In der Presse:
Kräutergärtner in mittelalterlicher Tradition

Reinhard Baumann pflegt die nach historischem Vorbild angelegten Beete im Garten des Roßtaler Heimatmuseums

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Reinhard Baumann pflegt in Roßtal den Kräutergarten am Museumshof. Fast täglich sieht er nach dem Rechten. Als Vorbild für die Anlage dient ihm eine Schrift aus dem Jahr 840. Foto: Florian Burghardt

VON FLORIAN BURGHARDT

Während für die alltäglichen Wehwehchen immer neue Pillen und Präparate auf den Markt kommen, schwört Reinhard Baumann auf mittelalterliche Rezepturen. Seit drei Jahren kümmert sich der Roßtaler fast täglich um den ortseigenen Kräutergarten am Museumshof. Die Vorgaben für seine Arbeit erhält er dabei aus einem fast 1200 Jahre alten Gedicht.

ROSSTAL – „Manche unserer 24 angebauten Kräuter wurden im Mittelalter so teuer gehandelt wie Gold und Ebenholz“, weiß Baumann. Seit 2012 kümmert sich der gebürtige Roßtaler um die rund 130 Quadratmeter umfassende Anlage von Kräuterbeeten im Garten des Heimatmuseums in der Schulstraße. „Bei einem Besuch des Heimatmuseums 2012 habe ich bemerkt, dass sich der Garten in einem desolaten Zustand befand und nicht mehr in allen Punkten der historischen Vorgabe entsprach. Ich habe mich dann spontan entschlossen, die Pflege zu übernehmen“, erinnert sich der Hobbygärtner.

Die historische Vorgabe ist auch der Grund, warum genau 24 verschiedene Kräuter in Roßtal angebaut werden. Im Jahre 840 hatte der Reichenauer Mönch Walahfrid Strabo, einer der Vorreiter der Kräuterheilkunde, in seinem Lehrgedicht »Hortulus« diese 24 Kräuter als maßgeblich für die Klostermedizin festgelegt. Auch heute findet seine lyrische Zusammenstellung noch große Beachtung. Sogar solch große, dass im Jahr 2004 anlässlich der 1050-Jahr-Feier des Marktes Roßtal nach Strabos Vorgaben ein Klostergarten angelegt wurde.

„Bevor sich jetzt so mancher wundert, sei gesagt: Es gab natürlich nie ein Kloster in Roßtal“, berichtigt Baumann. „Allerdings lässt sich aus verschiedenen Gründen darüber spekulieren, ob der Bau eines solchen hier geplant war oder es sich vielleicht sogar bereits in der Entstehung befand“, erklärt er weiter.

Baumann, seinerseits Gründungsmitglied des Roßtaler Heimatvereins, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Entstehungsgeschichte seines historischen Heimatorts. Laut seinen Informationen hatte die heilige Irmingard im Jahre 1030 in Roßtal eine Kirche bauen lassen. Ihrem Tross sollen neben zahlreichen Bediensteten und Handwerkern auch Klosterschwestern angehört haben. „Nach ihrem Tod soll es hier viele Wallfahrer gegeben haben. In alten Schriften wird von einem großartigen und wunderschönen Hochgrab berichtet“, so Baumann.

Kloster in Entstehung

Aufgrund der Größe der Kirchenanlage vermutet er, dass sich ein Kloster bereits in der Entstehung befand. „Sehr wahrscheinlich ist es aufgrund von Ausgrabungen aber, dass hier in Roßtal bereits damals eine Kultivierung von Heilpflanzen stattgefunden hat“, meint Baumann.

Diese Kultivierung treibt nun fast täglich der 67-jährige Rentner voran. Und nicht nur mit der Theorie der 24 Kräuter kennt sich Baumann aus. Unkraut jäten, stutzen, gießen – jetzt im Sommer ist er jeden Tag zugange. „Die Arbeit und die Beschäftigung mit dem Thema Heilkräuter bereitet mir aber auch große Freude. Meine Lieblingspflanze ist der Muskatellersalbei“, verrät er. Außerdem kommen jetzt in den warmen Monaten fast täglich Besucher in den Garten. Diesen empfiehlt Baumann stets das Berühren oder Schütteln der Kräuter. „Das verbreitet jedes Mal einen sehr angenehmen Duft“, weiß der ehemalige Drogist, der auch beruflich oft mit der Pflanzenkunde zu tun hatte.

Weil der Garten immer geöffnet und für jedermann zugänglich ist, würde sich Baumann aber noch mehr Besucher wünschen. „Viele Roßtaler wissen gar nicht, was das hier für ein besonderes Fleckchen ist.“

Eine Kostprobe von Baumanns Arbeit können sich am 13. September die Besucher des Museumshoffests mit nach Hause nehmen. Gegen eine Spende will der Betreuer des Roßtaler Klostergartens dann ein Kräutersalz zum Würzen für die heimische Küche anbieten. Gemischt selbstverständlich nach mittelalterlichem Originalrezept.

Quelle: Fürther Nachrichten vom 28.8.2015, FLL S. 3