Bau aber ein sehr schlechter Grund gemachet worden, daher sich solcher gesetzt, daß das Gemäuer einen Sprung von 5 Zoll groß bekommen und hat dieses Kirchlein weiters kein Licht als an dem Ort, wo die Kantzel auf einem steinernen Altartisch steht, in welchem aber nicht einmal ein Fenster befindlich ist, also die Buben aus- und einsteigen und in der Kirche ihren Unfug treiben; auf gleicher Art hat zwar der Turm im Chor ebenfalls eine schmale Öffnung und abermals kein Fenster darinnen.
Zur Emporkirchen ist nur ein einziger Stand überzwerch eingerichtet, daher die Leute an der Kirchweih bei Besuchung des Gottesdienstes auf dem Boden die Bretter aufgehoben sich in das Loch setzen und die Füße herunterhängen und der Predigt zuhören; von ebenso schlechter Beschaffenheit sind auch die Weiberstände beschaffen und weilen der Chor offen und sonst für den Geistlichen weiters kein Platz vorhanden, so muß sich dieser unter dem Gesang auf ein Stück Holz setzen, überhaupt aber dieses ganze Gebäu mehr einer ruinösen Holzkammer als einer Kirchen inwendig gleichsieht …“

Nach Steingrubers Anweisung wurde ausweislich der Kirchenrechnung dann der Turm um das frühere hölzerne Geschoß verkürzt, wieder gerichtet, auch das Dach gedeckt und das große Fenster an der Südseite eingebrochen. 50 Jahre später hört man wieder die alten Klagen. Aus einem Bericht des zweiten Pfarrers an die königl. Stiftungsadministration Fürth in Nürnberg, 26. Mai 1819: „Die Kirche verfällt von Jahr zu Jahr immer mehr. Sie gleicht im Innern einer Brechhütte, die außer der Gebrauchszeit zu anderen unziemlichen Zwecken verwendet wird. Der Dachstuhl ist offen und dem Regen und Sturm ausgesetzt, die Bretter des Bodens zum Theil so schadhaft, daß man Gefahr läuft, herabzustürzen, kurz es ist ein Gebäude ohne Fenster, ohne Thüren, das mehr nur von außen das Ansehen einer Kirche hat...

da nun dieser bußwürdige und klägliche Zustand schon einige Jahre her nicht nur zu manchem Volksunfug Veranlassung gegeben, sondern auch die Gefahr immer zunimmt, und jedes für sein Leben besorgt sein muß, so ergeht an die K. Stiftungsadministration das dringende Gesuch sich gütigst zu verwenden, daß binnen 1/4 Jahr entweder die Hauptschäden ausgebessert oder ... diesem Gebäude eine andere passendere Bestimmung angewiesen werden möchte...“

Die passendere Bestimmung, zu der man sich entschieden hat, war der Verkauf des Kirchleins auf Abbruch an Johann Schuhmann in Weitersdorf. In diesen Jahren ist überall im Lande so ein Kapellensterben zu beobachten. Die sparsame Verwaltung will überflüssige Kosten vermeiden. Von Denkmalpflege war noch nicht die Rede!

Neun Jahre später waren es die Weitersdorfer doch leid, daß ihre Kirchweihe in der Roßtaler Kirche gefeiert werden mußte. Die Bürger des Ortes haben auf eigene Kosten die Kirche wieder instandgesetzt. An die Stelle des Turmes trat der heutige Chorraum mit den dünneren Mauern und den zwei großen Doppelpaßfenstern. Die Glocke nahm ein Dachreiter im Westen des Kirchleins auf. Am 6. Sept. 1829 konnte dann wieder in Weitersdorf Kirchweihe gefeiert werden. In der Kreiselmeierschen Wirtschaft versammelten sich die Gemeindeverwaltung des Distrikts und die Gemeindeglieder des Ortes. „In feierlichem Zuge verfügte sich hierauf um 9 Uhr die ganze Versammlung unter Vorantritt der Jugend des Ortes und auch mehrerer Schulkinder von Roßtal auf dem mit Blumen bestreuten Weg die Anhöhe hinauf in die ebenfalls mit Blumen und Birken geschmückte Kirche.“

Pläne

Alfred Steinheimer

Die Glocken der katholischen Kirche in Roßtal

Wohl die wenigsten werden beim Klang des Geläutes vom Turm der katholischen Pfarrkirche in Roßtal an die unheilvollen Jahre deutscher Vergangenheit erinnert. Es ist kaum bekannt, daß die Glocken dieser erst 1951 errichteten Kirche ein ehrwürdiges Alter besitzen und bis in die Jahre des Krieges 1939 bis 1945 hinein, weit ab unserer fränkischen Heimat, die Gläubigen schlesischer Ortschaften zu den Gottesdiensten riefen.

Welche Ereignisse und Umstände führten dazu, daß sie nun vom Turm der Christkönigskirche in Roßtal ihre ehernen Stimmen erklingen lassen?

Schon im Jahre 1940 wurde vom „Beauftragten für den Vierjahresplan“, Hermann Göring, mit der Beschlagnahme der Kirchenglocken begonnen, um für den Krieg Metallreserven zu sichern. Die konfiszierten Glocken wurden ihres Gehaltes an Kupfer und Zinn wegen verschrottet und eingeschmolzen. Sammelplatz für diese bis zum Kriegsende 1945 dauernde Aktion war hauptsächlich Hamburg.

Gewiß, zu allen Zeiten, so zum Beispiel auch während des ersten Weltkrieges, gingen in Kriegszeiten Glocken verloren, sei es mit dem Ziel, Geschützrohre zu gießen, die bis in das 19. Jahrhundert hinein aus Bronze bestanden, oder das Glockenmetall anderen technischen Verwendungszwecken zuzuführen. Unvergleichlich härter trafen die 1940 erlassenen Maßnahmen den Glockenbestand des Reichsgebietes, ja den der europäischen Länder, die durch diesen unseligen Krieg in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Trotz heftigen Widerstandes der Kirchen blieb nur ein geringer Prozentsatz, etwa 5 % des deutschen Glockenbestandes, unangetastet. Wie aus Aufzeichnungen hervorgeht, gingen rund 47000 Glocken des ehemaligen Reichsgebietes verloren. Aus den besetzten Gebieten in Belgien, Frankreich, Holland, Italien, Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn erlitten rund 33000 Glocken das gleiche Schicksal.

Das Ende des Krieges auf dem Lagerplatz in Hamburg überstanden an die 16000 Glocken, davon 14000 aus deutschen Gemeinden.

Es ist das Verdienst des Oberkirchenrates Prof. Dr. Mahrenholz, Hamburg, der 1947 einen Ausschuß für die Rückführung der Glocken gründete, so daß mancher Gemeinde die konfiszierten Glocken wieder zurückgegeben werden konnten. Die Arbeit der Identifizierung war oft recht schwierig.

Die Erfassung historisch wichtiger Glocken begann schon während der Auslagerung. In Karteikarten wurden Angaben über Größe, Gewicht, Gußjahr, Gießer, Heimatort, Schlagton usw. festgehalten, und von den verbliebenen 14000 deutschen Glocken fertigte man außerdem Lichtbilder. Diese Kartei, die zuletzt die Unterlagen von etwa 30000 Glocken umfaßte, wurde um Jahre 1966 dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg übergeben.

Von den rd. 14000 erhalten gebliebenen deutschen Glocken stammen etwa 1200 aus den ostdeutschen Gebieten. Ihre Rückführung war durch die politischen Entwicklungen nach 1945 nicht mehr möglich. Gleich den Bewohnern, die nach dem Kriegsende 1945 aus diesen ostdeutschen Gebieten vertrieben wurden, waren auch die Glocken heimatlos geworden.

Im Jahre 1951 wurden diese Glocken den Landeskirchen und den Diözesen angeboten. Die Überlassung an die bedürftigen Pfarrgemeinden sollte leihweise geschehen, wobei vor allem Pfarrgemeinden bedacht werden sollten, in denen Vertriebene eine neue Heimat gefunden hatten.

Etwa 500 Glocken beantragten und erhielten die evangelischen Landeskirchen und 700 die katholischen Diözesen. Zur Diözese Eichstätt kamen davon 26 durchwegs altehrwürdige Glocken, von denen im August 1952 die erst ein Jahr vorher errichtete Kirche in Roßtal vier erhielt. Die reiche Zuteilung von vier aus insgesamt 26 Glocken ergab sich rein zufällig, da keine der Glocken aus der Lage der Schlagtöne zu einem schon vorhandenen Geläute harmonierte. So erhielt nun die junge katholische Gemeinde Roßtal, deren Gründung erst durch die Ansiedlung vieler Heimatvertriebener möglich und notwendig wurde, ein vollständiges Geläute von Glocken aus Kirchen der alten deutschen Heimat.

Woher stammen nun die vier Glocken? Nachforschungen im Archiv des Pfarramtes führten zu einem Teilerfolg. Dort konnte das Manuskript einer Sendung des Bayerischen Rundfunks vom Dezember 1955 aufgefunden werden. In dieser Sendung mit dem Titel: „Ostdeutsche Glocken in Bayern“ wurde Roßtal erwähnt, und es wurden die Herkunftsorte der Glocken genannt. Rückfragen an die Heimatkartei der Schlesischen Landsmannschaft ergaben jedoch, daß mehrere gleichlautende Ortschaften in Schlesien bekannt sind. Erst über die schon genannte Glockenkartei des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg konnte schließlich Klarheit erreicht werden.

Glocken

Die älteste Glocke des Geläutes stammt aus dem 15. Jahrhundert und kommt aus dem niederschlesischen Ort Reichenau, Kreis Rothenburg. Sie wiegt 431 kg, hat eine Höhe von 99 cm und einen Durchmesser von 92 cm. Am oberen Umfang der Glocke, der Schulter, sind Verzierungen in Form von Medaillons, die Geburt Christi, Christi am Kreuz, Lamm Gottes, einen Adler und ein kleines Kreuz darstellend. Unterbrochen von den einzelnen kleinen Darstellungen steht die Inschrift: O rex glorie veni cum pace („O König der Herrlichkeit, komm mit Frieden“). Diese Anrufung ist auf Glocken häufiger anzutreffen.

Dem Alter nach folgt die im Jahre 1503 gegossene und aus der Kirche St. Michael in Schreibersdorf Kreis Neustadt/Oberschlesien stammende Glocke. Bei einer Höhe von 63 cm und einem Durchmesser von 63 cm beträgt ihr Gewicht 150 kg. Sie trägt am oberen Umfang die Inschrift (die Schreibweise wird unverändert wiedergegeben): o beatissima maria et sancte necolae orate pron 1503 ovist (O glückseligste Maria und heiliger Nikolaus bittet für uns).

Glocken

Mitteilsamer als die beiden erstgenannten Glocken ist die im Alter nächstfolgende. Sie kommt aus Schedlau, Kreis Falkenberg in Oberschlesien, und ist die schwerste Glocke des Roßtaler Geläutes. 477 kg wiegt sie, ist 91 cm hoch und hat einen Durchmesser von 91 cm. Auf der einen Hälfte der Flanke ist zu lesen.

„Im 1615 Jahr hat der edele gestraenge Herr Hans Puckler von Groditz auff Schedelau Mulwitz Gura und Cleuschnitz sambt seinem Ehegemahl der wohlgeborenen Frawen Helena geborene Sedelnitzkin von Choltitz diese Glocken zur neuen Kyrche giesse lassen iden Zentner pro 30 Thaler und wiget 8 Cent. 5 St.“

Auf der Gegenseite ist zu lesen:

„Der liebe Herr Gott steh uns bey wider alle Calvinisterey“

und weiter, etwas abgesetzt:

War damals Pfarrer Elias Schuberus von Breslau lacob Getz goss mich

Vom Turm der katholischen Kirche in Wahren, Kreis Wohlau/Niederschlesien, erklang einst die vierte und letzte der Glocken, die nun in Roßtal wieder ihre Stimme ertönen läßt.

Die Glocke ist 62 cm hoch und hat, bei einem Durchmesser von 62 cm, ein Gewicht von 178 kg. Ihr Mantel ist mit dem Bildnis eines Fürsten verziert, der ein Kruzifix und einen Palmzweig im Arm hält. Am oberen Umfang trägt sie die Inschrift:

„A 1709 d 17 Aug ist diese Glocke von Sebastian v Sigmund Götzen in Breslau umgegossen worden.“

Ein Hinweis darauf, warum dies geschah, fehlt. Es könnte ein kriegerischer Anlaß gewesen sein, der die Glocke durch Brand oder Sturz vom Turm beschädigte, aber auch eine durch den Gebrauch eingetretene Beschädigung, welche die Tonqualität veränderte und zum Umgießen zwang.

Im August 1952 wurden der Kirchengemeinde die Glocken angeboten. Nach Schaffung der technischen Voraussetzungen für die Aufhängung des Geläutes wurde an einem Oktobertag 1952 unter der regen Anteilnahme der katholischen Bürger des Marktes die Ankunft der Glocken feierlich begangen. Die Weihe nahm Pfarrer Zankl vor.

Glockenweihe

Über ein Vierteljahrhundert sind die Glocken nun der katholischen Pfarrei Roßtal anvertraut. So wie sie jahrhundertelang in Schlesien mit ihrem Klang ein öffentliches und feierliches Bekenntnis zum Christentum verkündeten, erschallen sie heute in unserer fränkischen Marktgemeinde, das Leben der Christen von der Wiege bis zum Grabe begleitend.

Literatur:

1„Frankenland“ Zeitschrift für fränkische Landeskunde und Kulturpflege Heft Nr. 3 1974
2H. Hupka: „Ostdeutsche Glocken in Bayern“ Manuskript des Bayer. Rundfunks vom 25.12.1955
3Glockenkartei des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg

Bildmaterial:

1Glockenkartei
2Pfarrarchiv der katholischen Pfarrei Roßtal