Adolf Rohn: Heimatbuch von Roßtal und Umgebung

Mauereinsturz 1866

Grabrede

bei der Beerdigung
der in der Nacht vom 15. auf 16. März 1866 zu Roßstall durch einen Mauereinsturz verunglückten sieben Personen.
Gehalten von
dem zweiten Pfarrer Fischer.

Auf Bitten der beschädigten Hinterbliebenen und zu ihrem Besten dem Drucke übergeben.

Druck von Julius Volthart in Fürth.

Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Ein einziger Schlag kann Alles enden, und Fall und Tod beisammen sein, – haben wir schon manchmal aus unserm Gesangbuch in jenem Gotteshause gesungen, wenn wir gekommen waren von dem Grabe eines lieben Bruders oder einer theuern Schwester, die nach einer Krankheit von wenigen Tagen wider Erwarten schnell dem Tode erlegen sind. Ein einziger Schlag kann alles enden, und Fall und Tod beisammen sein, – sprach ich bei mir selbst und vielleicht Manches unter Euch mit mir, als ich am vergangenen Freitag nach dem Passionsgottesdienste die Unglücks- und Trauerstätte betrat, wo diese nun eingesargten Leiber so schnell und bedauernswerth von ihren Seelen getrennt worden sind. Es war in der Schreckensnacht, die allen Einwohnern Roßstalls unvergeßlich bleiben wird, vom vergangenen Donnerstag auf den Freitag um die eilfte Stunde, als sich ein gewaltiger, unheilvoller Mauereinsturz aus einer Höhe von mehr als 50 Fuß auf ein Haus warf, dasselbe zerschlug und unter seinen Trümmern zwei Familien aus elf Gliedern, die zum Theil im süßen Schlummer, zum Theil im wachen Zustande sich befanden, lebendig begruben, und überdieß noch ein anderes nebenstehendes Haus fast gänzlich zerstörte, dessen Bewohner sich jedoch unter Gottes gnädiger Handleitung retten konnten, während in dem völlig zertrümmerten Hause sich sieben Paar Augen nicht mehr öffnen, das Tageslicht nicht mehr erblicken sollten. Diese traurige Siebenzahl bestand aus einem greisen Vater, seinem verheirateten Sohne mit drei Kindern und zwei Kindern einer andern Familie. Ein einziger Schlag und – sieben Herzen hatten zu schlagen aufgehört, ein einziger Schlag und – sieben Seelen waren in einem Augenblicke aus dem Lande der Lebendigen hinweggenommen. Ist hier nicht des frommen Dichters Wort auf die genaueste, freilich auch auf die traurigste Weise erfüllt: Ein einziger Schlag kann Alles enden, und Fall und Tod beisammen sein.

Das donnerähnliche, in die stille Nacht schaurig hineindröhnende Gekrache hatte die meistens schon in tiefen Schlaf versunkenen Nachbarn aufgeschreckt, und Viele eilten auf die Straße, ohne daß sie bei der tiefdunkeln Nacht die Größe des Jammers überblicken konnten, und sonach den schauervollen Vorfall mehr ahnen mußten. Zudem ließ sich nicht bestimmen, ab alle oder einzelne der Verschütteten den Geist aufgegeben haben. Mit großer Anstrengung und unter eigener Lebensgefahr wurde bei dem schwachen Scheine der Laterne die Noth- und Liebesarbeit begonnen, so daß bald – Dank dem Herrn und diesen edeln Menschenfreunden – ein Ehepaar mit einem Säugling aus der Todesgefahr und Todesangst erlöst und in Sicherheit gebracht werden konnte. Aber ihre beiden älteren Söhnchen hatten die Augen für immer geschlossen. Doch die lieben Nachbarn und Ortseinwohner durften nicht rasten; denn noch war eine Familie von sechs Häuptern tief im Schutt begraben. Bei fortgesetzter, eifriger Arbeit hörte man auch bald eine menschliche Stimme aus dem wilden Trümmerhaufen heraus flehentlich um Hilfe rufen. Wie gerne hätte Liebe und Theilnahme im Augenblicke alle Hindernisse hinweggeräumt! Allein die Hindernisse waren mächtig und die Arbeit schwierig; zudem konnte man auch bei der völligen Dunkelheit der Nacht und dem schwachen Lichte nicht immer wissen, wo man am ersten vortheilhaft angreifen sollte. So vergingen acht lange, lange Stunden, bis die heißerbetene und sehnsuchtsvoll erwartete Hilfe gebracht werden konnte. Aber hier traf man nur noch Eine lebendige Seele an, eine Frau im todähnlichen Zustande, die ihres Ehegatten, ihrer drei Kinder und ihres Schwiegervaters beraubt war. Stark beschädigt achtete sie nicht der Wunden, Striemen und Bäulen, sondern trauerte nur über den Verlust eines treuen Gatten und lieber Kinder, indem sie einmal über das andere Mal ausrief: „Ach, mein Mann war so gut, meine Kinder waren so gut! jetzt sind's Alle fort!“ Gesund und frohen Muthes hatte sie sich mit den Ihrigen zur Ruhe gelegt, im bejammernswerthesten Zustande war sie ohne dieselben aus den Trümmerhaufen ihres Hauses gezogen worden. Wer war unter uns, dem bei dem Anblick dieses Jammers das Herz nicht blutete? Wer hegte nicht die herzlichste Theilnahme bei dem Gedanken an dieses erschütternde Ereigniß? Ja die herzlichste Theilnahne wurde durch thatkräftige Hilfe bei der Rettung an den Tag gelegt, und es werden Namen genannt, wie Schwarz, Schaller, Heinlein, Belian und mehrere andere, deren Gedächtniß in Segen bleiben wird. Der Herr vergelte es ihnen und bewahre sie vor Schaden an Leib und Leben, an Gut und Ehre! So groß jedoch der Jammer ist, so wollen wir nicht allein weinen und trauern, sondern auch dem Herrn danken, denn er hat Wunder gethan vor unsern Augen. Wir müssen es als ein Wunder des Herrn ansehen, daß vier Häupter aus der Todesnoth gezogen werden konnten. Der mitgerettete Mann äußerte sich deßhalb auch dahin: Wenn Gott seine Hände nicht über uns ausgebreitet hätte, dann wären auch wir verloren gewesen. Ja wohl, der Herr hat seine starke Hand über diese vier Häupter ausgestreckt, daß sie aus dem schreckenerregenden Trümmerhaufen, wenn zum Theil auch schwer verletzt, lebendig herausgebracht werden konnten. Der Herr hat seine Wundergüte auch an der im nebenstehenden Hause wohnenden Familie bewiesen, daß ihr an Leib und Leben kein Unfall zustoßen durfte, obgleich das Haus fast völlig zerstört und wirklich unbrauchbar geworden ist. Mögen diese Geretteten, so lange ihr Odem geht, loben Gott, den Allerhöchsten, der ihnen seine Wunder schauen ließ.

Ueber die Kindlein aber, die an ihrem letzten Lebensabend vielleicht mit dem heil. Vater Unser auf den Lippen eingeschlafen sind, wollen wir am wenigsten trauern; denn über sie haben wir die süßeste und sicherste Hoffnung, daß sie nun in Jesu Armen ruhen. So gewiß es ist, daß sie in das Antlitz ihres Heilands blicken, der sie schon in der Taufe auf seine Arme nahm, sie herzte und segnete. Er herzet und segnet sie wieder und erquicket sie ewiglich. Auch in Hinsicht der beiden Männer hoffen wir christlich, daß sie sich in Jesu Namen niedergelegt und mit Gebet eingeschlafen sind. Wer sich aber betend zu Jesu bekennt, zu dem bekennt Er sich segnend. Wer mit Jesu schlafen geht, mit Freuden wieder aufersteht, – mit Freuden wieder aufersteht, sei es im Diesseits oder im Jenseits, auf Erden oder im Himmel. Und so vertrauen wir zu dem unaussprechlichen Erbarmen Gottes, daß auch sie den Frieden gefunden haben, der höher ist, denn alle Vernunft, und daß ihre Seelen umflossen sind von himmlischer Klarheit.

Doch auch wir wollen aus dem schmerzlichen Ereigniß einen Gewinn ziehen, nämlich den, daß wir uns die Ermahnungen des Herrn recht tief einprägen: Wachet, denn ihr wisset nicht, welche Stunde euer Herr kommen wird. Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet! Gar oft können's wir erfahren, daß des Menschen Sohn erscheinet zu der Zeit, da man's nicht meinet. Ein einziger Schlag kann Alles enden, Alles entscheiden! Wohl uns, wenn wir alsdann wohlbereitet, wenn unsere Namen im Buche des Lebens verzeichnet sind. Endlich wollen wir auch des Dankes nicht vergessen, des Dankes für alle Liebeserweisungen Gottes und für die bisherige Bewahrung vor Schaden an Leib und Leben, an Gut und Ehre. Aber wir wissen, daß es mit dem „Herr, Herr sagen“ nicht gethan ist, auch nicht mit süßen Worten und Gefühlen, denn in Christo Jesu gilt der Glaube, der durch die Liebe thätig ist. Und wenn nun ihr Lieben aus der Nähe und Ferne, wenn in diesen Tagen mit Bewilligung des königl. Bezirksamtes Fürth durch die hiesige Gemeindeverwaltung Boten zu Euch gesendet werden, so nehmet sie freundlich auf und bedenket, daß sie für die Beschädigten im Namen Jesu zu Euch kommen, im Namen Jesu, der da spricht: Was ihr gethan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir gethan. Das walte der Dreieinige. Amen.

Personalien

im Betreffe der am 15. März 1866, Nachts gegen 11 Uhr, zu Roßstall im Hause Nr. 50 verunglückten, theils gestorbenen, theils geretteten Schneider- und Silberhorn'schen Eheleute und deren Kinder.

A. Verunglückt und gestorben sind:

  1. Johann Schneider, Altsitzer, Wittwar, 68 Jahre alt;
  2. dessen Sohn, Adam Schneider, Gütler, Ehemann, 34 Jahre 9 Monate 23 Tage alt;
    dessen sämtliche Kinder:
  3. Barbara Schneider, 7 Jahr 10 Monate 24 Tage alt;
  4. Johann Michael Schneider, 4 Jahre, 3 Monate, 6 Tage alt;
  5. Johann Georg Schneider, 2 Jahre 1 Monat 19 Tage alt;
    ferner:
  6. Georg Konrad Silberhorn, 5 Jahre 9 Monate 18 Tage alt, und
  7. Johann Konrad Silberhorn, 3 Jahre 11 Monate 23 Tage alt.

B. Verunglückt, aber gottlob gerettet worden sind:

  1. Maria Elisabetha Schneider, Ehefrau des oben unter Nr. 2 genannten Adam Schneider, geborne Ringler;
  2. Heinrich Silberhorn, Webergeselle, Vater der oben unter Nr. 6 und 7 genannten Söhne;
  3. dessen Ehefrau Anna Silberhorn, geborene Körber, Mutter, und deren jüngstes Kind:
  4. Sabina Barbara Silberhorn, 1 Jahre alt.

Lied: 515, 1.

Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen;
Wen suchen wir, der Hülfe thu, daß wir Gnad erlangen?
Das bist Du, Herr alleine.
Uns reuet unsre Missetat, die Dich, Herr, erzürnet hat.
Heiliger Herre Gott, heiliger, starker Gott,
Heiliger, barmherziger Heiland, Du ewiger Gott,
Laß uns nicht versinken in des bittern Todes Noth.
Kyrie eleison!

Roßstall, den 22. März 1866.
Kündinger, königl. I. Pfarrer.

Nachtrag

Herr Leonhard Hegendörfer, jetzt (1926) 67 Jahre alt, gibt noch an:

Das Unglück ereignete sich in der Nacht vom 15. auf 16. März 1866. Das Wetter war schön und es regnete nicht, (wie so oft angenommen wird). Dort wo jetzt die hohe Schloßmauer steht, war die vordere Front der zerstörten 2 Wohnhäuser und einer Scheune. Hinter diesen Gebäuden waren noch kleine Hofräume, so daß die alte Festungsmauer fast senkrecht zum Schlosse und zu dem danebenstehenden kleinen Hause des Herrn Arlt (später in der Kappel wohnhaft) cka 16 Meter emporstieg.

Das Haus Nr. 51, welches dem Gütler Adam Hegendörfer gehörte, wurde stark beschädigt. Sowohl die hintere Mauer als auch die Frontmauer litten so großen Schaden, daß sie nicht mehr das obere Stockwerk und den Dachstuhl getragen hätten, wenn nicht die mit beiden gleichlaufende sogenannte Feuermauer zwischen Wohnzimmer und Küche massiv gewesen wäre. Von den 5 Inwohnern war nur die Großmutter leicht verletzt.

An das Haus Nr. 51 schloß sich östlich ein kleiner Hofraum, an diesen das Unglückshaus Nr. 53 und nach einem kleinen Zwischenraum die Scheune des Herrn Steigmann, die von Hegendörfer benützt wurde, an.

Das Haus Nr. 50 wurde im Erdgeschoß von der Familie Schneider und im 1. Stock von der Familie Silberhorn bewohnt.

Sämtliche Glieder der Familie Schneider, auch der Ehemann Adam Schneider, der eine halbe Stunde vor dem Unglück aus der Kandelschen Wirtschaft heimgekehrt war, wurden verschüttet und bis auf die Ehefrau Maria Elisabetha Schneider getötet. Letztere konnte nach 8 Stunden ohnmächtig zwischen Balken hervorgezogen werden. Das Rettungswerk war schwierig, weil die alte Mauer aus sehr großen, unregelmäßigen Steinen bestand, die nur in zerkleinertem Zustande entfernt werden konnten. Das Zerkleinern an Ort und Stelle aber mußte mit großer Vorsicht geschehen, weil man unter den Trümmern eine menschliche Stimme hörte; es waren die Hilferufe der Frau Schneider, die erst am Morgen befreit werden konnte.

Die alte Mauer war in ihrer Mitte herausgedrückt. Ein Einsturz hatte einen sehr starken dumpfen Schlag verursacht, der noch in dem 3 Kilometer entfernten Buttendorf gehört worden war.