Adolf Rohn: Heimatbuch von Roßtal und Umgebung

Sitten und Gebräuche

Allgemeine Sitten

Eine Reihe alter Sitten und Gebräuche hat sich bis in die Gegenwart erhalten; viele aber sind in Vergessenheit geraten.

Eine längst vergessene Sitte im Oberamt Cadolzburg, zu dem auch das Amt Roßtal gehörte, erwähnt Joh. Bernh. Fischer in seiner Statistischen und topographischen Beschreibung des Burggrafentums Nürnberg …, erschienen 1787. Er schreibt (S. 66):

Die Einwohner sind größtenteils sehr arbeitsam, gesellig und freundschaftlich. Auch fehlt es unter selbigen nicht an vermöglichen Bauern. Verschiedene besitzen sogar zwanzig bis dreißigtausend Gulden Vermögen. Ihre Kleidung ist reinlich, besonders bey der bemittelten Gattung der Bauern und Landwirte. Seidene Halstücher decken öfters den Busen der ländlichen Mädchen. Die sogenannte nürnbergische bäuerliche Tracht, welche die schönsten Mädchen äußerst verunstaltet, kommt je länger je mehr ab. Gegenwärtig tragen sich die meisten Weibspersonen bürgerlich, oder nach ihrem Ausdruck: städtisch. Mannspersonen tragen beinahe durchgängig runde Hüte, um welche sie ein breites seidenes Band schlingen. Unverheiratete Mannspersonen von verheirateten zu unterscheiden, darf man nur ihre Hutbänder betrachten. Diese tragen schwarze, und jene grüne Bänder. Das grüne Band ist dadurch für immer verloren, wenn der Unverheiratete als Fornicant bestraft wird. Er muß alsdann, gleich dem Verheirateten das schwarze Band um den Hut schlingen.

Bei Taufen

Das Hänseln

Zur Taufe lud der Pate zwei oder fünf Begleiter ein. Diese versammelten sich in seinem Hause und legten ihm, wenn er noch unverheiratet war, ein farbiges Seidenband, an welchem Geldstücke befestigt waren, um den Hals. Man nannte diesen Akt das Hänseln.

Dann gingen alle ins Taufhaus und zogen mit in die Kirche. Das Geschenkband, Hänselband genannt, wurde vom Gehänselten den ganzen Tag über getragen.

Auch die Jungfrauen übten diese Sitte, die bis ungefähr 1865 in Roßtal nachgewiesen werden kann.

Bei Hochzeiten

Ein Kammerwagen darf zwischen 11 und 12 Uhr nicht gefahren werden. Sollte er aber doch unterwegs sein, so muß eine Stunde angehalten werden.

Der Kammerwagen muß, wenn er vom Brauthaus abgeht, drei Mal anfahren.

Wenn auf dem Kammerwagen Porzellan oder Glas zerbricht, so bedeutet das Glück.

Schreiner, die den Kammerwagen begleiten, binden sich ein geblumtes rotes Taschentuch ins obere Knopfloch ihres Kittels.

Vereinzelt kommt es noch vor, daß sich Frauen das Taschentuch an den Schürzen- oder Rockbund knüpfen. Diese Sitte erinnert, wie die vorhergehende an eine Zeit, in welcher die Kleidungsstücke noch keine Taschen hatten.

Wenn die Neuvermählten die Kirche verlassen, wirft der angehende Ehemann in der Nähe der Brauttüre Geldstücke aus. Die Kinder grapschen danach.

Das Geldauswerfen ist auch noch bei den Taufen Sitte. Hier geschieht es durch den Taufpaten.

Wenn Braut und Bräutigam von der Kirche zurückkehren, bekommt jedes von ihnen ein volles Glas Wein. Sie stoßen nun beide die Gläser an und wer von ihnen dann zuerst ausgetrunken hat, erhält für alle Zukunft das Hausrecht.

Am Hochzeitstage essen Braut und Bräutigam aus einem Teller, manchmal auch nur mit einem Besteck; er hat das Heft in der Hand (Gabel und Messer), sie den Löffel.

Das Hennen-Erreiten.

Eine genaue Beschreibung enthält nachstehende Urkunde 139.

Durchlauchtigster Marggraff,
Gnädigster Fürst und Herr!
Ober-Casten- und Richter-Amt Cadolzburg,
Stadt-Vogtey Amt Langenzenn und Richteramt Roßstall.
Die Abschaffung des gefährlichen Gebrauchs mit dem sogenannten Hennen-Erreiten bei Hochzeiten betr.
Im Oberamt Cadolzburg und, dem Vernehmen nach, auch in mehrern dieß. Hochfürstl. Ober Aemtern, ist bey Hochzeiten das sogenannte Hennen Erreiten, ein äußerst unnüzlicher – dabey aber äuserst gefährlicher und unsinniger Gebrauch, durch welchen sich schon viele Unglücks-Fälle mit Menschen und Viehe ereignet haben, bisher unter den Land-Leuten noch immer nicht abgekommen.
Dieses für Menschen und Vieh gleichgefährliche Unwesen bestehet darinnen, daß so bald der Bräutigam, der mit seinen Gästen zu Pferd seine Braut von ihrem Wohn-Ort in das seinige abholen will, von letzerem eine Strecke weit weggekommen ist, auf ein von ihm gegebenes Zeichen 8, 10 bis 12 Personen von seiner Troupe, je nachdem die Gesellschaft starck ist, mit verhängtem Zügel und in der Stärcksten Carriere, wobey immer das Pferd gespornt wird, daß das Blut an Sporn und Stiefeln hangen bleibt, nach dem Ort, aus welchem die Braut abgeholt wird, zu reiten, derjenige, welche am ersten im Braut Hauß eintreffen kann, erhält von der Braut eine Henne, mit welchem Trophée er alsdann dem Bräutigam entgegen reitet.
Bey Abfarth der Braut aus ihrem Wohn-Ort geschiehet wieder das nehmliche.
In einiger Entfernung von ihrem Ort gibt sie, wie der Bräutigam gethan hat, auch ein Zeichen, worauf wieder Hochzeit Gäste in die Wetten nach dem Ort des Bräutigams reiten, wer nun dessen Hauß am ersten erreicht, bekommt einen Hahn, den er der Braut und Bräutigam auf dem Weg entgegenbringt.
Es ist entsezlich ein solches Pferderennen mit anzusehen. Man glaubt es müsse Roß und Mann Hals und Beine brechen.
Das arme unschuldige Vieh ist dabey höchlich zu bedauern, weil bey diesem unfug die Plage an ihm ausgehet, und überdieß werden allemal die besten Pferde und besten Läufer dazu genommen.
Selbst von Leuten die ehehin an dieser Thorheit und unsinnigen Gebrauch Theil genommen haben, ist auch schon oefters dessen Abstellung gewunschen worden.
Nur alleine ich der Beamte zu Roßstall habe submissest anzuzeigen, daß bey solchem Reiten ein nuzbarer vermöglicher dießherrschafftl. Unterthan durch Verderbung seines Fußes unglücklch gemacht, ein Nürnberg. Hintersaßen Sohn aber, der im Reiten mit dem Kopf angestosen, seines Verstandes beraubt worden und noch ist, und seit wenig Jahren wurden 2 recht gute Pferde, wovon das eine zur Fohlen-Zucht marqu. war, zu Schanden geritten. Usw. …
Cadolzburg, Langenzenn und Roßstall, den 10. Nov. 1789.
Ew. Hochfürstl. Durchlaucht
unterthänigst treu gehorsamst
Ehrfeste Falckenhausen.
Johann Georg Rogner.
Johann ….
Johann Friedrich Theodor Kraus.
Johann Samuel Model
140.

Am 15. April 1790 erhielten das Ober-Kasten und Richter-Amt Cadolzburg, das Vogt-Amt Langenzenn und das Richter-Amt Roßstall die Mitteilung, daß das sog. Hennen Erreiten bei Hochzeiten verboten sei.

Das Göckerlaufen.

Nach dem Hennen Erreiten kam das Göckerlaufen auf.

Wenn die Braut in einem Nachbarort wohnte, stellten sich am Morgen des Hochzeitstages vor dem Hause des Bräutigams mehrere junge Burschen zum Göckerlaufen, einem Wettlauf, auf. Der Bräutigam gab das Zeichen zum Ablauf. Wer das Haus der Braut zuerst erreichte, bekam von der Braut einen mit Groschen und Sechsern geputzten Hahn als Geschenk. Jedes Geldstück hatte ein kleines Löchlein zur Befestigung.

1863 wurde das Göckerlaufen zum letzten Male, und zwar zwischen Großweißmannsdorf und Regelsbach, ausgeführt.

Bei Beerdigungen

Es ist ein altes Herkommen, daß sämtliche Gestorbene, auch wenn es umständlich sein sollte, durch das Tor unter dem Glockentürmchen auf den Friedhof gebracht werden.

Die Totenbahre darf nicht ohne weiteres auf die Schultern der Träger gesetzt, sondern sie muß dreimal angehoben werden. (Dreieinigkeit!) Bis vor wenig Jahren hatten die Sargträger, gewöhnlich Nachbarn des Verstorbenen, Rosmarinzweige, sogen. Stengel, in den obersten zwei Knopflöchern ihres Fersenklopfers (Gehrocks). Diese wurden nach der kirchlichen Handlung ins Grab geworfen.

Geistliche und Kantor, die beim Leichenbegängnis in unmittelbarer Nähe des Sarges sind, bekommen, sobald die Chorschüler vor dem aufgebahrten Sarg den ersten Vers eines Chorals singen, auf einem Teller je eine Zitrone dargereicht. Diese Sitte stammt aus jener Zeit, in der die Pest wütete. Durch den Duft der gedrückten Zitrone sollte der Pestgeruch verdeckt werden und der Saft der Zitrone vor Ansteckung schützen.

Etwas Besonderes waren die Beerdigungen bei Nacht 141)

1701 … wurden nachts zwischen 7 und 8 Uhrn in der Kirchen beerdigt Anna Catharina von Furtenbach, H. Gabriel von Furtenbach ältiste Fräulein Tochter, darauff und dags am II. h. Advent mittags die leichpre. verrichtet worden.

1713 d. 18. Nov. wurde begraben Augusta Amalia Gabriela H. Bernhard Heinrichs von Molzahn Töchterl. wurde des nachts ohne sermon in der Kirche begraben nach dem vorher gesungen worden ….

1715 d. 6. Febr. wird Bernh. Heinrich von Molzahn Töchterlein Eleonore Catharina Wilhelmina in der nacht begraben.

1718. 6. Febr. wurde nachts H. Lorentz Edlen von Schmiedels … besitzers der Furtenbachischen Güter filia Justina Margaretha in der ihnen von Gnd. Herrschaff … bauten Grabstätte im Chor hiesigen Gotteshaußes beerdigt cum sermone.

Ferner sind noch folgende Beerdigungen bemerkenswert:

1675. Apollonia, weiland Friederich Käsers, geweßenen Bauerns zu Gutzberg hinterlassene Haußfrau, so von Hauß aus aber zu keiner consequenz und nachfolg, besungen worden den 20 Mai. (Erste Nachricht über eine Singleiche).

1702, Nr. 14. d. 2. May wurde Michael Leutner lempischer Vogt zu Edenr., begraben v. herein besungen … (Singleiche.)

1708 d. 25. Aug. ist in Gott entschlafen Helena Rosina H. Gabriel von Furtenbach … Töchterlein, wurde tags darauff mit einer sermon in der Kirche beerdigt.

Ueber die verschiedenen Beerdigungsarten, wie sie zum Teil auch in Roßtal vorkamen, gibt Johann Bernhard Fischer in seinem 1786 erschienenen Büchlein: Geschichte und ausführliche Beschreibung der Markgr. Brandenb. Haupt- und Residenzstadt Anspach … Aufschluß.

Er schreibt:

In Anspach kann man eilf verschiedene Beerdigungsarten sehen. Nemlich

Portechaisen- und
Kutschenleichen,
Lesleichen,
Sermonleichen,
Gabelleichen,
Nachtleichen, mit Fackeln,
Dreyklaßleichen, mit Manns- und Weibspersonen,
Dreyklaßleichen, mit pur Mannspersonen,
Nachmittagsprozeßleichen, ohne Trauerwagen,
desgleichen mit dem Trauerwagen,
und endlich
Adelige Beerdigung.

Die beyden ersten Arten gehören für bürgerliche Kinder von der Geburt bis ohngefähr ins siebende Jahr, nur mit dem Unterschied, daß zur Grabebringung mittelst einer Kutsche vorhero Ministerialerlaubnis eingeholt werden muß.

Lesleichen sind die geringsten …

Sermonleichen sind am gewöhnlichsten. Die Abholung der Leiche geschieht auf eben gedachte Weise, und in der Kirche wird am Altar eine Rede gehalten.

Gabelleichen unterscheiden sich von vorstehender Art allein dadurch, daß neben dem Sarg zween Männer in Trauer einhergehen, deren jeder zwey eiserne Gabeln trägt, auf welche man zu verschiedenen malen den Sarg mit der Bahre stellt, und die Träger ausruhen läßt. Man glaubt, daß durch die öftere Aufstellung des Sarges ein gewisser Staat sichtbar werde.

Nachtleichen mit Fackeln werden erst seit zwey Jahren zur Gewohnheit (Ansbach). Sie geschehen Abends bey Läutung der Torsperre, ohne Kondukt, und müßten für eine Dreyklaß- oder Sermonleiche bezahlt, auch zuvor die Erlaubnis eingeholt werden …

Vom Schlachten

Das Schlachtfest heißt allgemein Schlachtschüssel.

Das geschlachtete Schwein wird nicht gebrüht, sondern gesengt. Der Besitzer fährt es mit einem Schubkarren auf einen freien Platz außerhalb des Ortes, wo vom Metzger mit einem brennenden Strohwisch, der immer wieder erneuert werden muß, die Borsten und Haare abgesengt werden, wobei die Haut schön gebräunt werden soll. Richtiges Sengen will geübt sein.

Die beste Wurst heißt Aefterling, auch Extrawurst. Sie enthält Leberwurstgehäck, unter welches das zerkleinerte Gehirn gemischt ist, und wird stets in den Mastdarm gefüllt.

Die geräucherten Bratwürste, die cka. 20 Zentimeter lang sind, heißen lange Seufzer.

Das sogen. Wurstfahren, Wurstbetteln am Abend des Schlachttages durch verkleidete Personen, findet seit Kriegsende nicht mehr statt.

Vom Pfeffern

Noch bis ins 20. Jahrhundert herein wurde am Stephanstag früh (2. Weihnachtsfeiertag) „gepfeffert“. Die Kinder benützten hiezu meterlange Wachholderstrauchruten, an deren oberen Enden noch die Zweiglein mit ihren sehr spitzigen Nadeln waren. Mit diesen „Pfefferruten“ wanderten sie von Haus zu Haus und schlugen manchmal zart, mitunter auch etwas kräftig Füße und Unterschenkel des Familienhauptes unter Hersagen des Spruches:

Pfefferla, gout g'schmalz'n,
gout g'salz'n,
schmeckt gout.

Das Pfeffern sollte gesund erhalten.

Die jungen Burschen pfefferten mit kleinen Rosmarinstengeln, welche mit grünen, roten und blauen Seidenmäschchen geschmückt waren, das Gesicht von guten Bekannten.

Dreschverse

Wenn gedroschen wurde mit

3 Schlegeln: Schind Katz o, henk d'Haut auf!
4 Schlegeln: Zieg auf, hau drauf!
5 Schlegeln: Der Hirt und sei Frau!
6 Schlegeln: Die Mad hat kan Schörzer!

 


 

Glockentürmchen