Geflochtene Vielfalt

Sonderschau im Museumshof Roßtal zeigt Korbwaren

von Sabine Dietz

Einer der ältesten Handwerkstechniken der Menschheit widmet sich die neue Sonderausstellung im Museumshof Roßtal. Kaum Werkzeug braucht diese Kunst, lediglich geschickte Hände und biegsames Material, wie es Weide, Binsen und Stroh oder Holz und Bast liefern: „Flechtwerk aus Naturmaterialien“ ist ab Sonntag, 23. September, 11 Uhr, im Anwesen an der Schulstraße zu sehen. Zusammengestellt haben die Exponate im Zwischenbau des Bauernhofs aus dem 16. Jahrhundert Luise Handschuch und Anita Nagel vom Heimatverein.

ROSSTAL - „Ich hab' nur die Arbeit gemacht“, scherzt Anita Nagel. Die Exponate selbst stammen zum Großteil aus Luise Handschuchs privatem Fundus. Der Anteil, den die Roßtaler ansonsten üblicherweise bereitwillig zu den Sonderschauen beisteuern, sei dieses Mal minimal. Handschuchs Sammeleifer ist ortsbekannt und sie kann auch Alltagsgegenständen etwas abgewinnen – gleich, ob aus der Gegenwart oder der Vergangenheit, lieber freilich hochbetagt.

Der große Brotkorb war ein Klassiker in der Backstube, bevor er aus hygienischen Gründen ausgemustert wurde. Welchen Zweck das geflochtene Oval erfüllte, konnte Luise Handschuch (im Bild) jedoch noch nicht ergründen.
Foto: Hans G. Esterl

Im Fall der Flechtwaren wundert es da nicht, dass die Ausstellungsstücke, die das Duo Handschuch und Nagel liebevoll zusammenstellte, jeder aus dem eigenen Haushalt kennt, zumindest das meiste davon. So ein alter Korbstuhl steht doch noch heute im Flur zu Hause, die Wäschetruhe mit dem gepolsterten Deckel, die war im elterlichen Haus auch mal da, nur: Wo ist die bloß abgeblieben? Aus Omas Haushalt hat sich vielleicht auch noch der Teppichklopfer in den standardmäßig mit Staubsauger ausgerüsteten Besenschrank gerettet. Und Obst- und Brotkörbe – wer hat die nicht am Esstisch stehen? Ein geflochtener Puppenwagen oder -fahrradsitz dürfte in der mittleren Generation Erinnerungen an die Kindheit wecken.

Die Exponate sind aus gesottener Weide, die nach ein paar Stunden in kochend heißem Wasser die Gerbsäure der Rinde annimmt und dadurch ihren typischen rotbraunen Ton erhält oder in heller Ausführung der geschälten Weide. Aus Strohwülsten geformt sind die Brotkörbe, in denen die Bäcker einst die Laibe lagerten, damit der Sauerteig aufgehen konnte. Aus hygienischen Gründen allerdings sind sie längst aus den Backstuben verbannt. Weniger robust dagegen sind die Holzspanarbeiten, die ihren Ursprung im Erzgebirge haben. Schmale, mit der Furnierschneidemaschine entlang der Jahresringe geschälte Streifen werden da zu Körben verwoben. Auch die verschiedenen Techniken samt Flechtmuster macht die Ausstellung anschaulich.

Die Sparte Kurioses

Eher in die Sparte Kurioses fällt der Kamm- und Bürstenhalter für die Wand oder der mit besticktem Samt verkleidete Zeitungsständer. Die Pantöffelchen, „Kindertappen“ nennt sie Luise Handschuch, „wurden durchaus getragen“, versichert die Sammlerin. Alles schon älter, genauso wie das Kindergarten-Täschle oder Handschuchs eigenes Deckelkörbchen, in dem sie ihre Handarbeitsutensilien zur Schule trug. Die junge Luise war stolz darauf, „so etwas konnt' sich nicht jeder leisten“.

„Es gab einfach alles in geflochtener Ausführung“, sagt sie. Fürs Puppenhaus-Format waren die nützlichen, alltagstauglichen Gegenstände auch in klein zu haben, dann allerdings ganz fein mit der Pinzette verwoben. Und garantiert handgearbeitet, wie alle Exponate, die die Schau zeigt.

Nur von dem ananasgroßen und mit kunstvoll eingeflochtenen Mustern verzierten Oval kann Luise Handschuch nicht sagen, welchem Zweck es diente. Der kreisrunde Ring am einen Ende, der schön übers Handgelenk passt, legt den Schluss nahe, es könnt' ein Handtäschchen gewesen sein. „Nur ist das Ding schon so alt, dass ich niemanden mehr fragen kann, welchen Sinn es hatte.“ Die Entstehung datiert Handschuch in die Zeit um die Wende vom 19. aufs 20. Jahrhundert.

Viele Korbwaren, auch der Roßtaler Ausstellung, haben ihren Ursprung im oberfränkischen Lichtenfels, das noch heute Deutschlands Korbmacherzentrum ist und die bundesweit einzige Fachschule fürs Flechthandwerk beheimatet. Doch auch lokale Korbmachergeschichte beleuchtet die Schau: Bei der Arbeit abgelichtet, geben sich die Roßtaler Korbmachermeister Ernst Martin Bühler (1898–1969) und Josef Kniewasser (1907–1991) auf alten Fotografien die Ehre.

Anita Nagel ist bei der Vorbereitung der Ausstellung erst richtig auf den Geschmack gekommen. Im Internet fand Nagel Infos en masse. Auch im Deutschen Korbmuseum im oberfränkischen Michelau hat sie sich vorab mit Luise Handschuch umgesehen. Von dort kommt auch der kleinste Korb der Welt, groß wie ein Fingerhut, der in Michelau als Werbe-Gag verteilt wird, allerdings erst zur Ausstellungseröffnung in Roßtal ankommen soll. Gern wird er von Damen an Männer überreicht, berichtet Nagel. Die Übergabe werde dann versehen mit dem Kommentar: „Haben Sie schon mal einen Korb von einer Frau gekriegt? Nein? Dann kriegen sie jetzt einen…“

Quelle: Fürther Nachrichten, 14.09.2012