Festschrift zur Tausendjahrfeier

12. Jahrhundert

Roßtaler Ritter als Bamberger Vögte

Die Besitzungen Bambergs im Roßtaler Gebiet scheinen nicht unerheblich gewesen zu sein, da man einen Vogtsitz einrichtete.36) Weil der Geistlichkeit durch das Kirchenrecht verschiedene weltliche Tätigkeiten untersagt waren, gab der Bischof die sogenannte Vogteigewalt (d. i. die richterliche, polizeiliche und Verwaltungstätigkeit in einem bestimmten Gebiet) einem Adeligen zu Lehen. Diese erbliche Würde eines Bamberger Edelvogtes hatten bis zu ihrem Aussterben 1199 die Abenberger Rangaugrafen inne.

Dem Edelvogt unterstanden eine Reihe von Vogteien, darunter Roßtal (Rostal). Die Vögte waren Ministerialen (= Gefolgsmannen) des Grafen. Gelegentlich erfahren wir ihren Namen, wenn sie während einer Amtshandlung (Schenkung, Besitzübergabe) als Zeugen zugezogen waren. So ist uns eine Urkunde erhalten, in der 1108 ein Irmfrit von Rostal im Gefolge des Abenberger Grafen genannt wird.37) Seiner ritterlichen Eigenschaft entsprechend ist anzunehmen, daß er in Roßtal die Burg besaß. Doch wird sein Verweilen hier selten lange gewesen sein, befinden wir uns doch in der bewegten Zeit des Rittertums mit den häufigen Fehde- und Kriegszügen sowie den so verlustreichen Kreuzzügen. Die Burg Abenberg, zu deren Tafelfunde auch Irmfrit von Roßtal zu zählen ist, war ein weitberühmter Mittelpunkt höfischer Ritterkultur und wird von Wolfram von Eschenbach im Parsifalepos erwähnt. Ebenfalls in einer Bamberger Urkunde findet sich 1138 ein zweiter Träger des Geschlechts von Roßtal. In der ritterlichen Zeugenreihe, die sich um einen Burkhart von Hohburch schart, ist Karl von Rostal neben anderen mit seinem Nachbarn Gernot von Buttendorf genannt.38) Dem zeitlichen Abstand von 30 Jahren zufolge kann es sich um den Sohn Irmfrits handeln. Von diesen Roßtaler Rittern fehlen weitere Spuren. Vielleicht haben wir in jenem Grabstein noch einen Zeugen, den der Richter Rhau 1718 in der Kirche vorfand. Rhau sollte damals im Auftrag der markgräflichen Regierung in Ansbach nach dem Grab des Herzogs Ernst forschen, welches 100 Jahre früher bei dem Kirchenbrand vernichtet worden war. Wie er berichtet, konnte er nichts weiter entdecken als eine stark abgetretene Grabplatte im Kirchenboden, die ein schwer erkennbares Wappen trug. Dieses ähnelt nach Rhaus Beschreibung dem Buttendorfer Wappen, – es führt den gleichen Balken im Schild – nur ist das untere Feld „geschuppt“.39)

Ob das Vogteigebiet ein geschlossenes Territorium in der Rangaugrafschaft war oder sich nur auf streuweisen Bamberger Besitz beschränkte, ist nicht festzustellen. Im Zusammenhang mit den Thronstreitigkeiten zwischen dem gewählten König Lothar von Sachsen und dem Staufer Friedrich, der den Thron beanspruchte, hören wir einmal von Roßtal und den dort ansässigen Bamberger Beamten. 1128 war es zum offenen Kampf zwischen beiden Parteien gekommen und die Staufer bedrängten von der besetzt gehaltenen Reichsfeste Nürnberg aus das Land des königstreuen Bamberger Bischofs Otto I. Dieser befand sich gerade auf seiner zweiten Missionsreise in Pommern und erfuhr aus einem Brief seines zurückgelassenen Stellvertreters, Abt Wignand von Theres, die gefährlichen Vorgänge in der Heimat. Die Heere der Staufer waren mit Brand und Raub ins Land eingefallen, schleppten die Einkünfte weg und der jetzt auf der Empörerseite stehende Staufer Konrad, der spätere Kaiser Konrad III., nahm den Roßtaler Verwalter zweimal gefangen.

Im Jahre 1181 verpfändete der Graf von Abenberg verschiedene seiner erblich gewordenen Vogteien, darunter auch Roßtal, für eine große Geldsumme an Bamberg.40)

Siedlungspolitik durch Ritterburgen und Klostergründung

Das 12. Jahrhundert brachte einen neuen Höhepunkt der Siedlungspolitik, die durch eine verstärkte Erfassung des noch ungenutzten Königslandes in Erscheinung trat. Hierzu siedelten die Herrscher ihre Dienstmannen, Reichsministeriale genannt, in Burgen an, die die Herrschaftssitze für die neukultivierten Landstriche wurden.41)

Für Roßtal erlangte das in nächster Nähe ansässig gewordene Reichsministerialengeschlecht der Herren von Buttendorf Bedeutung, da es hier vom Kaiser Land zugewiesen bekam und schließlich 8 Güter als Reichslehen besaß. Diese wurden nach dem Aussterben der Buttendorfer von dem aus ihnen hervorgegangenen Zweig der Herren von Leonrod übernommen, welche die Reichslehen bis zur Liquidierung im vorigen Jahrhundert inne hatten.

Während so in unserem Gebiet die Stärkung der Reichsinteressen durch, die Erfassung von Königsgut über die Ministerialen erfolgte, versuchte auch die geistliche Macht, ihre Position zu festigen und den Kirchenbesitz zu vergrößern. Der tatkräftige Pommernapostel Bischof Otto I. von Bamberg war nicht nur ein eifriger Missionar in den fernen Küstenländern der Ostsee, sondern auch ein geschickter Politiker im Machtgefüge seiner fränkischen Heimat. Mit Hilfe des Rodungsordens der Zisterziensermönche ließ er ungenutztes Land erschließen und diente damit sowohl dem Reichsganzen als auch dem Interesse der Kirche. 1132 wählte er in unserer Nähe Heilsbronn (Halesbrunnen, Haholdsbrunnen = Brunnen des Hahold) zur Gründung eines Klosters aus. Vom hohen Adel begünstigt und von den Reichsministerialen der Umgebung als geistliches Zentrum verehrt und beschenkt, reichten die Besitzungen des Klosters von Wassertrüdingen bis Würzburg. Viele Anwesen und ganze Ortschaften unserer Nachbarschaft gehörten ebenfalls dazu.42) Dabei erscheint es überaus merkwürdig, daß zwischen Roßtal und dem nahen Kloster Heilsbronn nahezu keine Beziehungen bestanden und es auch keinen Einfluß irgendwelcher Art in Roßtal erlangte. Ob dies auf eine starke, der Klostergründung nicht freundlich gesinnte grundherrschaftliche Macht in unserem Raum zurückzuführen ist, wissen wir nicht. Vielleicht spielte die anfängliche Abneigung des Abenberger Grafen gegen Bischof Ottos Werk eine gewisse Rolle. Die Herren von Roßtal waren um jene Zeit die Gefolgsmannen des Grafen, der in Abenberg selbst ein Eigenkloster gegründet hatte, das erst in der nächsten Generation an Heilsbronn übergeben wurde.