Festschrift zur Tausendjahrfeier

Roßtal im Mittelalter – 10. Jahrhundert

Die Schlacht um Roßtal am 17. Juni 954

In der Sachsengeschichte des Mönches Widukind von Corvei findet sich folgende Textstelle:

„Proxima nocte Liudolfus cum suis a rege discendens urbem Rainesburg cum exercitu intravit. Rex autem sequens filium urbem offendens quae dicitur Horsadal, obsedit eam. Facta autem pugna, dutius certamen circe murum nemo umquam viderat mortalium. Multi ibi ex utraque parte caesi, plures sauciati; noctis tenebrae prelium dirimere. Saucius ancipiti bello postera luce ducitur inde exercitus, diutius ibi non morari visum ad graviora tendentibus.“

In deutscher Übersetzung lautet diese etwa:

„In der nächsten Nacht verließ Liudolf mit den Seinigen den König und begab sich mit dem Heere nach Regensburg. Otto folgte seinem Sohn und da er auf eine Stadt namens Horsadal stieß, belagerte er sie. Hier kam es zur Schlacht, und einen härteren Kampf um die Mauern hatte wohl keiner der Sterblichen gesehen. Viele wurden auf beiden Seiten getötet, noch mehr verwundet, die Finsternis der Nacht trennte das Treffen. Mit schwerem Verlust durch den unentschiedenen Kampf wurde das Heer am nächsten Morgen weitergeführt; da man zu wichtigeren Dingen zog, schien es nicht ratsam, sich hier länger aufzuhalten.“

So tritt Roßtal mit diesem ereignisreichen 17. Juni 954 in das Licht der Geschichte. Allerdings hatte es damals schon eine längere Entwicklung hinter sich und war auf einem nie mehr erreichten Höhepunkt angelangt. Die historisch nicht belegte Überlieferung läßt es bereits ein Jahr später, bei der Einnahme durch die Ungarn, in Schutt und Asche sinken. Doch Orte haben, im Gegensatz zu ihren Bewohnern, die Möglichkeit, immer wieder aufzuerstehen. Die Ereignisse des 17. Juni 954 trugen einen etwas zweideutigen Charakter für unseren Ort. Als Parteigänger des Empörersohnes Liudolf, im kriegerischen Widerstand gegen den rechtmäßigen König, tritt Roßtal auf die geschichtliche Bühne und macht im Ganzen gesehen keine schlechte Figur dabei. Das Heer des mächtigen deutschen Königs Otto I. (ab 962 Kaiser) berannte den befestigten Ort einen Sommertag vergebens und konnte ihn trotz gewaltigster Anstrengung nicht überwältigen. Als das abgeschlagene Heer samt den Großen des Reichs in den südlichen Wäldern hinter der „Spitz“ den Blicken der Roßtaler entschwand, blickten ihm ingrimmig, doch zufrieden und erleichtert die Verteidiger von den unbezwungenen Wällen und Mauern nach.

Die Hintergründe jenes kriegerischen Ereignisses um Roßtals Mauern war ein Familienzwist im Herrscherhaus. Liudolf, der königliche Prinz aus erster Ehe und Herzog von Schwaben, fühlte sich durch die Politik seines Vaters, Otto I., nach dessen Wiederverheiratung benachteiligt und zettelte eine Verschwörung an. Ein Teil der immer zur Fehde bereiten Fürsten, darunter der Herzog von Bayern, schlossen sich ihm an und bald tobte ein ausgedehnter Krieg zwischen den Parteien, dem Lande großen Schaden zufügend. Die Ungarn, seit Jahren gefürchtete Reichsfeinde und jede Schwächung der deutschen Königsmacht ausnützend, brachen raubend und plündernd ins Reich ein und vergrößerten Not und Jammer. Der König lenkte nun ein, veranlaßte einen Waffenstillstand und berief einen Fürstentag nach Langenzenn. Die Fürsten sahen die Folgen der Zwietracht ein und versöhnten sich mit dem König, während Liudolf, weiter grollend, in die bayerische Hauptstadt Regensburg zog. Diesen Rückzug deckte die Festung Roßtal, welche den König tatsächlich einen ganzen Tag lang von der Verfolgung abhielt und kämpferisch sehr schwächte. Liudolf ergab sich in Regensburg erst nach längerer Belagerung. Die Aussöhnung war dann der Auftakt zum gemeinsamen Kampf gegen die Ungarn, deren Vernichtung am Laurenzitag des Jahres 955 auf dem Lechfeld gelang.

Ein begeisterter Anhänger Ottos I. war der sächsische Mönch Widukind, der im Kloster Corvei in Westfalen lebte. Mit schwärmerischem Eifer schrieb er die Geschichte seines Stammes und das Leben seines von ihm tief verehrten Königs, der ebenfalls Sachse von Geburt war, nieder. Er ließ sich laufend von seinen Kriegszügen berichten und erfuhr so auch, daß im weitentfernten Herzogtum Ostfranken ein befestigter Ort seinem König hatte widerstehen können. Nachdem wir wissen, daß der Empörer mit seiner Streitmacht schon vor dem Angriff auf Roßtal nach Regensburg gezogen war, ist anzunehmen, daß es sich bei den Verteidigern nur um die durch auswärtige Dienstmannen des Eigenherrn verstärkte Besatzung gehandelt haben dürfte. Daraus kann gefolgert werden, daß Roßtal 1. eine starke und intakte Befestigung besaß, 2. Raum für den Aufenthalt einer größeren Kampfgruppe bot und 3. einen entsprechend großen Ernährungsbezirk 28), für den es Zentrum und Verwaltungssitz war, zur Verfügung hatte, mußte doch in jener Zeit der Naturalwirtschaft jeder Bedarf an Nahrung, Kleidung, Gebrauchsgegenständen und Waffen an Ort und Stelle oder im nächsten Umkreis erzeugt werden.

Roßtals Niedergang

Nach dem Jahre 954 schweigen die schriftlichen Quellen über Roßtal nun wieder fast ein Jahrhundert. Dies läßt vermuten, daß der Festungsort seine Bedeutung verloren hatte. Eine solche Veränderung kann verschiedene Gründe gehabt haben. Oftmals wurden Herrschaftssitze beim Aussterben der Grundherrschaft oder bei ihrem Wegzug in neugerodete oder neuerworbene Gebiete dem Verfall preisgegeben. Auch waren die blutigen Fehden unter den Adeligen oder das strenge Strafgericht der Reichsacht, das der König über ungetreue Gefolgmannen verhängte, nicht selten die Ursache für den Niedergang eines Ortes. Besonders beim Vollzug der königlichen Ächtungsstrafe blieb meist kein Stein auf dem andern. Die Überlieferung der Sagenwelt nennt uns jedoch als Grund eine kriegerische Katastrophe, die schon 955 eingetreten sein soll. Sie findet sich häufig in der Literatur der älteren Zeit und lautet nach einem Bericht aus dem Jahre 1617 folgendermaßen 29):

„So helt man auch darfür, welches auch am glaublichsten, als die Statt von den Hungarn und Mazen (davon der Hunger- und Mazenberg seinen Namen bekommen) sei belagert worden, da hob ein Herzog aus Bayern dieselbe entsetzt, auch den Feind allbereit geschlagen, und als er die Victori (= Sieg) gesehen, sey er auff die Wahlstatt, die Erschlagenen zu sehen, geritten (welches ihm doch durch sein Gemahlin und anderer getreue Räth wiederraten worden), der darauf von einem unter den Toden und Verwundeten ligenden Hungarn, der seinen Bogen noch gespannt gehabt, mit einem Pfeil durch das Visier geschossen und also verwundet worden, daß er des Todes seyn müssen. Uff solches hette sich der Feind wieder an die Statt gemacht und dieselbe erobert. Der Herzog aber wäre, wo jetzt die Kirchen stehet, begraben worden; denn mitten in der Kirchen ist ein steinern Sarckh, darinnen soll dieser Herzog, wie die Grabschrift und die Contrafactur zu erkennen gibt, mit Nahmen Ernstens, Herzog in Bayern usw., begraben lieget. Welches vermutlich seyn kann, daß hernacher die Kirch dahin gestiftet und von den Innwohnern zu erbauen angefangen worden.“

Wenn wir dieser Ungarnsage einen wahren Kern zugestehen, so müssen wir ihr immer noch sehr vorsichtig nähertreten. Wir wissen, daß im Mittelalter die Legendenbildung äußerst lebhaft war und ein Ereignis, das von Mund zu Mund ging, rasch durch bildhafte Ausschmückung entstellt wurde. Die oben zitierte Darstellung der Ungarnüberlieferung trägt einen sehr legendenhaften Charakter. Ihre Glaubwürdigkeit wird noch dadurch entwertet, daß es eine gleiche wortgetreue Erzählung vom Tod des Herzogs Konrad gibt30), der auf dem Lechfeld 955 in der Ungarnschlacht fiel. Diese Sage kam im Laufe der Zeit nach Roßtal und hier brachte man das vorhandene Grab des Grafen Ernst mit dem Ungarnsturm in Verbindung. Auch die beiden Höhenrücken, die sich östlich und westlich des Ortes erstrecken, tragen Namen, die mit den Ungarn verknüpft sind (siehe auch Zitat). Das Kirchenpatrozinium St. Laurentius weist ebenfalls auf die Ungarn hin, da am Namenstage des Heiligen (10. August) jene Vernichtungsschlacht vor 1000 Jahren geschlagen wurde.