Festschrift zur Tausendjahrfeier

Aus dem 17. Jahrhundert

Die feuchtfröhliche Ratswahl vom 12. Mai 1626

Roßtal blühte auf. Die Wohlhabenheit der Bürger hatte große Fortschritte gemacht und in den Händen mancher Familien waren mehrere Anwesen vereinigt, die sie von Beständnern bewirtschaften ließen. Die öden Güter, die bis in das vorangegangene Jahrhundert noch Zeugen des allgemeinen wirtschaftlichen Niedergangs im Spätmittelalter gewesen sind, der den Pestzeiten im 14. und 15. Jahrhundert folgte, waren aufgefüllt und die Gemeinde hatte um 1612 schon zwei neue Häuslein auf Gemeindegrund errichten lassen (heutige Hausnummern 77 und 78).

Eine Episode aus dem Jahre 1626 soll den sorglosen und großzügigen Geist der damaligen Roßtaler lebendig machen. Der Dreißigjährige Krieg stand schon in seinem achten Jahre. Aber hier nannte man ihn noch den Böhmischen Krieg und niemand sah seine verderbenbringende Ausweitung über das ganze Land voraus. In jenen Maitagen ahnten auch die zu Roßtal Versammelten noch nichts von dem schrecklichen Schicksal, das sechs Jahre später über sie hereinbrach.

Es war wieder an der Zeit, eine „Ratsveränderung“ vorzunehmen, d. h. den Gerichtsbürgermeister und die Ratsherrn (Ratsverwandte genannt) neu aufzustellen. Diese waren dem Richter als die Vertreter der Einwohner von Roßtal und Umgebung bei seiner Verwaltungstätigkeit, die er gleichzeitig mit der richterlichen Tätigkeit ausübte, beigegeben. Ihre Einsetzung war ein allgemeines Fest, dem alle hohen Persönlichkeiten beiwohnten. Es muß angefügt werden, daß mit diesem Gerichtsbürgermeister der Gemeinbürgermeister, den die Bauern aus ihren Reihen alle Jahre wählten, nichts zu tun hatte. Der „Gemein“bürgermeister war für die genossenschaftliche Benutzung des Gemeindegrundes zuständig, war verantwortlich für die Einhaltung ihrer Ordnung und hatte die Hirtenrechnung zu erstellen. Es handelte sich dabei nur um die Anteilberechtigten am Gemeindeland, die sogenannten Rechtler. Den heutigen Begriff der politischen Gemeinde gibt es erst seit 1816 und ist mit der vormaligen Gemein (bäuerliche Genossenschaft) nicht zu verwechseln.

Am 2. Mai 1626 hatte der Cadolzburger Oberamtsbote eine Mitteilung des markgräflichen Kastners (oberster Beamter beim Kastenamt Cadolzburg, dem das Richteramt Roßtal angegliedert war) an den „ehrenfesten und wohlachtbaren“ Herrn Richter Kieser zu Roßtal überbracht. Der Kastner schreibt, daß er gedenke, am Freitag, den 12. Mai, die „Ratsveränderung, neben Ablegung der drei Jahre angestandenen Rechnungen“ abzuhalten. Der Richter hatte nun alle Hände voll zu tun; der Amtsknecht mußte in und um Roßtal die Einladungen besorgen. Er selbst traf in seinem Haus (Krameranwesen, heutige Hausnummern 96–97, beim jetzigen Schulhaus) die Pestvorbereitungen und sorgte für Essen und Trinken.

Am 12. Mai kam aus Cadolzburg der Kastner an. Wohl aus früherer guter Erinnerung hatte er gleich die halbe Verwandtschaft mitgebracht. Neben seiner Frau war sein Schwager und dessen Frau und seine alte Mutter mitgekommen. Auch die Roßtaler Honoratioren waren erschienen; der kurfürstlich-brandenburgische Hofmedikus und Roßtaler Schloßbesitzer Dr. Ayrer mit Frau und Tochter, die Pfarrfamilien usw. Durch die damaligen bunten und vielgestaltigen Trachten, von denen jede einzelne die Stellung und Vermögen ihres Trägers ausdrückte, bekam die Festtafel ein malerisches Bild. Vom frühen Morgen bis abends 9 Uhr blieb man beisammen. Am anderen Tag war mit dem gewählten Rat nochmals eine kleine interne Roßtaler Nachfeier.

Über die Durchführung der Amtshandlung und der Vereidigung des neuen Rates ist uns leider nichts erhalten. Diese ging wohl so glatt vor sich, wie die früher erfolgten Ratsbesetzungen. Doch die Zusammenstellung der Kostenrechnung bereitete den Beteiligten einiges Kopfzerbrechen. Als der Richter abrechnete, waren von den über 123 Gulden mehr als 38 Gulden ungedeckt, obwohl wie üblich die umliegenden Ortschaften und die Kirchenkasse zu den Kosten beitragen mußte. Der Kastner schien ebenfalls bestürzt gewesen zu sein, als er die Unkostenaufstellung (Zehrung genannt) zu Gesicht bekam. Diese lautete:

„Zehrung bei der Ratsveränderung Anno 1626.
10 Gldn.  3 Ort  26 Pfg. für Brot,
62 Gldn. - Ort - Pfg. für 320 Maß Wein, jede zu 3 Batzen,
5 Gldn. Ort 6 Pfg. für Bier, die Maß zu 3 Kreuzer,
33 Gldn. - Ort - Pfg. für das Essen,
  1 Ort - Pfg. nach alten Gebrauchen der Küche,
1 Gldn. 1 Ort 6 Pfg. für Habern und Heu,
8 Gldn. 2 Ort - Pfg. des andern Tags bei gehaltener Abrechnung.
123 Gldn. 0rt 8 Pfg.

Um diese Abrechnung zu verstehen, müssen wir kurz auf die Geldverhältnisse jener Zeit eingehen. Als Vergleich für den Wert der obigen Summe seien einige Preise genannt. Ein Übergabevertrag in den Richteramtsakten aus dem Jahre 1631 bewertet die Eigentumsstücke u. a. wie folgt: 5 Kühe = 40 Gulden, 2 Ochsen = 16 Gulden, 2 Jährlinge = 12 Gulden, 5 heurige Kälber = 12 Gulden, 2 Pferde = 75 Gulden, 2 Schweinsmutter = 6 Gulden, 2 zugerichtete Wagen = 24 Gulden. Ähnliche Durchschnittspreise ermittelt auch J. Bog, der die bäuerliche Wirtschaft des Heilsbronner Gebietes im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges sehr genau bearbeitet hat. „1629 zahlte man für ein Rind 8 Gulden, für eine Kuh 11 Gulden, für ein großes Schwein 5  Gulden.“ Für Pferde und Ochsen aber sind dort bedeutend höhere Preise genannt, die ja in der Kriegszeit einer erhöhten Nachfrage unterworfen waren. Die Handwerkerlöhne waren im Vergleich zum Getreidepreis, der für einen Zentner Korn bei 1–1  Gulden lag (1 Simmra, rund 5 Zentner, zu 6 Gulden, später 10 Gulden), bescheiden zu nennen. Während der Meister für einen Gulden zwei Sommertage (à 12–14 Stunden) arbeiten mußte, erhielt der Geselle einen Gulden erst nach vier Tagen, und der Handlanger und Holzfäller nach 7 Tagen harter Arbeit. Wenn man den heutigen Kornpreis mit rd. 15 DM annimmt, so war dies seinerzeit ein sehr geringer Wochenlohn, der wertmäßig heute schon an einem Arbeitstag mit 9 Stunden vom ungelernten Arbeiter erreicht wird. Doch waren die Bedürfnisse des Alltags damals unvergleichlich geringer und man konnte für einen Gulden doch 20 Maß Bier erhalten, wobei die Maßkandeln etwas größer waren, als heute die Maßkrüge. Soweit vom Geldwert, nun noch kurz zum Währungssystem. Als amtliche Währung war der rheinis che Gulden gebräuchlich. Durch Verschmelzung mit früheren Pfundwährungen ergaben sich folgende Unterteilungen:

1 Gulden = 4 Ort (Pfund) = 15 Batzen = 60 Kreuzer = 240 Pfg.
  1 Ort (Pfund) =   15 Kreuzer = 30 Pfg.
    1 Batzen = 4 Kreuzer = 16 Pfg.
      1 Kreuzer = 4 Pfg.


Daneben gab es noch andere Systeme, z. B. den fränkischen Gulden zu 252 Pfg. oder den bayerischen zu 210 Pfennig, die dazugehörigen Kreuzer hatten dann 4  bzw. 3  Pfennige usw. Noch komplizierter waren die Münzen der verschiedenen Städtchen und Ländchen, da man das Geld häufig mit zu geringem Gold- oder Silberwert prägte. Der „Schlagschatz“, wie man den dadurch erhaltenen Gewinn nannte, wurde oft unverantwortlich vergrößert. Daher erhielt die Münze in der Nachbarschaft oder im Nachbarland nur einen Teil des Wertes, wie den, den sie bezeichnete und dem Betrug stand Tür und Tor offen.

Im Laufe des Bestehens der Guldenwährung ergab sich eine ständige Wertverschlechterung, so daß die Kaufkraft des Guldens um 1876 nurmehr 1/15 derjenigen des Jahres 1450 war. Die Mark, welche seit 1876 eingeführt ist, hat ja in der viel kürzeren Zeit gleichfalls Abwertungen erlebt, die jeden von uns sehr spürbar trafen. Die Abgleitung des Guldens war hingegen für die meisten Generationen kaum merklich, da sie sich auf einen langen Zeitraum erstreckte. Ungleich belastender aber war für den einfachen Mann die große Zahl der umlaufenden Münzen, unter denen sich viel wertloses oder geringes Geld befand, das man „Bösgelt“ nannte. Der Ansbacher Landesherr gab von Zeit zu Zeit umfangreiche Listen heraus, in denen jedes Geldstück aufgezeichnet und beschrieben war. Diese Listen konnte man beim Richter einsehen. Auf einem solchen Plakat waren z. B. unter den gültigen Geldstücken allein 20 verschiedene Guldenstücke und über 80 Silbermünzen verzeichnet, die bei uns Kurswert hatten. Daneben existierte eine große Anzahl ungültiger Münzen.

Wenn wir jetzt zu der Rechnung zurückkehren, wird uns der Unmut des Kastners in Cadolzburg klar. Denn eine solche Zeche, die den Wert von zehn Kühen oder zwei Jahreslöhnen eines Handlangers übersteigt, hatte er nicht erwartet. Er mußte sich schließlich auch vor seinem Amtmann, den Herrn Grafen, wie er ihn nennt, verantworten. So fordert er von dem Richter eine Aufstellung aller Anwesenden. Sie lautet:

„Verzeichnis der Personen“
Herr Castner Jungfrau Agathe (Ayrer)
Herr Vogt Frau Castnerin geschwester
Herr Ayrer Frau Pfarrerin
Herr Castners Schwager Frau Caplänin
Herr Pfarrer Frau Gerichtsschreiberin
Herr Caplan Herr Gerichtsschreiber
Herr Breitmann Der Duchscherer
Leonhard Lößlein Müller zu Neuses
neuer Bürgermeister Hans List
Friedrich Hofmann Friedrich List zu Weinzierl
Hans Hofmann zu Weinzierl   Hans Oft
Herrn Castners Frau Mutter Michel Amman zu Brunn
Frau Castnerin Hans Hallmeyer
Frau Vogtin Rötzenbacher
Frau Ayrerin Hans Ramoldt
  Conz Pezoldt
Lienhart Froschmann, alter Bürgermeister in der Gemein
Hannß Schadmann, neuer Bürgermeister in der Gemein
Com Niedermann, Umgelder hier
Conz Winkler, Umgelder zu Weismanndorf
Valentin Wagentruz, Heiligenpfleger (Kirchenvorstand)
Hans Büchler, Umgelder zu Prünst

In den unteren Stuben:
Herrn Castners Kutscher
Beylauffer (= Begleiter)
der Wölffer
der Schwarz
Stefan Behringer
Com Pezoldt, der Alte
Ein Krämer, so Hüt zu verkaufen feilgehabt
Hans Pauer, Metzger, „so in die Kuchl zu bereithen mußte“
Richter und sein Weib
Gerichtsknecht und sein Weib und (Der Aufsteller fügt sich bescheiden am Schlusse an) „ohne die sonst im Haus mit einem oder anderen aufgewirtet und sonst abgegangen, die ihrigen besucht und letztlich jemand heimgeführt“ (!)

Des anderen Tages:
Müller (Lhd. Lößlein) neuer Bürgermeister und sein Weib
Alter Bürgermeister im Rat und sein Weib
Beide Gemeinbürgermeister und ihre Weiber
Gerichtsschreiber und seine Hausfrau
Hans List und sein Weib
Müller Jörg Gastner zu Neuses
Richter und sein Weib
Gerichtsknecht und sein Weib

Die Angelegenheit wird jetzt geradezu dramatisch, als der Kästner nachrechnet und feststellen muß:

„Nun finden wir, daß es eine recht unverantwortliche Zehrung ist, anmaßen jeder, sowohl Mann- wie Weibsperson 9 Maß Wein und 3 Maß Bier, so in einer Summe 12 Maß, daher es unmöglich zu sein scheint.“

Nun möchte er auch das soziale Gewissen etwas beruhigen, wenn er weiterfährt:

„Damit aber nicht bei dem gemeinen Mann, es das Ansehen gewinne, als sollten unsere Weiber bei solchen Unkosten die meiste Ursach, wie allbereits verlauten wolle, gewesen sein. Also ich möchte begehrn, ihr wollt was jede Person von unseren Gästen, es sind 8 gewesen, verzehrt und uns zu wissen tun, wollen wir solches gern aus unserem Beutel bezahlen und nicht sonsten Anlaß geben, als daß man bei einem genadigen Herrn Grafen alles das zu referieren könne.“

In der Zwischenzeit hatte die Angelegenheit im Umkreis schon ziemlich Staub aufgewirbelt und in der Bürgerschaft hielt man mit der Kritik nicht zurück, besonders über die Verwandtschaft des Kastners. Die Prünster klagen, „daß der Müller als Bürgermeister zwar nichts aus seinem Säckel will herleihen, sondern alles vom Amt (Richteramt) will“. Auch der Kirchenvorstand (Heiligenpfleger) wendet sich wegen seines Anteils an den Kastner.

Der Richter seinerseits ist inzwischen zu einer Beschwichtigungspolitik übergegangen. Er führt wohl als Wahrheitsbeweis seiner Aufstellung an, daß er in seinem Keller nochmals genau nachgesehen hat und dort nur noch wenige Eimer Wein (der Eimer zählte 66 Maß) vorhanden sind, obwohl er vor der Ratsveränderung über 9 Eimer (fast 600 Maß) hatte. Dann aber widerspricht er der Rechnung, daß jeder 9 Maß Wein und 3 Maß Bier getrunken hatte, „und haben auch 180 Maß Wein gefunden, so stehend ausgetrunken sind, welches sich bis in die Nacht hinein“ hinzog. Man war also sehr freigebig aufgelegt gewesen und hatte, als die Gäste schon aufgebrochen waren, noch „Stehmaßen“ verteilt. Auch sind die nicht gerechnet, welche sich am Tage „gar wohl voll gefrisset und getrunken“ haben, wie der Richter schreibt. Daraus ergibt sich, daß bei dem Festtrunk wohl kein Roßtaler leer ausgegangen war, bestand doch der Ort nur aus fünfzig Anwesen.

Nahezu ein halbes Jahr dauerte der „Papierkrieg“ über die Angelegenheit, dann hatten sich die Wellen wieder geglättet. Doch uns blickt aus den erregten Federzügen der längst zu Staub gewordenen Personen ein Zeitbild entgegen, das vor 3  Jahrhunderten lebendige Wirklichkeit war und damals als ein Fest bei den Roßtalern zuerst gespannte Erwartung, dann genußfrohe Stunden und schließlich allzu menschliche Kritik hervorgerufen hatte und eine ganze Weile zum Gesprächsstoff einer untergegangenen Generation geworden war.