Festschrift zur Tausendjahrfeier

Roßtals Frühgeschichte bis 954

Bis zur ersten Erwähnung im Jahre 954 hatte Roßtal schon eine lange Vergangenheit hinter sich. Im mittelfränkischen Raum war durch die Rodungsarbeit ein großer Teil der heutigen Orte bereits entstanden. Ihr Ursprung ist uns nicht überliefert und die erste Erwähnung findet sich meist erst viele Generationen später in Urkunden oder erscheint gelegentlich mit sonstigen Ereignissen verknüpft. Mit diesem zufälligen, zeitlich oft gewaltig verspäteten Auftauchen, gibt sich aber die wissenschaftliche Forschung nicht zufrieden. Sie arbeitet unermüdlich daran, das Geschichtsbild, dessen große Linien durch hochpolitische Ereignisse umrissen sind, auch im Detail für den engeren Raum zu erschließen. Wenn auch viele schriftliche Quellen im Sturm der Zeiten untergegangen sind, so lassen sich oft die weiten Lücken der lokalen Überlieferungen auf indirektem Wege überbrücken. Spezialforschungsgebiete über die Territorienbildung, Kolonisation und Missionierung des Umlandes, dazu die Erforschung der Grundherrschaften, der gerichts- und kirchenherrlichen Verhältnisse, nicht zuletzt aber die Altstraßen-, Flur- und Ortsnamenforschung sowie Häuser- und Siedlungsgeschichte schaffen dazu die Grundlagen und geben Anhaltspunkte für die Ortsgeschichte. Auch die Sagen verbergen unter ihren phantasievollen, volkstümlichen Ausschmückungen oft bedeutende lokalgeschichtliche Tatsachen, wie wir dies auch für Roßtal erfahren werden.

Die folgenden Abschnitte bringen eine kurze Zusammenfassung der frühgeschichtlichen Probleme, soweit davon unser Raum berührt wird.

Vorfränkische Zeit

In der Römerzeit lag der fränkische Raum im Vorfeld des gewaltigen Reiches, dessen Limes (heute im Volksmund Teufelsmauer genannt) bei Weißenburg und Gunzenhausen durch das heutige Mittelfranken verlief. Nach dem Zusammenbruch der römischen Macht erweiterten die Thüringer (Hermunduren) vorübergehend ihr Gebiet bis zur Donau.1) Über unsere Gegend sind aus der Völkerwanderungszeit keine lokalen Überlieferungen vorhanden. Eine wissenschaftlich nicht erhärtete Ansicht des vor 500 Jahren in Ingolstadt wirkenden Historikers Aventin sei hier am Rande erwähnt, da sie in alten Chroniken, Geschichtsbüchern und geschichtlichen Abhandlungen immer wieder auftaucht. Dieser nimmt für das 5. und 6. Jahrhundert in unserem Gebiet eine bayerische Herrschaft an, wobei Roßtal als Herrschaftssitz eine tragende Rolle zugewiesen wird.2) Caspar Brusch (gest. 1559) berichtet von einer Burg der Bayernherzöge, die in jener Zeit an der Stelle der Kirche und des Kirchhofs gestanden sein soll. Ihm dienen als Beweis die vielen Steine, die man damals im Kirchhof noch finden konnte.3) Auch in archivalischen Quellen des 17. Jahrhunderts wird hiervon berichtet.4)

Diese These wurde im 18. Jahrhundert von markgräflich-ansbachischer Seite bei den diplomatischen Auseinandersetzungen mit der Reichsstadt Nürnberg immer wieder herangezogen. Besonders Hofrat Gabriel Pachelbel von Gehag aus Ansbach unterstrich 1704 damit den Anspruch des Markgrafen auf das Nürnberger Gebiet. Er nannte Roßtal einen ehemaligen bayerischen Königssitz und bezeichnete es als ältesten Ort im ganzen Burggrafentum Nürnberg.5) Auf den geschichtlichen Kern dieser phantasievollen Berichte, die einer historischen Würdigung nicht standhalten, wird im Kapitel über Herzog Ernst eingegangen.

Ein anderer Hinweis auf Roßtals frühgeschichtliche Existenz und Bedeutung ergäbe sich aus dem Ortsnamen, wenn man Roßtal in die Gruppe der -stal-Orte einreiht, die nach Dr. Heim germanische Gerichtsstätten bezeichnen.

Auch Altstraßenforscher beziehen Roßtal in das Netz der frühgeschichtlichen Weglinien ein. So soll die mittelgermanische Straße unseren Ort berührt haben.6) Hierüber findet sich in der Zeitschrift „Deutsche Gaue“ folgende Notiz:

„Die Augsburger Überlandstraße. Es war im Heimatwerk schon längst klar, daß die römische Straße (via Claudia) Verona-Bozen-Meran-Reschen-Landeck-Fern-Füssen-Augsburg-Burghöfe s. Donauwörth nur Nebensache ist. Hauptsache ist der vorrömische Weg, der dieser Römerstraße die Richtung gab; ebenso lag auf der Hand, daß diese vorrömische Straße nicht an der Donau ausging. Ein Strang lief durch das Limestor von Pfofeld (bei Gunzenhausen, Mfr.) hinaus; die Richtung Windsbach-Roßstall (Rostal bei Cadolzburg), Forchheim-Hallstadt bei Bamberg liegt nahe. Dann wären wir über die Coburger Gegend nach Erfurt gewiesen. Eine Fortsetzung nach Norden könnten die Funde von Goldspiralringen anzeigen.7)“

Bekannt ist die west-östlich führende Hochstraße, die als Stadtweg über Lind-Altenberg lange fortbestand und nun ein markierter Wanderweg, der viel begangen wird, ist. Auf dem Gaisbergplateau befindet sich unweit der Altstraße eine eigenartige künstliche Aufschüttung mit zwei noch erkennbaren konzentrischen Wällen (ca. 30 m Durchmesser) von vielleicht frühgeschichtlicher Bedeutung.

Die fränkische Kolonisation

Die wissenschaftliche Erforschung der fränkischen Frühgeschichte hat in den letzten Jahrzehnten bedeutende Fortschritte erzielt und vermittelt bereits ein geschlossenes Geschichtsbild für unseren Raum.

Die Franken hatten sich im 6. Jahrhundert vom Rhein ostwärts bis in die Windsheimer Niederung ausgebreitet. Das unwirtliche Keuperland von der Frankenhöhe bis zur Rednitzfurche war mit Urwald bedeckt und muß als kaum besiedeltes politisches Niemandsland angesehen werden.8) Reste früher ansässiger Völkerschaften und vorfühlende Siedlerpioniere der Nachbarstämme, die eingesickert waren, sind völkisch nur von geringer Bedeutung. Aus einigen Ortsnamen schließt man auf schwäbische und baierische Ansiedler.9) Die eigentliche Kolonisation erfolgte durch die Franken, zu deren Reich unser Gebiet seit 531 (Sieg über die Thüringer an der Unstrut) zählte.10) Der Name für diese Provinz (Francia orientalis = Ostfranken) taucht urkundlich zwar erst 741 auf,11) doch waren in diesen zwei Jahrhunderten fränkische Adelige bereits seßhaft geworden.12) Mit einem Gefolge von 40 bis 60 Eigenleuten nahm der fränkische Edeling in dem herrenlosen Land ein bestimmtes Gebiet in Besitz und setzte dort an verschiedenen Stellen seine Leute zur Rodung an. Das urbar gemachte Gebiet unterstand ihm direkt, er war dort sein eigener Herr. Später wurden oft auch Gefangene aus den Kriegszügen zur Erschließung des Landes verwendet. An sie erinnern heute noch unsere mittelfränkischen Wenden- und Sachsenorte.13) Die erste Landnahme der fränkischen Herren folgte dem Lauf der Aisch und der Rednitz, indem sie beiderseits der Flüsse in die Wälder vorstießen. Unter Umgehung des Urwaldgebietes waren sie so in unsere Gegend gekommen.14) Dabei liegt die Annahme nahe, daß auch der Roßtaler Talsporn zur Besiedlung ausgewählt wurde. Ob der adelige Ansitz in Roßtal mit seinem ehemaligen Bauhof (auf dem heutigen Marktplatz) sowie die regelmäßige Straßenanlage (die Sackgasse auf dem Berg) aus der Frühzeit stammen und mit der Niederlassung eines fränkischen Edelings und seiner Gefolgsmannen in Verbindung gebracht werden kann, müßte erst genauer untersucht werden. Das Burggut ist als geschlossener grundherrschaftlicher Besitz mit einer Anzahl von zinspflichtigen Anwesen bis 1689 nachzuweisen.

Roßtal als Bestandteil der Schwabacher Königsmark15)

Der bisher streuweise vorgetragenen Niederlassung einzelner fränkischer Ansiedler folgte unter Karl Martell, dem Großvater Karls des Großen, um 720 eine gelenkte Staatskolonisation.

Mit Ausnahme des urbar gemachten Besitzes der vorgenannten Altsiedler kam alles Land unter königliche Verwaltung. Das Gebiet wurde in Königsmarken eingeteilt, die in Zusammenarbeit von Staat und Kirche planmäßig besiedelt wurden. Eine Reihe von staatlichen Stützpunkten (Königshöfe) schützten das Königsgut, welches viele Jahrhunderte ein wichtiges politisches Faustpfand in der Hand des Königs bildete. In den späteren Reichslehen begegnet uns in Roßtal noch bis in das vorige Jahrhundert das alte Königsgut aus der Landnahmezeit. Das zu einem Rodungsgebiet gehörige Land bezeichnete man als Mark. Begrenzt wurde es in der Regel von Flüssen oder Bergrücken, wobei im letzteren Falle die Grenzen gerne an Hochstraßen entlang geführt wurden.16) Die Schwabacher Mark schloß ursprünglich das Land zwischen der Bibert und der südlichen Aurach ein. An ihrer Erschließung beteiligte sich auch das Kloster St. Emmeram in Regensburg. In einem Bezirk um Rohr, im Tal des Schwabachflüßleins, entfalteten die Regensburger Mönche ihre Kultivierungs- und Missionstätigkeit. Aus dem Jahre 810 ist uns in einer Urkunde eine genaue Grenzbeschreibung jener sogenannten St. Emmeramsmark erhalten geblieben. Darin werden Namen aus unserer nächsten Nähe genannt, z. B. Buchschwabach (Puohosuabaha), Klarsbach (Claraspaha) und der heute verlandete Birkensee auf der Defersdorfer Höhe gegen Regelsbach.17) Schon in jener alten Aufzeichnung wird auf bestehende noch ältere Grenzzeichen hingewiesen. Aus dem nördlichen Restteil der ehemaligen Schwabacher Königsmark spaltete sich dann das Roßtaler Gebiet ab. Der Bibertfluß war übrigens auch in der Markgrafenzeit die Nordgrenze des Richteramtsbezirks Roßtal bis 1796. Die Südgrenze hatte sich nach Verschwinden der Klostermark südwärts verschoben, blieb aber an verschiedenen Stellen mit dem späteren Oberamt Schwabach strittig.

Roßtal im Rangau

Seit Karl dem Großen war das fränkische Reich verwaltungsmäßig in Gaue eingeteilt, an deren Spitze die Gaugrafen standen. Sie waren als Vertreter des Königs die höchsten Beamten in ihrem Bereich. Infolge der Naturalwirtschaft benötigten sie zu ihrem Unterhalt auch privaten Besitz, den sie verständlicherweise zum Nutzen ihres Geschlechtes stets zu vergrößern suchten.

Durch die Erblichkeit der Grafenwürde konnten geschickte Dynastien zu erheblichem Landbesitz kommen. Roßtal lag im Rangau. Es mußte in der Karolingerzeit von erheblicher Bedeutung gewesen sein und immer wieder wurde in der früheren Literatur der Gedanke laut, daß es Grafensitz gewesen sei.19)

Der Rangau hatte seinen Namen vom Rannaflüßchen, einem kleinen Nebenfluß der Aisch, unweit Windsheim, an dem ein uralter Königshof lag. Er umschloß das durch die Staatskolonisation erfaßte Land zwischen Aisch und Rednitz mit seinen alten Rodungsmarken, welche durch die Siedlerwellen allmählich aufgefüllt wurden. An bestimmten Ortsnamen auf -dorf kann man den Verlauf dieser Besiedelung verfolgen.20) Durch das von Bonifatius ins Leben gerufene Würzburger Bistum (741) war das Rangaugebiet auch kirchlich organisiert worden. Die entstandenen Urpfarreien mit ihren umfangreichen Sprengeln, zu denen auch Roßtal zählt, sind heute noch zu erkennen.

Roßtal als Verbannungsort des Grafen Ernst (861)?

Zu den frühgeschichtlichen Problemen Roßtals gehört nicht zuletzt die seit Jahrhunderten umstrittene Gestalt des Herzogs Ernst. Sein prächtig ausgestattetes Grabmal in der großen Laurentiuskirche fiel im Jahre 1627 einem verheerenden Kirchenbrand zum Opfer.

In der Überlieferung der Sagenwelt wird Herzog Ernst als ein Held der Ungarnzeit dargestellt, der bei dem Kampf 955 in Roßtal den Tod fand.21) Es wurde auch schon angenommen, daß es sich um einen Sualafeldgrafen dieses Namens handeln könnte, der 954 die Verteidigung Roßtals gegen Otto I. leitete und dafür in Ungnade fiel. Auch sollen die Ungarn einstmals einem Parteigänger Liudolfs, ebenfalls mit Namen Ernst, 1000 Dienstleute weggeführt haben.22)

In der heutigen Geschichtsschreibung23) wird aber Herzog Ernst mit jenem Grafen Ernst gleichgesetzt, der als Statthalter (praefectus) König Ludwigs des Deutschen das ehemalige bayerische Herzogtum verwaltete, welches nach Absetzung Tassilos III. fränkische Provinz geworden war. Dieser Ernst war der Schwiegervater des nachmaligen Königs Karlmann. Er steht in mehreren Feldzügen gegen die Slaven in Böhmen an der Spitze des bayerischen Aufgebotes und wird von 831 an mehrmals urkundlich erwähnt.24) Die angeborene starrköpfige Eigen- und Streitsucht des germanischen Adeligen brachte auch ihm Unglück. Im Jahre 861 wurde er auf einer Reichsversammlung zu Regensburg wegen Untreue seines Amtes entsetzt. Vielleicht hatte er einen schlimmen Einfluß auf seinen Schwiegersohn Karlmann ausgeübt, welcher sich mit seinem Vater, dem König, entzweite und erst nach dem Tod des Herzogs Ernst (865) sich wieder mit ihm versöhnte. Als Verbannungsort wird in der Literatur Roßtal angegeben, das wohl sein hochimmunes Eigengut war.

Wenn man wagt, diese führende Persönlichkeit vor 1100 Jahren mit Roßtal in Verbindung zu bringen, dann erhalten auch jene zuerst als Phantasie anzusprechenden Berichte früherer Chronisten, wie sie im Kapitel über die vor fränkische Zeit angeführt sind, einen historischen Untergrund. Es wurde eben in der zuerst mündlichen Überlieferung von Generation zu Generation die geschichtliche Tatsache mit dichterischen Entstellungen immer mehr verhüllt: Aus dem Heimatgut des verbannten Bayernherzogs wurde der Regierungssitz oder, im andern Falle, der Schwiegervater des Königs wurde zum König selbst. Doch bestätigt die Sage indirekt 1. die Niederlassung einer solchen Persönlichkeit und 2. die dazugehörige Existenz einer entsprechenden Wohnanlage, die damals wohl schon den uns 954 begegnenden Kastellcharakter trug. Wir können somit annehmen, daß Roßtal für mehrere Generationen im Besitz von unmittelbaren Eigenherrn war 25) und sich in jener Zeit auf dem Berg reges Leben entfaltete, das sicher auch glänzende Tage brachte.