Festschrift zur Tausendjahrfeier

Der Mauereinsturz 1866

Die größte Katastrophe, die Roßtal seit dem Dreißigjährigen Krieg erlebte, war der Mauereinsturz vor 90 Jahren, der mit einem Schlage 7 Menschenleben auslöschte. Die Schloßmauer, die gegenüber dem Anwesen Hs. Nr. 52 (Wölfel) ca. 8 Meter emporsteigt, hatte früher die doppelte Höhe, doch war sie um 11 Meter weiter zurückgelegen und direkt an den Felsen angelehnt. Auf dem 11 Meter breiten und ca. 30 Meter langen Geländestreifen von der früheren Mauer bis zur Straße, standen direkt unter ihr die 1741 erbauten Anwesen Hs. Nr. 50 und 51. Im Laufe der Zeit hatte das sich hinter der Mauer sammelnde Sickerwasser die Verbindung mit dem Felsen gelöst. So geschah in der Nacht vom 15. auf 16. März 1866 das furchtbare Unglück. Der größte Teil der 30 Meter langen Mauer stürzte ein und zerstörte die 2 Häuser und eine Scheune, wobei auch 2 Gebäude (Wohnhaus Arlt, heutige Hs. Nr. 162, und Wohnhaus Lämmermann, heutige Nr. 58c), die den Schloßhof auf dem Berg nördlich abgrenzten, zum Teil mit abstürzten.

Der umfangreiche Akt des Bezirksamts Fürth aus jener Zeit (nun Staatsarchiv Nürnberg, B.A. Fürth Nr. 1101) bildet ein Dokument von erschütternder Eindringlichkeit. Die beiden ersten Meldungen des Gemeindevorstehers Steigmann und des Gendarmeriekommandanten, die am Morgen nach der Unglücksnacht abgefaßt wurden, stehen noch spürbar im Banne des Ereignisses. Sie folgen anbei in Abschrift:

Roßstall, 16. Merz 1866
Königliches Bezirksamt
Der gehorsamst Unterzeichnete bringt dienstschuldig einem königlichen Bezirksamt hiermit einen kreßlichen Unglücksfall zur Anzeige, nemlich am 15. Merz 1866 von Zehn auf Elfuhr in der Nacht stürzte die große Schloßmauer unvermuthet ein und schlug das Haus Nr. 50 ganz zusammen und das Haus Nr. 51 zu einem großen Theil und die Scheuer des Maurermeisters Steigmann auch einen großen Theil.

In dem Haus Nummer 50 wohnen zwey Familien, so, das die obere Familie Heinrich Silberhorn mit Frau und ein Kind herausgezogen, und leben noch, 2 Knaben wurden tod aus der Schud herausgegraben. Von der unteren Familie, nemlich Adam Schneider mit Frau und drey Kindern sambt den alten Vatter, sind noch unter den großen Haufen Schud und Stein, nebst Holzwerk des Hauses steckent und können bisher mit großer Mühe und Fleiß noch nicht vorgefunden werden. So viel man vernimbt giebt die Frau noch Laut von sich.

Achtungsvoll
Steigmann Vorsteher

16. Merz 1866
Gendarmerie-Station an das Bezirksamt Fürth
Der Unterzeichnete bringt hiemit dienstlich zur Anzeige, daß in verwichener Nacht 11 Uhr im Markte Roßstall auf der nord-westlichen Seite des Burgstall-Schlößleins die 42 Fuß (= 14 m) hohe und ohngefähr 100 Fuß (= 30 m) lange Mauer, welche zur Felsenstütze angebracht war mit einem Theil Felsen einstürzte und das Haus Numro 50, dem Gütler Adam Hegendörfer gehörend, halb überschüttete, wodurch 7 Menschen, 1 Kuh, 3 Schweine und eine Ziege, welche sich in beiden Häusern befanden, ihr Leben verloren haben.

Die Ehefrau Barbara des Gütlers Adam Schneider wurde in einem verschütteten Winkel durch ihren Ruf um Hilfe erst heute früh 7 Uhr aus dem Verschütteten lebendig gebracht und zwar so, daß ihre Genesung nicht zu bezweifeln ist. Außerdem wurden noch 5 Personen schwer verletzt und die Häuser des Gütler Paulus Arlt sowie des Metzgermeisters Kaspar Lämmermann, welche auf diesen Felsen gebaut waren, stürzten auch über die Hälfte ein. Die Cadaver wurden durch die dieseitige Stationsmannschaft bis zum Eintreffen der Kommission des königlichen Bezirksamts Fürth bewacht, und weitere Verfügung erwartet.

Franz Rath,
Inferims-Stskot.

Das Unglück hatte eine Weile von Hilfsbereitschaft in Stadt und Land ausgelöst und viele Spenden gingen ein. Nach der damals üblichen Sitte durften die Betroffenen oder ihre Beauftragten selbst im Bezirksamt sammeln und erhielten reiche Gaben. Anschließend folgen Auszüge aus den Berichten des Gemeindevorstehers und des Pfarrers.

  1. Paulus Arlt, Mitverunglückter, hat gesammelt in Zirndorf, Dambach, Burgfarnbach, Veitsbron, Tuchenbach, Obermichelbach, Untermichelbach, Vach, Stadeln und Seuckendorf. Dieser hat zusammengebracht im ganzen 64 Gulden.
  2. Konrad Silberhorn, Schwager der Mitverunglückten, hat eingesammelt in Großgründlach, Rohnhoff, Bocksdorf, Kraftshoff, Buch, Sack, Popenreuth, Schnepfenreuth, Höffles, Stadeln. Dieser hat zusammengebracht im ganzen 63 Gulden 5 Kr.
  3. Adam Hegendörfer, Mitverunglückter seynes Haußes sambt Immobilen Großhabersdorf, Unterschlauersbach, Kirchfarnbach, Keidenzell, Deberndorf, Steinbach, Cadolzburg, Roßendorf, Horbach, Langenzenn und Laubendorf. Dieser hat zusammengebracht im ganzen 70 Gulden 26 Kr.
  4. Michael Silberhorn, Schwager und Bruder der Verunglückten, hat eingesammelt in: Roßstall, Weitersdorf, Buchschwabach, Großweismansdorf, Gutzberg, Oberasbach, Leichendorf, Weinzierlein, Amerndorf, Fernabrünst und Bronnenberg. Und dieser hat zusammengebracht im ganzen 334 Gulden 55 Kr.

H. königl. Baubeamter von Erlangen 1 Gulden
ein gelinget Mann von Bertholdsdorf 9 Kreuzer
Herr Bierbrauer Heckel von Cadolzburg 3 Gulden
Frau Zill von Bürglein 1 Gulden

Von der Gemeindeverwaltung ist mir durch die Post Großweismannsdorf aus Obernzenn 7 Gulden 39 Kreuzer ebenfalls für die Verunglückten in Roßstall übersendet worden.

Die ganze Sammlung nach Abzug der Versäumnisse und Zehrungen der Einsammler beträgt 398 Gulden 38 Kreuzer, welche Eingleichung durch die Gemeindeverwaltung und des Herrn Pfarrer Kündinger schriftlich überreicht werden würde.

Achtungsvoll verharrt
Steigmann, Vorsteher

Fürth hatte bereits am 16. April 371 Gulden gesammelt. Für die Stadt Nürnberg übersendet in nachbarlicher Hilfsbereitschaft der Bürgermeister von Wachter die ansehnliche Summe von 984 Gulden und 52 Kreuzer.

Bei der Beerdigung der Verunglückten wurden abermals 74 Gulden gespendet, die sofort an die Hinterbliebenen verteilt wurden. Der „Nürnberger Anzeiger“ übersandte an Frau Schneider, welche als alleinige überlebende ihrer Familie das bedauernswerteste Opfer des Unglücks war, 10  Gulden. Insgesamt kam bis 21. Mai 1866 die Summe von 1851 Gulden und 44 Kreuzer zusammen, welche Pfarrer Kündinger gemeinsam mit den Vertretern der Gemeinde (Steigmann, Nüchterlein, Eckstein, Küch, Weiß, Haller, Grüber) verteilte, und zwar erhielten:

Frau Schneider690 Gulden 59 Kreuzer
Familie Hegendörfer408 Gulden45 Kreuzer
Familie Arlt341 Gulden56 Kreuzer
Familie Silberhorn264 Gulden 45 Kreuzer
Familie Lämmermann 145 Gulden29 Kreuzer
 
 1851 Gulden 44 Kreuzer

Pfarrer Kündinger fügt noch an, daß eine Ermächtigung Sr. Exzellenz des H. Regierungspräsidenten von Mittelfranken, Herrn von Pechmann, vorliege, daß bei sämtlichen protestantischen Pfarreien Mittelfrankens eine Sammlung genehmigt sei.

Die behördlichen Untersuchungen gaben zuerst zu erregten Kontroversen Anlaß, da man schuldhafte Vernachlässigung der gemeindlichen Bauaufsicht festzustellen glaubte. Eine Ausbeulung der 14 Meter hohen Mauer war schon 30 bis 40 Jahre lang zu beobachten. Der Gendarmeriekommandant Langohr hatte schon 2 Jahre vorher am 25. Januar 1864 eine diesbezügliche Anzeige an das Bezirksamt gerichtet, als unten der Gütler Adam Hegendörfer neben dem Mauerende den Berg ausgrub, um dort eine Scheune zu errichten. Er schrieb: Es drohe den oben angebrachten Gebäuden der Einsturz, nämlich 1. die Scheune des Spezereihändlers Sturzenbaum (heute Haas), 2. der Hinterteil des Wohnhauses des Metzgermeisters Kaspar Lämmermann (Schloßhof 58c), 3. das Wohngebäude des Gütlers Paulus Arlt (Schloßhof 162). Die Stellungnahme der Gemeinde auf die bezirksamtliche Anfrage lautete sehr beruhigend. Man hielt der Anzeige entgegen, daß die Gebäude an die sehr gut erhaltene Schloßmauer angrenzen und nur selbst einer guten Reparatur bedürfen, die im Frühjahr durchgeführt werden soll. Nach einer weiteren Anzeige des Komm. Langohr vom 9. Januar 1866, daß das Lämmermannsche Haus nun äußerst baufällig ist, und sein Einsturz unmittelbar droht, antworten die gemeindlichen Begutachter Maurermeister Steigmann und Eckstein und Zimmermeister Link, daß das Gebäude nun eingelegt werden muß und Lämmermann verspricht, dies in 4 Wochen vorzunehmen, „bis dahin kann es ohne Gefahr gestellt sein“.

Ein weiteres Schreiben des Gendarmeriekommandanten berichtet u. a.:

Im Frühjahr 1864 als die hiesige Gendarmerie noch im Lämmermannschen Hause wohnte, fiel an einem Sonntag Mittag das Stallgewölbe zusammen, erschlug beinahe die Ehefrau des Lämmermann, dessen Kuh und ein Schwein, was eine bedeutende Erschütterung machte und der Hinterbau sich senkte. Der Unterzeichnete zog hierauf am 1. Oktober 1864 bei Lämmermann aus. Im verflossenen Winter bemerkte die Feuerbeschau, nemlich der Kaminkehrer Johann Scheuberger und Schreinermeister Nüchterlein, daß die Schloßmauer zwischen den Hegendörferschen und Schneiderschen Hause sich bedeutend heraussenkt, resp. einen förmlichen Bauch bekommt, was dieselben beanstandeten, worauf der Gemeindevorsteher sich äußerte: was versteht denn ihr Dummköpfe, die Schloßmauer ist schon 50 Jahre so und kann in 100 Jahren auch noch so sein. Wie die Arltschen Eheleute geäußert haben, so haben sie am letzten Tage bis zum Einsturz in ihrem Wohnhause bemerkt, daß sich der hintere Teil ganz hinauszieht, indem ihr Vieh mit den vorderen Füßen fast versank und das Gebälk welches auf der Stockmauer auflag blieb, jedoch die Mauer wich hinaus, daß sie schon fast alle Augenblicke glaubten die Köpfe vom Gebälk rutschen von der Mauer gar herab, wodurch sich dieselben nachts sich nicht zu Bette legen trauten, ohne daß sie aber jemand ein Wort davon sagten. Der Metzgermeister Lämmermann welcher am Tage polzte (?) hörte nachts immer krachen und ging deshalb zum Gemeindevorsteher Steigmann, machte dem hiervon Mitteilung, welcher aber sagte, Lämmermann solle nach Hause gehen und sich niederlegen, morgen will er nachsehen.

So kam das Unheil wohl nicht unbemerkt heran, aber bis sich die Menschen seiner bewußt wurden, war es zu spät, denn sein plötzlicher Eintritt ließ sich nicht vorausberechnen. Außerdem waren mit einer Reparatur der Schloßmauer, die noch dazu Privateigentum war, derartig hohe Kosten verbunden, daß es verständlich war, wenn man sich nur zögernd mit diesem Gedanken vertraut machen wollte. Bald trat auch die unfruchtbare und ergebnislose Diskussion der Schuldfrage zurück, denn Vorsteher Steigmann hatte mit seinen Roßtalern eine größere Sorge, nämlich die Schloßmauer möglichst schnell wieder aufzubauen. Da die alte Mauer vollständig eingestürzt war und durch die Erschütterung auch das unterste Stück vom Felsen „abgeprellt“ war, verlegte man die neue Mauer 11 Meter nach der Straße zu und führte sie dann nur mehr 8 Meter hoch. Bei der Verakkordierung erhielt die Arbeiten der Gemeindevorsteher und Maurermeister Steigmann, der die ursprünglich veranschlagte Summe von 5600 Gulden auf 3900 Gulden erniedrigte. Die Schloßbesitzer (Ecksteinsche Stiftung) mußten sich dazu erst die Plätze, über die die neue Mauer vorgerückt wurde, um 400 Gulden kaufen. Als die Mauer erstellt war, zeigte sich, angeblich infolge planwidriger Ausführung, gleich wieder eine Ausbauchung, so daß die Anbringung der fünf großen Stützpfeiler notwendig wurde. Auch hierüber gab es Auseinandersetzungen, die erst 1870 endigten. 1871 wurde auf Antrag des Baders Meyer auch die Mauer hinter seinem Anwesen neu aufgeführt, was durch Bürgermeister Nüchterlein, dem Nachfolger Steigmanns, veranlaßt wurde.