Festschrift zur Tausendjahrfeier

Aus dem 19. Jahrhundert

Roßtaler Denkschrift im Revolutionsjahr 1848

Nach den zwanzig unruhigen und kriegerischen Jahren, die der französischen Revolution folgten und in den Napoleonischen Kriegszügen ihren Höhepunkt erreichten, folgte die Zeit der Restauration, in der die alten Kräfte wieder das Volk beherrschten und jede politische Regung unterdrückten. Im Revolutionsjahr 1848 verschaffte sich die Freiheitsidee gewaltsam Durchbruch. Daß der Gedanke einer Mitverantwortung an der Gestaltung des politischen Lebens sogar auf dem Lande rege war, beweist die spontan eingereichte Denkschrift des Roßtaler Vorstehers Steigmann und seiner umliegenden Kollegen mit ihren Beigeordneten. Ihre Sorgen, die sie an die Regierung herantrugen, sind, soweit sie auf alten Zuständen (grundherrschaftliche Willkür) fußten, heute überwunden, doch die indirekten Steuern sind heute eher gewachsen. Interessant ist auch der Tadel an den bürokratischen Unzulänglichkeiten jener Zeit. Die Eingabe lautet in Abschrift:

Roßtall, den 6. April 1848.
Unterthänigste gehorsamste Beschwerdeschrift
der Gemeinde Roßtall und Consorten.

Königliche Regierung von Mittelfranken, Kammer des Innern!

Eine große weltgeschichtliche Tatsache hat die Herzen der Bayern ihrem angestammten Fürstenhause zugeführt, beide erkennen ihre Kraft in treuer Anhänglichkeit und fester Einigung. Nichts soll eine Trennung zwischen dem Fürsten und seinem Volke bewirken; aber auch nur die reine Wahrheit soll die Grundlage ihres gemeinsamen Strebens zu dem großen Ziele wahren Volksglückes sein. Daher ergreifen die unterthänigst Unterzeichneten die dargebotene Gelegenheit ihre Beschwerden über drückende Lasten vorzutragen und um gesetzlich, dauernde Abhilfe zu bitten.

  1. Eine Beschränkung der indirekten Steuern, die den direkten beinahe gleich kommen, ja in manchen Jahren sie übersteigen ist höchst geboten.
  2. Herscht große Willkühr und offenbare Ungerechtigkeit bei Güterübernahme adeliger Lehen. Denn es kommen Fälle vor, wo die Taxe der verpflichteten Taxatoren verworfen und vom Gerichtshalter oder adeligen Lehenherrn willkührlich, erhöhte Summen verhandlohnt werden müssen. An Abhilfe war nicht zu denken, da nur der Weg durch Rechtsanwälte offen stand und langwierige kostenreiche Prozesse in Aussicht standen.
  3. Die Forstfrevel wurden und werden auf unglaublich harte Weise bestraft. Ein Rekurs (= Einspruch) dagegen stand nur durch Rechtsanwälte offen, die der Ärmere nicht bezahlen kann und der Wohlhabendere nicht die Kosten mehren wollte. Eine solche Härte und Rechtserschwerung erfüllt mit tiefen Unmuthe gegen Forstbediente und Gerichtsbehörden.
  4. Ist es keine geringe Belästigung, daß wir in Privat- und öffentlichen Angelegenheiten öfter als einmal vor Gericht erscheinen müssen, um angehört zu werden, nicht zu gedenken daß wir von Unterpersonale oft auf wegwerfende, beleidigende Art behandelt werden.
  5. Wir erkennen die wohlthätige Fürsorge des Staates durch Thierärzte über Hunde und Zuchtstiere zu halten. Allein in der Regel wollen diese Leute nur möglichst viel Geld an einem Tage verdienen. Die Visitation geschieht im Flug, sodaß mancher Thierarzt an einem Tage 8–9 Gulden erhebt. Es wäre zweckmäßiger, wenn die Aufsicht über Zuchtstiere den Gemeinden selbst überlassen bliebe. Jeder Viehzüchter und Landbauer, ist doch wohl selbst bedacht, schönes und kräftiges Vieh zu erziehen und in jeder Gemeinde findet sich doch ein Sachverständiger, der hierüber, sowie über Tüchtigkeit, Gesundheit und Krankheit seines Viehstandes ein gültiges Urtheil fällen kann. In der Schweiz, Holland und England, wo die edelsten Rassen sich befinden, zieht man soviel wir wissen, keine Thierärzte zu Rathe. Gleiches gilt von der Pferdezucht. Die Hundevisitationssteuer, die für einen Hund bis auf 36 Kreuzer stieg ist eine Ungerechtigkeit. Soll die Visitation fortbestehen, so ist für den Hund 6 Kreuzer eine hinreichende Vergütung.
  6. Die Erhaltung der Vicinalwege soll durch Kreisumlage nicht durch die betroffenen Gemeinden, wo der Einzelne einen Kostenaufwand von 10–12 Gulden zu machen hat, bestritten werden.
  7. Müssen wir einer erschwerenden Strafe gedenken, die einen Bauern traf, welcher an seinem Wagen drei mit normalmäßiger Breite der Radfelgen versehene Räder hatte, das vierte ermangelte derselben. Dafür wurde er in eine Strafe von 15 Gulden verurtheilt ohne die Gerichtskosten. Wir legen unsere Beschwerde auf gesetzlichem Wege Einer königlichen Regierung hiermit zur Erkenntnis und Abhilfe in aller Unterthänigkeit, Treue und Ergebenheit vor und verharren in tiefstem Respekte.
Einer königlichen Regierung
Kammer des Innern
unterthänigst – treugehorsamste Gemeinden
Marktgemeindeverwaltung Roßtall: gez. Steigmann, Gem. Vorsteher; Stengel, Helmreich, Nüchterlein, Winkler, Kuch, Zucker.
Distrikt Gutzberg: Kugler, Vorsteher; Schwab, Schopper, Zechel.
Distrikt Großweismannsdorf: Hiltner, Vorsteher; Sand, Enderes, Sitzmann.
Distrikt Weinzierlein: Burk, Vorsteher; Bierlein, Eberlein, Dollhammer.
Distrikt Weitersdorf: Jordan, Schuhmann, List, Weber.